Helens Geist ist so geartet, daß die leiseste Anregung genügt, ihr die denkbar größte Fülle äußerer Eindrücke zu vermitteln. Als wir eines Tages in Alabama in der Nähe der Quellen an den Hügelabhängen Feldblumen pflückten, schien sie gleich beim ersten Male zu begreifen, daß die Quellen von Bergen umgeben seien, und rief aus: Die Berge drängen sich um die Quellen, um ihr eigenes schönes Spiegelbild zu betrachten. — Ich weiß nicht, woher sie diese Ausdrücke hatte; doch ist soviel klar, daß sie ihr von außen zugeflossen sein müssen, da es für ein des Gesichtes beraubtes Kind wohl schwerlich möglich sein dürfte, von selbst auf eine solche Vorstellung zu verfallen. In der Schilderung eines Ausflugs nach Lexington schreibt sie: — Während wir weiterfuhren, konnten wir sehen, wie die Herrscher des Waldes ihre stolzen Wipfel zu den kleinen Kindern des Waldbodens niederbeugten, um den Geheimnissen zu lauschen, die diese ihnen zuflüsterten. Die Anemone, das wilde Veilchen, das Leberblümchen und die komischen kleinen aufgerollten Farne schauten uns alle unter den braunen Blättern hervor an. — Sie schließt ihren Brief mit den Worten: Ich muß zu Bett gehen, denn Morpheus hat meine Augenlider mit seinem goldenen Stabe berührt. —

Schon zwei Jahre vor dem Zwischenfall mit dem »Frostkönig« hatte Helen in einem Briefe an Herrn Anagnos (vom 2. und 3. Februar 1890) den wesentlichen Inhalt eines anderen Märchens von Fräulein Canby, »The Rose Fairies« als einen Traum erzählt, den sie vor langer Zeit gehabt habe.[33]

Es mögen nun die beiden Fassungen der Frostmärchen einander gegenübergestellt werden.[B]

Die Frostelfen.

(Aus »Birdie und seine Freunde, die Elfen«)
von Margaret T. Canby.

König Frost oder Jack Frost, wie er mitunter genannt wird, wohnt in einem kalten Lande fern im Norden; aber jedes Jahr unternimmt er eine Reise über die ganze Erde in einem Wagen von goldenen Wolken, der von einem starken, pfeilschnellen Rosse, »Nordwind« mit Namen, gezogen wird. Wohin ihn auch sein Weg führt, überall verrichtet er viele wunderbare Dinge: er schlägt Brücken über jeden Strom, die so durchsichtig wie Glas und dabei doch so fest wie Eisen sind; er schläfert die Blumen und Kräuter durch eine bloße Berührung mit seiner Hand ein, und sie beugen sich alle nieder und versinken in die warme Erde, bis der Frühling zurückkehrt; dann zaubert er, damit wir um die Blumen nicht weinen, an unseren Fensterscheiben liebliche Ranken und Zweige seiner weißen nordischen Blumen oder zarte kleine Wälder von Elfentannen hin, schlohweiß und gar prächtig anzusehen. Doch sein wunderbarstes Werk ist die Bemalung der Bäume, die nach Vollendung der Arbeit aussehen, als wären sie mit dem glänzendsten Gold und den funkelndsten Rubinen überzogen, und schön genug sind, um uns über die Flucht des Sommers zu trösten.

Ich will euch nun erzählen, wie König Frost zuerst auf den Gedanken an eine solche Arbeit kam, denn es ist eine sonderbare Geschichte. Ihr müßt wissen, daß dieser König wie alle andern Könige große Schätze von Gold und Edelsteinen in seinem Palaste hatte; da er aber ein gutmütiger alter Mann ist, hält er seine Reichtümer nicht für immer verschlossen, sondern sucht mit ihrer Hilfe Gutes zu tun und andere glücklich zu machen. Er hat zwei Nachbarn, die noch weiter nördlich wohnen; der eine ist König Winter, ein rauher, unfreundlicher alter Fürst, der so hart und grausam ist, daß er sich freut, wenn er den Armen wehe tun und sie zum Weinen bringen kann. Der andere Nachbar aber ist Santa Claus, ein stattlicher, gutherziger, lustiger alter Mann, der gern Gutes tut und den Armen sowie den artigen Kindern zu Weihnachten Geschenke bringt.

Nun, eines Tages dachte König Frost darüber nach, was er wohl mit seinem Schatze gutes stiften könne, und entschloß sich einen Teil seinem freundlichen Nachbar Santa Claus zum Einkauf von Lebensmitteln und Kleidern für die Armen zu schicken, damit diese nicht so viel zu leiden hätten, wenn König Winter sich ihren Häusern näherte. So rief er seine lustigen kleinen Elfen zusammen, zeigte ihnen eine Anzahl von Gefäßen und Vasen voller Gold und Edelsteine und befahl ihnen, diese sorgsam nach dem Palaste Santa Claus’ zu tragen und sie ihm mit Empfehlungen von König Frost zu übergeben. Er wird schon wissen, wie er den Schatz am besten verwenden soll, setzte Jack Frost hinzu; dann befahl er den Elfen, sich unterwegs nicht aufzuhalten, sondern sein Gebot rasch auszuführen.

Die Elfen versprachen Gehorsam und machten sich bald auf den Weg, indem sie die großen gläsernen Gefäße und Vasen nachschleppten, so gut sie konnten, und ab und zu ein wenig über die schwere Arbeit brummten; denn es waren faule Elfen, die lieber spielten als arbeiteten. Schließlich gelangten sie in einen großen Wald, und da sie ganz ermüdet waren, beschlossen sie, ein wenig zu rasten und sich nach Nüssen umzusehen, bevor sie ihre Wanderung fortsetzten. Damit aber der Schatz nicht gestohlen werden sollte, versteckten sie die Gefäße unter das dichte Laub der Bäume, indem sie die einen hoch oben in der Nähe der Wipfel, andere an verschiedenen Stellen der Bäume unterbrachten, bis sie glaubten, niemand könne sie mehr finden.

Dann begannen sie, umherzustreifen nach Nüssen zu suchen und auf die Bäume zu klettern, um die Früchte herunterzuschütteln, und arbeiteten zu ihrem eigenen Vergnügen viel angestrengter, als sie es je auf das Geheiß ihres Herrn getan hatten; denn es ist eine sonderbare Tatsache, daß Elfen und Kinder sich niemals über Mühe und Arbeit beschweren, wenn sie dabei ihre eigene Belustigung im Auge haben, während sie oft brummen, wenn von ihnen eine Arbeit zum besten anderer verlangt wird.