„O, die Streiche, die die Nixe von Traumland uns während des Schlafes spielen! Ich glaube, es sind die Spaßmacher des himmlischen Hofhalts. Oft nehmen sie die Gestalt von Aufsatzthemen an, um mich zu verspotten, sie stolzieren auf der Bühne des Schlafes wie die törichten Jungfrauen einher, nur daß sie anstatt der leeren Lampen saubere Kollegienhefte in ihren Händen halten. Ein andermal examinieren sie mich kreuz und quer in allen Fächern, die ich je studiert habe, und stellen Fragen an mich, die so leicht zu beantworten sind, wie die folgende: Wie hieß die erste Maus, über die sich Hippopotamos, der Satrap von Cambridge unter Astyages, dem Großvater Kyros’ des Großen, ärgerte? Ich wache vor Entsetzen auf, während mir noch die Worte in den Ohren klingen: Eine Antwort oder das Leben!

Solchergestalt sind die verzerrten Phantasien, die durch die Seele eines Mädchens ziehen, das die Universität besucht und, wie ich es tue, in einer Atmosphäre von Ideen und Begriffen lebt, die halb Gedanken, halb Gefühle sind, die sich gegenseitig drängen und jagen, bis man beinahe verrückt wird. Ich habe selten Träume, die nicht im Zusammenhange mit dem stehen, was ich wirklich denke und fühle; aber eines Nachts schien sich meine ganze Natur verwandelt zu haben, und ich stand als mächtiger, furchtbarer Mann vor den Augen der Welt da. Selbstverständlich liebe ich den Frieden und hasse den Krieg nebst allem, was zum Kriege gehört; in der blutbefleckten Laufbahn Napoleons erblicke ich nichts Bewundernswertes, abgesehen von seinem Ende. Nichtsdestoweniger war in jener Nacht der Geist jenes mitleidslosen Menschenschlächters in mich gefahren! Ich werde es nie vergessen, wie die Kampfeswut in meinen Adern tobte — es schien, als wolle das stürmische Schlagen meines Herzens mir den Atem nehmen. Ich ritt einen feurigen Renner — ich kann noch jetzt das ungeduldige Emporwerfen seines Kopfes und den Schauer fühlen, der beim ersten Kanonendonner durch seinen Körper rann.

Von dem Gipfel des Hügels aus, auf dem ich stand, sah ich meine Truppen über eine sonnenbeschienene Ebene anstürmen wie zornige Wellen, und als sie sich bewegten, erblickte ich das Grün der Felder, das aussah wie die kühlen Täler zwischen den Wogen. Trompeten erklangen mitten in den unaufhörlichen Trommelwirbel und den Massenschritt der heranmarschierenden Bataillone hinein. Ich spornte mein schnaubendes Roß, schwang mein Schwert in die Höhe und rief: Ich komme! Blickt auf mich, Krieger — Europa! Ich stürzte mich in die heranbrausenden Wogen wie ein starker Schwimmer in die Brandung taucht und stieß — ach, es ist die Wahrheit! — gegen den Bettpfosten.

Jetzt schlafe ich selten, ohne zu träumen; bevor aber Fräulein Sullivan zu mir kam, waren meine Träume selten und mit Ausnahme derer von rein physischer Natur, gedankenarm und zusammenhanglos. In meinen Träumen fiel stets etwas plötzlich und schwer herab, und mitunter schien mich meine Wärterin für mein unfreundliches Benehmen, das ich im Laufe des Tages gegen sie gezeigt hatte, zu züchtigen und mir meine Fußtritte und mein Kneifen mit Wucherzinsen heimzuzahlen. Ich fuhr aus meinem Schlafe empor unter verzweifelten Anstrengungen, meiner Peinigerin zu entgehen. Ich aß sehr gern Bananen und eines Nachts träumte mir, ich fände eine lange Schnur mit diesen Früchten in dem Speisezimmer, in der Nähe des Buffets, alle geschält und von köstlicher Reife, und alles, was ich zu tun hatte, war, daß ich mich unter die Schnur stellte und aß, soviel ich konnte.

