Siebentes Kapitel.

Erster Leseunterricht. — Anfangs keine regelmäßigen Unterrichtsstunden. — Erziehung zum Naturgenuß. — Wald, Garten. — Kellers Landungsplatz. — Geographie, Rechnen, Zoologie, Botanik. — Fossilien. — Leicht faßliche Unterrichtsmethode. — Herzliches Verhältnis zu Fräulein Sullivan.

Der nächste wichtige Schritt in meiner Erziehung bestand darin, daß ich lesen lernte.

Sobald ich ein paar Wörter buchstabieren konnte, gab mir meine Lehrerin Pappstreifen in die Hand, auf dem die Wörter in erhöhten Buchstaben gepreßt waren. Ich lernte bald begreifen, daß jedes gedruckte Wort einen Gegenstand, eine Tätigkeit oder eine Eigenschaft bezeichnete. Ich hatte einen Rahmen, in dem ich die Wörter zu kurzen Sätzen aneinanderreihen konnte; ehe ich aber die Sätze in den Rahmen spannte, pflegte ich sie an Gegenständen darzustellen. Ich fand z. B. die Streifen mit den Wörtern doll, is, on, bed und legte jedes Substantiv auf den betreffenden Gegenstand; dann legte ich meine Puppe ins Bett und neben sie die Wörter is, on, bed, indem ich so einen Satz aus den Wörtern bildete und zu gleicher Zeit den Inhalt des Satzes mit Hilfe der Gegenstände selbst darstellte.

Eines Tages steckte ich mir, wie Fräulein Sullivan mir später erzählte, das Wort girl an meine Schürze und stellte mich in den Kleiderschrank. Am Schranke brachte ich die Wörter is, in, wardrobe an. Nichts machte mir solches Vergnügen wie dieses Spiel. Meine Lehrerin und ich spielten es stundenlang. Oft wurde jeder Gegenstand im Zimmer zur Darstellung solcher verkörperter Sätze verwandt.

Von den bedruckten Streifen war es nur ein kurzer Schritt zu gedruckten Büchern. Ich nahm meine Fibel vor und machte Jagd auf die Wörter, die ich kannte; fand ich solche, so war meine Freude der beim Versteckspiel gleich. Auf diese Weise begann ich zu lesen. Ueber die Zeit, in der ich zusammenhängende Geschichten zu lesen begann, spreche ich später.

Lange Zeit hatte ich keine regelmäßigen Unterrichtsstunden. Selbst wenn ich sehr eifrig lernte, glich dies mehr einem Spiel als einer Arbeit. Alles, was Fräulein Sullivan mich lehrte, machte sie mir durch eine hübsche Geschichte oder ein Gedicht anschaulich. Wenn ich Freude oder Interesse an etwas zeigte, so sprach sie mit mir darüber genau so, als ob sie selbst ein kleines Mädchen wäre. All das, woran viele Kinder mit Schaudern zurückdenken, wie an mühsames Kopfzerbrechen über Grammatik, schwere Rechenexempel und noch schwerere Definitionen, ist heute eine meiner liebsten Erinnerungen.

Ich kann mir das innige Verständnis nicht erklären, das Fräulein Sullivan für meine Freuden und Wünsche besaß. Vielleicht war es das Ergebnis ihres langen Zusammenlebens mit Blinden. Obenein verfügte sie über eine wunderbare Schilderungsgabe. Sie ging rasch über uninteressante Einzelheiten hinweg und belästigte mich nie mit Fragen, um zu sehen, ob ich auch all das in der Lektion vom vorigen Tage Behandelte behalten habe. Trockene wissenschaftliche Fragen führte sie nur nach und nach in den Unterricht ein und machte alles dabei so klar und anschaulich, daß ich fast notgedrungen behalten mußte, was sie gesagt hatte.

Wir lasen und lernten im Freien und zogen den sonnigen Wald dem Hause vor. Meine sämtlichen ersten Unterrichtsstunden tragen den Hauch des Waldes — den feinen Harzduft der Fichtennadeln, vermengt mit dem Geruch des wilden Weins. In dem köstlichen Schatten eines wilden Tulpenbaumes sitzend, lernte ich darüber nachdenken, daß alles eine Lehre und eine Mahnung in sich berge. „Die Lieblichkeit der Dinge lehrte mich ihre Bestimmung.“ In der Tat hatte alles, was da summen, brummen, singen, blühen konnte, einen Anteil an meiner Erziehung — quakende Frösche, Heimchen und Grillen, die ich solange in meiner Hand hielt, bis sie ihre Gefangenschaft vergaßen und ihr Liedchen wieder anstimmten, kleine Hühnchen in ihrem ersten Flaume und wild wachsende Blumen, die Blüten der Kornelkirsche, Veilchen und blühende Obstbäume. Ich befühlte die berstenden Baumwollenkapseln und ließ ihre weichen Fäden und ihre mit Fasern besetzten Samenkörner durch meine Finger gleiten; ich fühlte das leise Rauschen des Windes in den Getreidefeldern, sein weiches Flüstern im Laube der Bäume, das unwillige Schnauben meines Ponys, — wenn wir ihn auf der Weide einfingen und ihm das Gebiß anlegten — ach, wie genau erinnere ich mich an den würzigen Kleegeruch seines Atems!

Bisweilen stand ich vor Tagesanbruch auf und stahl mich hinunter in den Garten, während schwere Tautropfen noch auf Gräsern und Blumen lagen. Nur wenige wissen, was es für ein Genuß ist, die Rosen zu berühren und sanft mit der Hand zu drücken oder der anmutigen Bewegung der Lilien zu folgen, wenn sie im Morgenwinde hin- und herschwanken. Mitunter war ein Insekt in der Blume, die ich pflückte, und ich fühlte das leise Geräusch der Flügel, die das Tierchen in plötzlichem Schrecken aneinander rieb, sobald es den Druck von außen gewahr wurde.