Einige Tage später reihte ich Perlen von verschiedener Größe in regelmäßigen Gruppen auf — zwei große, drei kleine und so weiter. Ich hatte mehrmals Fehler gemacht, und Fräulein Sullivan hatte mich mit liebevoller Geduld immer und immer wieder darauf hingewiesen. Endlich bemerkte ich einen ganz offenbaren Irrtum in der Aufeinanderfolge, und einen Augenblick konzentrierte ich meine ganze Aufmerksamkeit auf mein Vorhaben und versuchte nachzudenken, wie ich die Perlen hätte aneinanderreihen sollen. Fräulein Sullivan berührte meine Stirn und buchstabierte mit großem Nachdruck: Think!
Im Nu erkannte ich, daß das Wort die Bezeichnung für den Vorgang war, der sich in meinem Kopfe abspielte. Dies war meine erste bewußte Vorstellung eines abstrakten Begriffs.
Eine lange Zeit saß ich still da — ich dachte nicht über die Perlen in meinem Schoße nach, sondern versuchte, im Lichte dieses neuen Begriffes die Bedeutung von »Liebe« zu ergründen. Die Sonne war den ganzen Tag hinter Wolken versteckt gewesen, und es waren kurze Regenschauer gefallen; plötzlich brach jedoch die Sonne in all ihrem südlichen Glanze hervor.
Abermals fragte ich meine Lehrerin: Ist dies nicht Liebe?
Liebe ist etwas Aehnliches wie die Wolken, die am Himmel standen, bevor die Sonne hervorbrach, entgegnete sie. Dann fuhr sie in schlichteren Worten, als die vorhergehenden waren, die ich damals noch nicht verstehen konnte, fort: Du weißt, du kannst die Wolken nicht berühren, aber du fühlst den Regen und weißt, wie froh die Blumen und die durstige Erde sind, wenn er nach einem heißen Tage auf sie herniederströmt. Auch die Liebe kannst du nicht berühren, aber du empfindest das Entzücken, das sie über alles ausgießt. Ohne Liebe würdest du weder glücklich sein noch zu spielen verlangen.
Mit einem Schlage offenbarte sich die wohltuende Wahrheit meinem Geiste — ich fühlte, es gab unsichtbare Bande, die sich zwischen meiner Seele und den Seelen anderer hinzogen.
Vom Beginn meiner Erziehung an hatte Fräulein Sullivan es sich zum Grundsatz gemacht, so zu mir zu sprechen, als spräche sie zu einem hörenden Kinde; der einzige Unterschied bestand darin, daß sie mir die Sätze in die Hand buchstabierte, anstatt sie zu sprechen. Verfügte ich nicht über die nötigen Worte, um meine Gedanken auszudrücken, so ergänzte sie diese und führte sogar die Unterhaltung weiter, wenn ich die passende Antwort nicht finden konnte.
Dieses Verfahren hielt jahrelang an; denn das taubstumme Kind lernt nicht in einem Monat, nicht einmal in zwei bis drei Jahren die zahllosen Ausdrücke, die in dem einfachsten täglichen Gespräche vorkommen. Das hörende Kind lernt diese auf Grund der fortwährenden Wiederholung und Nachahmung. Die Unterhaltung, die es zu Hause vernimmt, spornt seinen Geist an, bereichert seinen Wortschatz und befördert den Ausdruck seiner eigenen Gedanken. Dieser naturgemäße Ideenaustausch ist dem tauben Kinde versagt. In weiser Erkenntnis dieses Umstandes faßte meine Lehrerin den Entschluß, dem Mangel an Reizmitteln für mich abzuhelfen. Dies tat sie, indem sie mir, soweit dies möglich war, wörtlich wiederholte, was sie hörte, und mir Mittel und Wege angab, an der Unterhaltung teilzunehmen. Aber es dauerte lange Zeit, ehe ich es wagte, die Initiative zu ergreifen, und noch länger, ehe ich imstande war, etwas Passendes zur rechten Zeit zu sagen.
Der Taube wie der Blinde finden es sehr schwer, sich an einen angenehmen Unterhaltungston zu gewöhnen. Wieviel mehr muß sich diese Schwierigkeit bei denen steigern, die beides, taub und blind, sind. Sie können den Klang der Stimme nicht unterscheiden oder ohne die Hilfe anderer die Tonhöhe modifizieren, wodurch die Worte erst ihren Sinn erhalten; ebensowenig vermögen sie den Gesichtsausdruck des Sprechenden zu beobachten, und in einem Blick liegt häufig gerade das innerste Wesen dessen, was jemand sagt.