Andererseits kann aber die angeborene stilistische Begabung unterdrückt oder gepflegt werden. Kein Genie vermag aus sich selbst heraus eine schöne Sprache zu schaffen. Der Stoff, aus welchem sich der gute Stil bildet, muß dem Geiste in guter Form von außen her zugeführt werden. Kein noch so begabtes Kind wird ein gutes Englisch schreiben können, wenn es nicht von Jugend auf gutes Englisch gehört hat. In diesem Punkte, wie in allen anderen, hat sich Fräulein Sullivan als weise Lehrerin bewährt. Hätte sie kein Gefühl und keine Begeisterung für gutes Englisch besessen, so würde Helen Keller unter dem Einfluß der »Jugendliteratur« aufgewachsen sein, die unter dem Vorwande eines für Kinder berechneten einfachen Stils das Niveau der Sprache herunterdrückt, als ob Kinderbücher nicht auch in gutem Stile abgefaßt sein könnten, wie z. B. Robinson Crusoe.
Schriebe Fräulein Sullivan ein gewähltes Englisch, so ließe sich die Schönheit von Helen Kellers Stil zum Teil unmittelbar erklären. Aber die mitgeteilten Auszüge aus Fräulein Sullivans Briefen und Berichten weisen, obgleich sie klar und deutlich sind, nicht die Schönheit auf, durch die sich Helen Kellers Englisch auszeichnet. Was sie als Lehrerin des Englischen geleistet hat, darf nicht nach ihrer eigenen stilistischen Gewandtheit bemessen werden. Der Grund, weswegen sie ihrer Schülerin so viele gute Bücher vorlas, liegt zum Teil darin, daß sie erst vor kurzem ihr Augenlicht wieder erlangt hatte. Als sie Helen Kellers Lehrerin wurde, war sie eben erst zum Bewußtsein der in den Büchern ruhenden Schätze erwacht, von denen sie während der langen Jahre ihrer Blindheit ausgeschlossen gewesen war.
In Hauptmann Kellers Bibliothek fand sie ausgezeichnete Bücher vor: Lambs »Tales from Shakespeare« und die noch vortrefflicheren Schriften von Montaigne. Nach Ablauf des ersten, dem Elementarunterricht gewidmeten Jahres betrachtete sie ihre Schülerin als mit ihr auf demselben Standpunkt stehend, und nun lasen beide die guten Bücher zusammen, und erfreuten sich an ihnen.
Außer der Wahl guter Bücher gibt es noch einen anderen Grund für Fräulein Kellers ausgezeichnete schriftstellerische Leistungen, der Fräulein Sullivans ausschließliches Verdienst ist. Es ist die unermüdliche und unablässige Kontrolle, die sie in ihrer gesamten Tätigkeit kundgibt. Sie gestattete ihrer Schülerin niemals, einen Brief abzuschicken, der Verstöße gegen den guten Geschmack enthielt, sondern ließ sie ihn immer und immer wieder abschreiben, bis er nicht nur fehlerlos, sondern auch gut stilisiert war.
Ein weiterer Umstand, der zu Helen Kellers meisterhafter Beherrschung der englischen Sprache beigetragen hat, besteht gerade darin, daß sie des Gesichts und Gehörs beraubt ist. Die Nachteile der Taubheit und Blindheit waren überwunden worden, und die Vorteile blieben. Sie zeichnet sich vor anderen Tauben aus, weil sie unterrichtet wurde, als wäre sie normal. Andererseits veranlaßt sie der spezielle Wert, den die Sprache für sie hat (während die Vollsinnigen diese als ebenso selbstverständlich betrachten wie den Gebrauch ihrer rechten Hand), zum Nachdenken über die Sprache und zu deren Wertschätzung. Die Sprache war Helens Befreierin, die sie vom ersten Augenblick an liebte.
Den besten Beweis für Helens frühzeitige Gewandtheit im Gebrauche der englischen Sprache liefert der Zwischenfall mit dem »Frostkönig«. Zu der Darstellung, welche Fräulein Keller selbst davon gibt,[29] tritt ergänzend ein Brief Fräulein Sullivans an den Leiter des »Volta-Bureau« John Hitz in Washington. Es heißt darin unter anderem:
„Vielleicht entsinnen Sie sich, daß in meinem Aufsatz,[30] in dem ich Helens ungewöhnliches Gedächtnis erwähne, sich auch die Bemerkung findet, daß sie in ihrem Geist viele Ausdrucksformen zu bewahren scheint, die sie zu der Zeit, als sie ihr mitgeteilt wurden, wahrscheinlich noch nicht verstand, daß aber mit fortschreitender Entwickelung die in ihrem Gedächtnis aufbewahrte Sprache ganz oder teilweise ihren Ausdruck in Helens Unterhaltung oder ihren schriftlichen Aeußerungen findet, je nachdem sich diese Ausdrucksformen mehr oder weniger ihren neuen Erfahrungen anpassen.[31] Zweifellos ist dies bei jedem intelligenten Kinde der Fall und verdient vielleicht bei Helen nur von dem Gesichtspunkte aus besondere Erwähnung, daß man von einem des Gesichts und Gehörs beraubten Kinde nicht eine so bedeutende geistige Begabung erwartet, wie sie dieses kleine Mädchen tatsächlich zeigt. Es ist daher auch sehr leicht möglich, daß wir geneigt sind, vieles, was wir in Helens Entwickelung entdecken, als wunderbar zu betrachten, was aber in der Tat eine solche Bezeichnung gar nicht verdient.
Ich möchte hinzufügen, daß, während ich nie verkannt habe, daß Helen vielfach Gebrauch von solchen Schilderungen und Vergleichen machte, wie sie ihrer lebhaften Phantasie und feinen poetischen Natur entsprachen, mich neuere Beobachtungen davon überzeugt haben, daß ich früher noch nicht in vollem Maße erkannt habe, bis zu welchem Grade sie sich die Sprache ihrer Lieblingsschriftsteller zu eigen macht. In den ersten Jahren ihrer Erziehung hatte ich volle Kenntnis von allen Büchern, die sie las, und von nahezu allen Erzählungen, die wir ihr vorlasen, und konnte ohne Schwierigkeit die Quelle aller Anlehnungen feststellen, die ich in ihren schriftlichen Aeußerungen oder ihrer Unterhaltung bemerkte, und ich habe mich immer recht gefreut, zu beobachten, wie angemessen sie die Ausdrücke eines Lieblingsschriftstellers in ihren eigenen Ausarbeitungen anwendet.
Die folgenden Auszüge aus einigen ihrer veröffentlichten Briefe beweisen, wie stark dieses Vermögen, eine schöne Sprache im Gedächtnis zu bewahren, bei ihr ausgebildet ist. An einem schönen sonnigen Tage zu Beginn des Frühlings, den wir im Norden zubrachten, schien die balsamische Atmosphäre in ihr die Empfindung geweckt zu haben, die Longfellow im »Hiawatha« ausspricht, und sie singt beinahe mit dem Dichter: Die Erde erzitterte unter dem Jubel des neuerwachenden Lebens. Mein Herz sang vor lauter Freude. Ich dachte an mein teures Vaterhaus. Ich wußte, daß in jenem sonnigen Lande der Lenz schon in all seiner Pracht erschienen war, mit all seinen Vögeln und all seinen Blüten, all seinen Blumen und seinen Gräsern. —