Nun spricht Helen in ihrem Briefe vom Februar 1890 (s. oben [S. 328]), von diesem Märchen Fräulein Canbys als von einem Traume, den sie vor sehr langer Zeit als ganz kleines Kind gehabt habe. Sicherlich werden anderthalb Jahre einem kleinen Mädchen wie Helen als »sehr lange Zeit« erscheinen; wir haben daher Veranlassung zu der Annahme, daß die Märchen ihr spätestens im Sommer 1888 vorgelesen worden sein müssen.


Helen Keller erwähnt ([S. 68]) einen freundlichen Brief, den ihr Fräulein Canby geschrieben habe. Auch mit Fräulein Sullivan trat die genannte Dame in Briefwechsel. So schrieb sie ihr z. B. am 9. März 1892 unter anderem: „Was für einen wunderbar regen Geist und was für ein treues Gedächtnis muß dieses begabte Kind besitzen! Hätte sich Helen eines kurzen Märchens erinnert und es niedergeschrieben, kurz nachdem sie es gehört hatte, so würde dies schon ein Wunder gewesen sein; aber das Märchen ein einzigesmal vor drei Jahren gehört zu haben und noch dazu auf eine Weise, daß weder ihre Eltern noch ihre Lehrerin darauf zurückkommen und die Erinnerung daran auffrischen konnten, und dann imstande gewesen zu sein, es so lebendig wiederzugeben und sogar noch einige selbständige Striche hinzuzufügen, die in völligem Einklang mit dem übrigen stehen und das Original in der Tat verbessern — das ist etwas, was sehr wenige Mädchen reiferen Alters, die im Besitze aller Vorteile des Sehens, Hörens und selbst großer schriftstellerischer Begabung sind, so gut geleistet hätten, wenn sie überhaupt dazu imstande gewesen wären. Unter diesen Umständen sehe ich nicht ein, wie irgendjemand so lieblos sein kann, dies ein Plagiat zu nennen; es ist eine wunderbare Leistung des Gedächtnisses und steht einzig in seiner Art da. Ich habe viele Kinder gekannt, habe mein ganzes Leben in ihrer Mitte zugebracht und kenne keinen größeren Genuß, als mich mit ihnen zu unterhalten, sie zu erheitern und ihre Geistes- und Charakterzüge ruhig zu beobachten; aber ich entsinne mich keines Mädchens von Helens Alter, das den gleichen Wissensdurst gehabt und über dieselbe Fülle literarischer und allgemeiner Bildung sowie über dieselbe schriftstellerische Begabung verfügt hätte wie Helen. Sie ist in der Tat ein Wunderkind. Vielen Dank für Helens Tagebuch! Es läßt mich klarer als zuvor die große Enttäuschung erkennen, die das liebe Kind zu erdulden gehabt hat. Bitte, sagen Sie ihr, wie sehr ich sie in mein Herz geschlossen habe und daß sie sich keine Gedanken mehr darüber machen soll. Niemand darf sagen, sie habe unrecht getan, und eines Tages wird sie eine große schöne Erzählung oder ein Gedicht schreiben, das vielen Menschen Freude machen wird. Sagen Sie ihr, ein paar bittere Tropfen seien in jedermanns Lebenskelch enthalten, und es bleibe uns nichts anderes übrig, als die bitteren geduldig, und die süßen dankbar hinzunehmen.“


