Fortschritt in der Beherrschung der Sprache. — Wißbegierde. — Unterredung über Liebe. — Kennenlernen abstrakter Begriffe. — Dieselbe Unterrichtsmethode wie bei einem hörenden Kinde.
Ich besaß nunmehr den Schlüssel zur gesamten Sprache und brannte vor Eifer, ihn gebrauchen zu lernen. Kinder, welche hören, erlangen das Sprachvermögen ohne besondere Mühe; die Worte, die von anderer Lippen fallen, erhaschen sie gleichsam im Fluge und spielend, während das taube Kind sie sich durch langsames und oft anstrengendes Vorrücken aneignen muß. Wie beschaffen aber auch dieses Vorrücken selbst sein mag, das Ergebnis ist wunderbar. Von der Bezeichnung eines Gegenstandes ausgehend, dringen wir Schritt für Schritt vor, bis wir den unermeßlichen Abstand zwischen unserer ersten gestammelten Silbe bis zu dem Gedankenschwunge in einem Shakespeareschen Verse zurückgelegt haben.
Anfangs stellte ich, wenn meine Lehrerin von etwas Neuem zu mir sprach, sehr wenig Fragen. Meine Vorstellungen waren unbestimmt und mein Wortschatz unzureichend; in demselben Maße aber, in dem meine Kenntnis der Dinge wuchs und ich mehr und mehr Wörter erlernte, erweiterte sich auch das Feld meiner Wißbegierde, und ich kehrte immer und immer wieder zu demselben Gegenstande zurück voller Verlangen nach weiterer Belehrung. Bisweilen belebte ein neues Wort ein Bild wieder, das eine frühere Erfahrung meinem Gedächtnisse eingeprägt hatte.
Ich erinnere mich noch ganz genau des Morgens, an dem ich zum ersten Male nach der Bedeutung des Wortes »Liebe« fragte. Es geschah dies, als ich erst wenige Wörter kannte. Ich hatte ein paar frühe Veilchen im Garten gefunden und brachte sie meiner Lehrerin. Sie versuchte mich zu küssen; aber damals liebte ich es noch nicht, daß mich jemand außer meiner Mutter küßte. Fräulein Sullivan legte zärtlich ihren Arm um mich und buchstabierte mir in die Hand: Ich liebe Helen.
Was ist Liebe? fragte ich.
Sie zog mich näher zu sich heran und sagte: Sie ist hier drinnen, indem sie auf mein Herz deutete, dessen Schläge ich jetzt zum ersten Male fühlte. Ihre Worte befremdeten mich auf das äußerste, weil ich damals noch nichts verstand, wenn ich es nicht zugleich berührte.
Ich roch die Veilchen in ihrer Hand und stellte, halb in Worten, halb in Zeichen eine Frage, deren Sinn ungefähr war: Ist Liebe der Duft der Blumen?
Nein, erwiderte meine Lehrerin.
Wiederum dachte ich nach. Die Sonne erwärmte uns mit ihren Strahlen. Ich fragte, indem ich nach der Richtung deutete, aus der die Wärme kam: Ist dies nicht Liebe?
Es schien mir, als könne es nichts Schöneres geben als die Sonne, deren Wärme alles zum Wachsen und Blühen brachte. Aber Fräulein Sullivan schüttelte den Kopf, und ich war sehr verwundert und enttäuscht. Ich hielt es für seltsam, daß meine Lehrerin mir nicht die Liebe zeigen konnte.