Präsident Roosevelt hatte im Frühjahr 1902 wenig Schwierigkeit, sich Fräulein Keller verständlich zu machen; sie verstand jedes Wort, denn des Präsidenten Sprache ist äußerst deutlich.
Man darf nicht vergessen, daß das Sprechen in keiner Weise etwas zu Fräulein Kellers erster Erziehung beitrug, obgleich sie ohne Sprachfertigkeit schwerlich imstande gewesen wäre, die höheren Schulen und die Universität zu besuchen. Aber sie weiß besser als sonst jemand, was für einen unermeßlichen Wert die Sprache für sie hat. Das beredteste Zeugnis dafür legt die Ansprache ab, die Helen am 8. Juli 1896 bei der fünften Versammlung der »Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen« in Mt. Airy bei Philadelphia gehalten hat. Sie lautet folgendermaßen:
Wüßten Sie, welche Freude mich beseelt, daß ich imstande bin, heute zu Ihnen zu sprechen, so würden Sie, glaube ich, einen Begriff von dem Werte der Sprache für die Tauben erhalten und verstehen, weshalb ich es wünsche, daß jedes taubstumme Kind auf dieser ganzen großen Welt Gelegenheit fände, sprechen zu lernen. Ich weiß, daß über diesen Gegenstand viel gesprochen und geschrieben worden ist und daß in Bezug auf den mündlichen Unterricht eine große Meinungsverschiedenheit zwischen den Taubstummenlehrern herrscht. Es erscheint mir äußerst seltsam, daß hier überhaupt von einer Meinungsverschiedenheit die Rede sein kann; ich kann nicht verstehen, wie jemand, der sich für unsere Erziehung interessiert, uns die Genugtuung nicht soll nachfühlen können, die wir empfinden, wenn wir imstande sind, unsere Gedanken in lebendigen Worten auszudrücken. Ich für meine Person wenigstens pflege beständig zu sprechen, und ich weiß nicht, wie ich Ihnen den Genuß schildern soll, den mir dieses gewährt. Natürlich weiß ich, daß es für Fremde nicht immer leicht ist, mich zu verstehen, aber auch das wird sich nach und nach ändern, und inzwischen habe ich das unaussprechliche Glück, zu wissen, daß meine Angehörigen und Freunde sich über meine Fähigkeit zu sprechen freuen. Meine kleine Schwester und mein kleiner Bruder haben es gern, wenn ich ihnen an den langen Sommerabenden Geschichten erzähle, und meine Mutter und meine Lehrerin bitten mich oft, ihnen aus meinen Lieblingsbüchern vorzulesen. Ebenso bespreche ich politische Dinge mit meinem geliebten Vater, und wir entscheiden die verwickeltsten Fragen gerade so befriedigend für uns, wie wenn ich sehen und hören könnte. So sehen Sie, was die Sprache für ein Segen für mich ist. Sie bringt mich in engere und zärtlichere Beziehungen zu denen, die ich liebe, und ermöglicht es mir, mich der trauten Gesellschaft einer großen Zahl von Menschen zu erfreuen, von der ich völlig abgeschnitten sein würde, wenn ich nicht sprechen könnte.