Der Zwischenfall hatte, wie aus Helens eigener Darstellung hervorgeht, auf sie und auf Fräulein Sullivan eine geradezu vernichtende Wirkung. Letztere fürchtete, der Neigung zur Nachahmung, die in Wirklichkeit Fräulein Keller zur Schriftstellerin gemacht hat, allzugroßen Spielraum gelassen zu haben. Aber jetzt, da sie auf der Universität zusammen mit ihrem Zögling in die Geheimnisse des geistigen Schaffens eingedrungen ist, weiß sie, daß der Stil jedes Schriftstellers und in der Tat jedes Menschen, mag er gebildet oder ungebildet sein, eine Erinnerung ist, die sich aus allem, was er gelesen und gehört hat, zusammensetzt. Der Quellen seines Wortschatzes ist er sich größtenteils so wenig bewußt wie des Augenblickes, in dem er die Nahrung zu sich nahm, die einen Teil seines Daumennagels bilden sollte. Bei der Mehrzahl von uns kreuzen und vermischen sich die Zuflüsse aus den verschiedensten Quellen. Ein Kind, dem nur wenige Quellen zur Verfügung stehen, kann das, was es aus jeder einzelnen zieht, getrennt halten. In dieser Lage war Helen Keller, die den Wortlaut einer Geschichte, die sie zu der Zeit, als sie ihr vorgelesen wurde, noch nicht ganz verstand, fast unverändert und ohne Vermischung mit anderen Vorstellungen in ihrem Geiste bewahrte. Die Bedeutung dieses Umstandes kann nicht hoch genug bewertet werden. Er liefert den Beweis dafür, daß der Geist des Kindes Worte in sich aufspeichert, die es gehört hat, und daß diese hier gleichsam auf der Lauer liegen, stets bereit, hervorzutreten, wenn der äußere Anreiz dazu eintritt. Der Grund, weswegen wir diesen Prozeß bei normalen Kindern nicht wahrnehmen, liegt darin, daß wir sie selten als Ganzes beobachten, und daß sie ihre geistige Nahrung aus so vielen Quellen beziehen, daß die Erinnerungsbilder verworren sind und sich gegenseitig aufheben. Das Märchen vom »Frostkönig« trat jedoch nicht unverändert aus Helens Geist hervor, sondern war durch die Eigenart des Kindes umgeformt worden und hatte sich in Worte gekleidet, die aus anderen Quellen stammten. Der Stil von Helens Fassung ist sogar in manchen Beziehungen besser als der von Fräulein Canbys Erzählung. Sie weist die naive Phantasie eines echten Volksmärchens auf, während Fräulein Canbys Erzählung ersichtlich für Kinder von einer älteren Person geschrieben ist, die die Art und Weise eines Feenmärchens annimmt und didaktische Wendungen nicht immer vermeidet. Helens Märchen ist in demselben Sinne ein Original, wie die dichterische Bearbeitung einer alten Sage ein solches ist.

Aller Sprachgebrauch beruht auf Nachahmung, und jemandes Stil ist ein Ausfluß aller Stilarten, die ihm vorgekommen sind.

Der einzige Weg, ein gutes Englisch schreiben zu lernen, ist der, es zu lesen und zu hören. Daher kommt es, daß man jedes Kind ein korrektes Englisch lehren kann, wenn man es kein anderes lesen oder hören läßt. Bei einem Kinde ist die Scheidung des Besseren von dem Schlechteren nicht bewußt; es ist der Sklave seiner sprachlichen Erfahrung.

Der gewöhnliche Mensch wird sich nie von der irrigen Auffassung losmachen können, daß die Worte dem Gedanken gehorchen, daß man zuerst denkt und das Gedachte dann in Worte kleidet. Es muß allerdings zuerst die Absicht, der Wunsch vorhanden sein, etwas auszusprechen, aber der Gedanke nimmt meistenteils erst dann feste Form an, wenn er in Worte gekleidet ist; auf jeden Fall wird der Gedanke dadurch, daß er in Worten ausgedrückt wird, ein selbständiges Gebilde. Worte rufen oft Gedankengänge hervor, und wer das Wort beherrscht, wird Bedeutenderes sagen, als er sonst vermöchte. Als Helen Keller den »Frostkönig« schrieb, sagte sie mehr, als sie selbst glaubte.

Wer einen Satz aus Wörtern bildet, spricht nicht seine Weisheit aus, sondern die Weisheit des Volkes, dessen Leben in den Worten enthalten ist, selbst wenn sie vorher noch nie in dieser bestimmten Weise zusammengesetzt worden sind. Wer Geschichten schreiben kann, denkt an zu schreibende Geschichten. Das Medium der Sprache ruft den Gedanken hervor, den es begleitet, und je bedeutender das Medium ist, desto tiefer sind die Gedanken.

Gebildet ist der, dessen Ausdrucksweise gebildet ist. Der Träger des Denkens ist die Sprache, und im Gebrauch der Sprache muß das taube Kind so gut wie jedes andere unterrichtet werden. Gebt ihm die Sprache, und es erhält mit ihr das Material, aus dem die Sprache gebildet ist, das Denken und die Erfahrungen seines Volkes. Die Sprache muß eine von einem Volke gebrauchte sein, nicht ein Kunstprodukt. Volapük ist ein Unsinn. Das taube Kind, das nur die Gebärdensprache kennt, bleibt bei allen Völkern ein Fremdling; seine Gedanken sind nicht die eines Engländers, eines Deutschen oder eines Franzosen. Das Vaterunser in der Zeichensprache ist nicht das Vaterunser im Englischen.