Nachdem Fräulein Sullivan zu mir gekommen war, träumte ich umso öfter, je mehr ich lernte; aber mit dem Erwachen meines Geistes stellten sich oft schreckhafte Phantasien und unbestimmte Furchtanwandlungen ein, die meinen Schlaf lange Zeit zu einem sehr unruhigen machten. Ich fürchtete mich vor der Dunkelheit und liebte das Kaminfeuer. Sein warmer Hauch kam mir wie die Liebkosung einer Menschenhand vor, ich glaubte wirklich, es sei ein beseeltes Wesen, imstande, mich zu lieben und zu beschützen. An einem kalten Winterabend war ich allein in meinem Zimmer. Fräulein Sullivan hatte das Licht gelöscht und war fortgegangen, in der Meinung, ich schliefe schon. Mit einem Male fühlte ich mein Bett erzittern, und es war mir, als spränge ein Wolf auf mich zu und heulte mich an. Es war nur ein Traum, aber ich hielt ihn für Wirklichkeit und geriet in das größte Entsetzen. Ich wagte nicht zu schreien, aber ich wagte auch nicht im Bett zu bleiben. Vielleicht war der Traum eine verworrene Erinnerung an das Märchen vom Rotkäppchen, das ich vor kurzem gehört hatte. Jedenfalls schlüpfte ich aus dem Bett und kauerte mich dicht neben dem Feuer nieder, das noch nicht ausgebrannt war. Sobald ich seine Wärme fühlte, war ich beruhigt, und ich saß lange Zeit da und sah es in leuchtenden Wogen höher und immer höher steigen. Schließlich übermannte mich der Schlaf, und als Fräulein Sullivan zurückkehrte, fand sie mich in eine Decke gehüllt am Herde liegen.

Oft, wenn ich träume, ziehen Gedanken durch meinen Sinn wie vermummte Schatten, schweigend und in weiter Ferne, und verschwinden dann. Vielleicht sind es die Geister von Gedanken, die einst den Geist eines Vorfahren von mir bevölkerten. Zu anderen Zeiten fallen die Dinge, die ich gelernt habe, und die, in denen ich unterrichtet worden bin, von mir ab, wie die Eidechse ihre Haut abstreift, und ich erblicke dann meine Seele so, wie Gott sie sieht. Es gibt auch schöne, seltene Augenblicke, in denen ich im Traumland sehe und höre. Wie, wenn in meinen wachen Stunden ein Ton durch die schweigenden Hallen des Gehörs erklänge? Wie, wenn ein Strahl des Lichtes durch die dunklen Gemächer meiner Seele blitzte? Was würde sich dann ereignen? frage ich mich immer und immer wieder. Würde die allzustraff gespannte Saite des Lebens springen? Würde das Herz, überwältigt von freudigem Schreck, infolge des Uebermaßes von Glück aufhören zu schlagen?

[29] Vergl. [S. 62 ff.]

[30] Gemeint ist der Beitrag Fräulein Sullivans zu dem von dem genannten Bureau herausgegebenen »Souvenir Helen Keller« (vergl. [S. 205]).

[31] Fräulein Sullivan führt in ihrem Aufsatze folgendes an: Im Laufe des Winters (1891/92) ging ich mit Helen einmal während eines leichten Schneegestöbers in den Hof und ließ sie die herunterfallenden Flocken befühlen. Sie schien sich darüber sehr zu freuen. Als wir wieder hineingingen, äußerte sie folgende Worte: Out of the cloud-folds of his garments Winter shakes the snow. Ich fragte sie, wo sie dies gelesen habe, sie erwiderte, sie könne sich nicht erinnern, es gelesen zu haben, und schien sich auch nicht zu entsinnen, daß ihr die Worte von irgend jemand mitgeteilt worden seien. Da ich selbst diese Worte nie gehört hatte, fragte ich mehrere meiner Bekannten, ob sie sich ihrer erinnern könnten; doch schien dies bei niemand von ihnen der Fall zu sein. Die Lehrer des Instituts versicherten, daß diese Stelle sich in keinem in Hochdruck hergestellten Buche der Bibliothek befinde; aber eine Dame, Fräulein Marret, unterzog sich der Aufgabe, mit gewöhnlichen Typen gedruckte Gedichtsammlungen durchzusehen, ihre Mühe wurde auch belohnt, sie fand in einem der kleinen Gedachte Longfellows mit dem Titel: »Snow-flakes« folgende Verse:

Out of the bosom of the air,