De Quincey sagt in seiner Abhandlung über den Stil, das beste Englisch finde sich in den Briefen der gebildeten vornehmen Engländerinnen, weil diese nur einige gute Bücher gelesen haben und nicht durch den Zeitungsstil, den Jargon der Straße, des Marktes und der öffentlichen Versammlungen verdorben worden sind.

Genau diese selben äußeren Umstände kommen für Helen Kellers Englisch in Betracht. In den ersten Jahren ihrer Erziehung bekam sie nur gute Sachen zum Lesen; einiges darunter war allerdings trivial und zeichnete sich auch nicht besonders durch seinen Stil aus, aber nichts war nach Form oder Inhalt geradezu schlecht. Diese glücklichen Verhältnisse haben ihr ganzes bisheriges Leben lang angedauert. Sie hat sich an Werken der Phantasie genährt und aus diesen den Stil großer Schriftsteller in ihr starkes, zähes Gedächtnis aufgenommen. Als sie zwölf Jahre alt war, wurde sie gefragt, was für ein Buch sie auf eine lange Eisenbahnfahrt mitnehmen wolle. »Das verlorene Paradies«, war ihre Antwort, und sie las das Werk im Zuge.

In den Tagen, als Helen den ersten Entwurf ihrer Lebensgeschichte für den »Youth’s Companion« verfaßte,[34] schrieb ihr Dr. Holmes: „Ich bin entzückt über den Stil Ihrer Briefe. Es ist nichts Affektiertes in ihnen enthalten, und da sie Ihnen unmittelbar von Herzen kommen, so gehen sie auch mir unmittelbar zu Herzen.“

In den Jahren des Uebergangs vom Kinde zur Jungfrau verlor Helens Stil seine frühere Schlichtheit und wurde steif und, wie sie sich selbst ausdrückte, gedrechselt. Damals wurde Fräulein Sullivan oft von der Furcht befallen, daß die Fortschritte ihrer Schülerin mit dem Ende der Kindheit aufhören würden. Zuweilen schien es Fräulein Keller an Geschmeidigkeit zu gebrechen; ihr Gedankengang bewegte sich in herkömmlichen Redewendungen, und sie schien nicht die Kraft zu haben, diese zu ändern oder in neue Bahnen zu lenken, und erst als sie die Kunst des Ausdrucks zum Gegenstand eines bewußten Studiums gemacht hat, hat sie aufgehört, das Opfer der Phrase zu sein. Charles T. Copeland, der lange Jahre hindurch Professor der englischen Sprache und Literatur an der Harvard- und der Radcliffe-Universität gewesen ist, erklärte einst: „In einigen ihrer Arbeiten hat sie gezeigt, daß sie besser schreiben kann, als irgend ein Schüler oder eine Schülerin, die ich je gehabt habe. Sie besitzt ein ausgezeichnetes »Ohr« für den Fluß der Perioden.“ —

In allem, was Fräulein Keller geschrieben hat, zeigt sich, wie bei den meisten großen englischen Schriftstellern, unverkennbar der Einfluß des Stils der Bibel. In ihrer Selbstbiographie finden sich viele Zitate aus der Bibel, entweder als gesonderte Einfügungen in den Text oder in diesen hineinverwoben, während das Ganze ein durchaus selbständiges Gepräge trägt. Ihr Wortschatz umfaßt alle Ausdrücke, die andere gebrauchen, und die Erklärung dieser Erscheinung und zugleich das Vernunftmäßige, das darin liegt, muß jedermann einleuchten. Es liegt kein Grund vor, warum sie alle Wörter, die einen Gehörs- oder Gesichtseindruck bezeichnen, aus ihrem Wörterbuche streichen sollte. Solange sie die Wörter richtig gebraucht, sollte man ihr das Recht einräumen, sie nach freiem Ermessen zu verwenden und dürfte von ihr nicht verlangen, daß sie sich auf einen Wortschatz beschränke, der ihrem Mangel an Seh- und Hörvermögen entspreche. In Bezug auf die Form sowohl wie den Inhalt ihres Buches müssen wir der Künstlerin zugestehen, was wir der Autobiographin versagen. Dazu kommt, daß für »wahrnehmen« von den Blinden die Ausdrücke »blicken« und »sehen« und von den Tauben »hören« gebraucht werden; es sind allgemein verständliche und gebräuchlichere Wörter. Nur ein Wortklauber könnte daran denken, den Blinden auf den Terminus »wahrnehmen« festnageln zu wollen, wenn »sehen« und »blicken« um so viel natürlicher sind und außerdem allgemein sowohl die Bedeutung des geistigen wie des sinnlichen Erkennens haben. Wenn Fräulein Keller eine Statue befühlt, so sagt sie in ihrer natürlichen Ausdrucksweise, während ihre Finger über den Marmor gleiten: Sie sieht aus wie ein Kopf der Flora. —

Andererseits ist es richtig, daß sie in ihren Schilderungen das künstlerisch Beste dann leistet, wenn sie sich streng an ihre eigenen sinnlichen Wahrnehmungen hält, und genau dasselbe gilt von allen Künstlern.

Infolge des Unterrichts in der letzten Zeit hat sie gelernt, ein gut Teil ihrer herkömmlichen Ausdrucksweise über Bord zu werfen und über Erfahrungen ihres Lebens zu schreiben, die sie selbst gewonnen hat. Sie hat mehr und mehr begonnen, den Stil aufzugeben, den sie aus Büchern entlehnte und den sie zu gebrauchen suchte, weil sie wie andere Menschen zu schreiben wünschte; sie hat gelernt, daß sie das Beste gibt, wenn sie »fühlt«, wie die Lilien hin- und herschwanken, sich die Rosen in die Hand drücken läßt und von der Hitze spricht, die für sie Licht bedeutet.

Fräulein Kellers Selbstbiographie umfaßt nahezu alles, was sie zu veröffentlichen beabsichtigte.[35] Es existieren jedoch noch einige kleinere Aufsätze, die weder so formlos wie ihre Briefe noch so sorgfältig abgefaßt sind wie ihre Lebensgeschichte. Einer von diesen enthält Mitteilungen über ihr Traumleben, die bei einer Blinden von doppeltem Interesse sind; wir lassen ihn daher noch in Uebersetzung folgen.

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