Doch, Kinder, ihr müßt dem König Frost bei der ersten Gelegenheit, die sich euch biet einen Besuch abstatten und euch diesen wundervollen Palast selber ansehen. Der alte König wird euch freundlich willkommen heißen, denn er liebt die Kinder, und es ist sein Hauptvergnügen, ihnen Freude zu bereiten.

Ihr müßt wissen, daß König Frost wie alle anderen Könige große Schätze von Gold und Edelsteinen besitzt: da er aber ein freigebiger alter Fürst ist so so er bestrebt, einen richtigen Gebrauch von seinen Reichtümern zu machen. So verrichtet er, wohin ihn auch sein Weg führt, viele wunderbare Dinge; er schlägt Brücken über jeden Strom, so durchsichtig wie Glas und doch oft so fest wie Eisen; er schüttelt die Waldbäume, bis die reifen Nüsse lachenden Kindern in den Schoß fallen; er schläfert mit einer Berührung seiner Hand ein, und damit wir uns nicht nach den strahlenden Blumengesichtern sehnen, bemalt er das Laub mit Gold-, Purpur- und Smaragdfarben, und wenn er mit seiner Arbeit fertig ist, so sind die Bäume so schön, daß wir uns über die Flucht des Sommers trösten. Ich will euch erzählen, wie König Frost auf den Gedanken verfallen ist, das Laub zu bemalen, denn es ist eine sonderbare Geschichte.

Eines Tages dachte König Frost, während er sein großes Vermögen einer Durchsicht unterzog und überlegte, was er damit wohl Gutes stiften könne, mit einem Male an seinen freundlichen alten Nachbar Santa Claus. Ich will meine Schätze an Santa Claus senden, sagte der König zu sich selber. Er ist der richtige Mann dazu, sie gut zu verwenden, denn er weiß, wo die Armen und Unglücklichen wohnen, und sein gütiges altes Herz steckt immer voller Pläne, sie zu unterstützen. So rief er denn die lustigen kleinen Elfen seines Hofstaates zusammen, zeigte ihnen die Gefäße und, Vasen, die seine Schätze enthielten, und befahl ihnen, sie so rasch wie möglich nach Santa Claus’ Palaste zu tragen. Die Elfen versprachen Gehorsam und waren im Nu auf und davon, indem sie die schweren Gefäße und Vasen hinter sich herschleppten, so gut sie konnten, und ab und zu ein wenig über die schwere Arbeit brummten; denn es waren faule Elfen, die lieber spielten als arbeiteten. Nach einiger Zeit kamen sie in einen großen Wald, und da sie müde und hungrig waren, beschlossen sie ein wenig zu rasten und sich nach Nüssen umzusehen, ehe sie ihre Wanderung weiter fortsetzten. Da sie aber glaubten, ihr Schatz könne ihnen inzwischen gestohlen werden, so verbargen sie die Gefäße in dem dichten grünen Laub der verschiedenen Bäume und waren sicher, daß niemand sie finden könne. Dann begannen sie lustig umherzustreifen, um sich Nüsse zu suchen, auf die Bäume zu klettern, neugierig in die leeren Vogelnester zu schauen und hinter den Bäumen Verstecken zu spielen. Diese unartigen Elfen waren nun bei ihrem Herumtollen so geschäftig und so lustig, daß sie ihren Auftrag und ihres Herrn Befehl, sich zu beeilen, ganz vergaßen, aber bald entdeckten sie zu ihrem Verdruß, warum ihnen Eile anbefohlen worden war, denn obgleich sie ihrer Meinung nach den Schatz sorgfältig versteckt hatten, so hatten die strahlenden Augen der Königin Sonne doch die Gefäße zwischen dem Laube erspäht, und da sie und König Frost sich über die beste Art, der Welt Gutes zu tun, nie einigen konnten, so war sie froh, eine gute Gelegenheit zu haben, ihrem ein wenig rauhen Nebenbuhler einen Streich zu spielen. Königin Sonne lachte still vor sich hin, als die zarten Gefäße zu schmelzen und zu zerbrechen begannen. Schließlich waren alle Gefäße und Vasen gesprungen oder entzweigegangen, und ebenso schmolzen die in ihnen enthaltenen Edelsteine und rannen in kleinen Strömen über die Bäume und Sträuche des Waldes.

