Die Frostelfen waren bei ihrem Nüssesammeln so geschäftig und ausgelassen, daß sie bald ihren Auftrag und den Befehl des Königs, sich zu beeilen, vergaßen; als es aber bei ihrem Spiele Mittag wurde, sahen sie endlich den Grund ein, weshalb ihnen Eile anbefohlen worden war; denn, obgleich sie ihrer Meinung nach den Schatz sehr sorgfältig versteckt hatten, so hatten sie ihn doch nicht vor der Gewalt der Frau Sonne geschützt, die eine Feindin Jack Frosts war und sich freute, wenn sie ihm einen Schabernack spielen und Schaden zufügen konnte.
Ihre strahlenden Augen entdeckten bald die Gefäße mit dem Schatze auf den Bäumen, und da die faulen Elfen sie bis zur Mittagsstunde, wenn Frau Sonne am stärksten ist, hier gelassen hatten, so begann das zarte Glas zu schmelzen und zu zerbrechen, und in kurzer Zeit waren alle Gefäße und Vasen gesprungen oder entzwei gegangen, und ebenso schmolzen die in ihnen enthaltenen kostbaren Schätze und rannen in Strömen von Gold und Purpur langsam über die Bäume und Sträucher des Waldes.
Eine Zeitlang bemerkten die Frostelfen dieses sonderbare Ereignis nicht, denn sie hatten sich in das Gras gelagert, so weit von den Wipfeln der Bäume entfernt, daß es lange dauerte, ehe der wunderbare Schatzregen sie erreichte; endlich aber sagte der eine von ihnen: Horch, ich glaube, es regnet; ich höre die niederfallenden Tropfen. Die anderen lachten und erklärten ihm, es regne selten, wenn die Sonne scheine; als sie aber genauer aufpaßten, hörten sie deutlich, wie im ganzen Walde die Tropfen von den Bäumen herabfielen und von einem Blatt zum anderen glitten, bis sie auf die Brombeersträucher, neben denen die Elfen saßen, herabklatschten. Jetzt entdeckten sie zu ihrem großen Verdruß, daß die Regentropfen geschmolzene Rubinen waren, die auf den Blättern erstarrten und sie augenblicklich mit leuchtendem Rot überzogen. Als sie sich dann die Bäume ringsum genauer ansahen, bemerkten sie, daß der gesamte Schatz wegschmolz und daß sich ein großer Teil davon bereits über die Blätter der Eichen und Ahornbäume ergossen hatte, die in ihrem prächtigen Gewande von Gold und Bronze, Purpur und Smaragd weithin leuchteten. Es gewährte einen sehr schönen Anblick; aber die faulen Elfen waren über das Unglück, das ihr Ungehorsam verschuldet hatte, zu sehr, erschricken, als daß sie die Schönheit des Waldes hätten bewundern können, und im Nu suchten sie sich in dem Gebüsch zu verstecken, damit König Frost sie nicht finden und strafen könne.
Ihre Befürchtungen waren wohlbegründet, denn ihre lange Abwesenheit hatte den König beunruhigt, und er hatte sich aufgemacht, um nach seinen lässigen Dienern zu sehen, und eben, als sie sich alle versteckt hatten, kam er langsam einhergeschritten und sah sich überall nach den Elfen um. Natürlich bemerkte er bald das Glänzen des Laubes und entdeckte auch deren Ursache, als er die zerbrochenen Gefäße und Vasen erblickte, aus denen der geschmolzene Schatz noch immer heruntertropfte. Und als er zu den Nußbäumen kam und die von den faulen Elfen zurückgelassenen Schalen und die Spuren ihres Umhertollens bemerkte, wußte er sofort, was sie angestellt hatten und daß sie ihm ungehorsam gewesen waren, indem sie bei ihrer Wanderung durch den Wald gespielt und die Zeit versäumt hatten.
König Frost runzelte die Stirn und machte zuerst ein sehr böses Gesicht, und seine Elfen zitterten vor Furcht und duckten sich noch tiefer in ihre Verstecke. In diesem Augenblick aber kamen zwei kleine Kinder daher gehüpft, und obgleich sie den König Frost und die Elfen nicht sehen konnten, bemerkten sie doch die prächtige Färbung des Laubes, lachten vor Entzücken und begannen große Sträuße für ihre Mutter zu pflücken. Die Blätter sind so schön wie Blumen, sagten sie, nannten die gelben »Butternäpfchen« und die roten »Rosen« und waren sehr fröhlich, als sie singend durch den Wald weiter zogen.
Ihre Freude besänftigte König Frosts Zorn; auch er begann die bemalten Bäume zu bewundern und sagte schließlich zu sich selber: Meine Schätze sind nicht verloren, wenn sie kleine Kinder glücklich machen. Ich will meinen faulen, gedankenlosen Elfen nicht zürnen, denn sie haben mich eine neue Art, Gutes zu tun, gelehrt. Als die Frostelfen diese Worte hörten, krochen sie einer nach dem anderen aus ihren Verstecken hervor, knieten vor ihrem Herrn nieder, gestanden ihre Schuld ein und baten ihn um Verzeihung. Er war zwar noch eine Weile ungehalten und schalt sie tüchtig aus; bald aber wurde er milder und erklärte, er wolle ihnen diesmal noch verzeihen; ihre einzige Strafe solle darin bestehen, daß sie noch mehr Schätze in den Wald tragen und in den Bäumen verstecken sollten, bis das gesamte Laub mit Hilfe der Frau Sonne mit Gold- und Purpurfarben bedeckt sei.
Die Elfen dankten ihm für seine Verzeihung und versprachen, recht angestrengt zu arbeiten, um seine Huld wiederzugewinnen, und der gutherzige König nahm sie alle auf seine Arme und trug sie sicher heim in seinen Palast. Von dieser Zeit an, glaube ich, ist es ein Teil von Jack Frosts Aufgaben, die Bäume mit den glühenden Farben, die wir im Herbste erblicken, zu bemalen, und wenn sie nicht mit Gold und Edelsteinen bedeckt sind, so weiß ich nicht, auf welche Weise er sie so glänzend macht; wißt ihr es vielleicht?
Der Frostkönig.
Von Helen A. Keller
König Frost wohnt in einem schönen Palast fern im Norden, in dem Lande des ewigem Schnees. Der Palast, der über alle Beschreibung prächtig ist, war schon vor Jahrhunderten, unter der Regierung des Königs Gletscher, erbaut. In geringer Entfernung von dem Palaste könnten wir ihn leicht für ein Gebirge halten, dessen Gipfel sich zum Himmel erheben, um den letzten Kuß des scheidenden Tages zu empfangen. Wenn wir aber näher kommen, so werden wir bald unseren Irrtum bemerken. Was wir für Bergesspitzen hielten, sind in Wahrheit Tausende von weithin glänzenden Türmen. Nichts kann schöner sein als die Architektur dieses Eispalastes. Die Wände sind merkwürdigerweise aus massiven Eisblöcken erbaut, die in klippenartige Türme auslaufen. Das Portal des Palastes liegt am Ende eines überwölbten Ganges und wird Tag und Nacht durch zwölf grimmig aussehende Eisbären bewacht.