Ich kann mich noch der Zeit entsinnen, bevor ich sprechen lernte, und wie ich mich bemühte, meine Gedanken mittels des Fingeralphabets auszudrücken — wie meine Gedanken fortwährend gegen meine Fingerspitzen schlugen wie kleine Vögel, die nach Freiheit strebten, bis eines Tages Fräulein Fuller ihnen die Kerkertür weit öffnete und sie entfliehen ließ. Ich möchte wohl wissen, ob sie sich noch daran erinnert, wie munter und fröhlich sie ihre Schwingen entfalteten und davonflatterten. Natürlich fiel ihnen das Fliegen anfangs ziemlich schwer. Die Sprachschwingen waren schwach und gebrochen und hatten alle Anmut und Schönheit verloren, die sie einst besessen hatten; es war in der Tat nichts übriggeblieben als der Trieb, zu fliegen; aber dies war immerhin schon etwas. Wer den Trieb zum Schweben in sich fühlt, kann nie mehr mit dem Kriechen zufrieden sein. Nichtsdestoweniger aber kam es mir bisweilen vor, als würde ich meine Sprachschwingen nie so gebrauchen können, wie ich sie nach Gottes Ratschluß benutzen sollte; es stellten sich mir so viele Hindernisse in den Weg, ich mußte so viele Enttäuschungen erfahren; aber ich ermüdete nicht, da ich wohl wußte, daß Geduld und Ausdauer am Ende den Sieg erringen. Und während ich unausgesetzt an mir arbeitete, baute ich die schönsten Luftschlösser und gab mich den entzückendsten Träumen hin, daß einst eine Zeit kommen würde, da ich so sprechen würde wie andere Menschen, und der Gedanke an die Freude, die meine Mutter empfinden würde, wenn sie noch einmal meine Stimme hören könnte, versüßte mir jede Mühe und machte jeden Fehlschlag zu einem Ansporn, mich das nächstemal noch mehr anzustrengen. Daher möchte ich zu denen, die sprechen lernen, und ebenso zu denen, die diese sprechen lehren, sagen: Seid gutes Mutes! Denkt nicht an die Fehlschläge von heute, sondern an den Erfolg, der morgen kommen wird. Ihr habt euch eine schwierige Aufgabe gestellt, aber ihr werdet euer Ziel erreichen, wenn ihr Ausdauer besitzet und ihr werdet Freude am Ueberwinden von Schwierigkeiten, Genuß am Begehen rauher Pfade finden — eine Genugtuung, die euch vielleicht nie zuteil würde, wenn ihr nicht ab und zu rückwärts glittet, wenn die Straße stets eben und glatt wäre. Beherziget die Wahrheit, daß keine Anstrengung, die wir machen, um ein herrliches Ziel zu erreichen, je verloren geht. Einst, irgendwo, irgendwie werden wir finden, was wir suchen. Ja, wir werden sprechen und auch singen, wie wir nach Gottes Ratschluß sprechen und singen sollen.
[28] Die Buchstaben bezeichnen englische Laute!
Helen Keller als Schriftstellerin.
Helen Kellers hervorragende stilistische Begabung und deren Pflege. — Gute Lektüre. — Unausgesetzte Kontrolle der Stilübungen Helens durch Fräulein Sullivan. — Fräulein Sullivans Darstellung der Episode mit dem »Frostkönig«. — Gegenüberstellung der beiden Fassungen des Märchens. — Fräulein Canbys Aeußerungen über den Zwischenfall. — Allgemeine Betrachtungen über den »Frostkönig«. — Kleinerer Aufsatz Helens über ihr Traumleben.
Niemand kann Fräulein Kellers Selbstbiographie lesen, ohne die Empfindung zu haben, daß sie ein außergewöhnlich gutes Englisch schreibt. Jeder Aufsatzlehrer weiß, daß er seine Schüler dahin bringen kann, ohne syntaktische und phraseologische Fehler zu schreiben. Eben diese Korrektheit ist es, die sich Fräulein Kellers früheste Erziehung als ein Ziel gesteckt hat, das jedes gesunde Kind erreichen kann, für die aber auch die Analysis dieser Erziehung eine Erklärung bietet. Diejenigen, die Helen zu einer Ausnahme stempeln möchten, die sich durch keinerlei Analyse ihrer ersten Erziehung erklären ließe, berufen sich zur Unterstützung ihrer Behauptung auf die außerordentliche Gewandtheit, mit der sie schon als Kind die Sprache handhabte.
Diese Berufung ist bis zu einem gewissen Grade gerechtfertigt, denn in der Tat sind der Wohllaut der Sprache und die Schönheit der Gedanken, die den vollendeten Stil ausmachen, freie Gaben der Götter. Kein Lehrer hätte Helen für die Schönheiten der Sprache und das feinere Herüber- und Hinüberspielen der Gedanken empfänglich machen können, das seinen Ausdruck in wohlklingenden Wortzusammenstellungen sucht.