Noch bemerkten die faulen Elfen nicht, was sich ereignete, denn sie hatten sich in das Gras gelagert, und es dauerte lange, ehe der wunderbare Schatzregen sie erreichte; schließlich aber hörten sie deutlich, wie die Tropfen gleich einem Regen im ganzen Walde herabfielen und von einem Blatt zum anderen glitten, bis sie auf die kleinen Sträucher, neben denen die Elfen saßen, herabklatschten. Jetzt entdeckten sie zu ihrem Erstaunen, daß die Regentropfen geschmolzene Rubine waren, die auf den Blättern erstarrten und sie augenblicklich mit Purpur und Gold überzogen. Dann sahen sie, als sie sich genauer umblickten, daß ein großer Teil des Schatzes bereits geschmolzen war, denn die Eichen- und Ahornbäume waren in prächtige Gewänder von Gold-, Purpur- und Smaragdfarbe gehüllt. Es gewährte einen sehr schönen Anblick; aber die ungehorsamen Elfen waren zu sehr erschrocken, als daß sie die Schönheit der Bäume hätten wahrnehmen können. Sie fürchteten, König Frost könne kommen und sie strafen. So versteckten sie sich denn zwischen den Sträuchern und warteten schweigend auf das, was sich ereignen würde. Ihre Befürchtungen waren wohlbegründet, denn ihre lange Abwesenheit hatte den König beunruhigt, er bestieg den Nordwind und ritt aus, um seine säumigen Boten zu suchen. Natürlich war er noch nicht weit gekommen, als er das Glänzen des Laubes bemerkte, und er erriet rasch die Ursache davon, als er die zerbrochenen Gefäße bemerkte, aus denen der Schatz noch immer herunter tropfte. Zuerst war König Frost sehr zornig, und die Elfen zitterten und duckten sich noch tiefer in ihre Verstecke, und ich weiß nicht, was geschehen, wäre, wenn nicht gerade in diesem Augenblick eine Schar von Knaben und Mädchen den Wald betreten hätte. Als die Kinder die Bäume alle in den herrlichen Farben schimmern sahen, klatschten sie in die Hände, stießen ein Freudengeschrei aus und begannen sofort große Sträuße zu pflücken, um sie mit nach Hause zu nehmen. Die Blätter sind so hübsch wie die Blumen! riefen sie in ihrem Entzücken. Ihre Freude verscheuchte den Zorn aus König Frosts Herzen und glättete seine gerunzelten Augenbrauen, und auch er begann die bemalten Bäume zu bewundern. Er sagte zu sich selber: Meine Schätze sind nicht verloren, wenn sie kleine Kinder glücklich machen. Meine faulen Elfen und meine grimmige Feindin haben mich eine neue Art, Gutes zu tun, gelehrt.

Als die Elfen dies hörten, wurde es ihnen bedeutend leichter ums Herz, und sie kamen aus ihren Verstecken hervor, gestanden ihre Schuld ein und baten ihren Herrn um Verzeihung.

Seit dieser Zeit hat es König Frost stets großes Vergnügen gemacht, die Blätter mit den glühenden Farben, die wir im Herbste erblicken, zu bemalen, und wenn sie nicht mit Gold und Edelsteinen bedeckt sind, so kann ich mir nicht denken, was sie so glänzend macht; könnt ihr es euch vielleicht denken?

Wenn das Märchen von den »Frostelfen«, bemerkt Fräulein Sullivan zu den beiden Erzählungen, Helen im Sommer 1888 vorgelesen wurde, so konnte sie damals noch nicht viel davon verstanden haben, denn sie hatte erst seit dem März 1887 Unterricht gehabt.

Ist es möglich, daß die Sprache des Märchens in ihrem Geiste schlummernd gelegen hat, bis meine Schilderung von der Schönheit der Herbstlandschaft sie ihr im Jahre 1891 wieder lebendig vor ihr geistiges Auge brachte?

Noch eine andere Tatsache ist in diesem Zusammenhange von großer Bedeutung. Das Märchen »Die Rosenelfen« war in demselben Bande erschienen wie »Die Frostelfen« und somit Helen wahrscheinlich um dieselbe Zeit wie dieses vorgelesen worden.