Ein anderer Lieblingsaufenthalt von mir war der Obstgarten. Die großen, tief herabhängenden Pfirsiche boten sich von selbst meiner Hand dar, und wenn die lustigen Winde durch die Bäume wehten, fielen die Aepfel mir zu Füßen. O, das Entzücken, mit dem ich das Obst in meine Schürze sammelte, mein Gesicht gegen die glatten Wangen der Aepfel drückte, die noch warm waren von den Sonnenstrahlen, und ins Haus zurückeilte!

Unser Lieblingsspaziergang war zu Kellers Landungsplatz, einer alten verfallenen Hafenanlage am Tennessee, die während des Bürgerkrieges zum Landen von Truppen benutzt worden war. Hier brachten wir viele glückliche Stunden zu und beschäftigten uns spielend mit Geographie. Ich baute Dämme aus Kieseln, legte Inseln und Seen an und grub Flußläufe aus, alles zum Scherz, und niemals ließ ich es mir dabei träumen, eine Unterrichtsstunde zu haben. Mit wachsendem Erstaunen lauschte ich den Schilderungen, die Fräulein Sullivan von der großen weiten Welt da draußen mit ihren feuerspeienden Bergen, verschütteten Städten, sich bewegenden Eisströmen und vielen anderen ebenso seltsamen Dingen entwarf. Sie modellierte Reliefkarten in Ton, so daß ich die Gebirgszüge und Täler fühlen und mit meinen Fingern dem gekrümmten Lauf der Flüsse folgen konnte. Dies liebte auch ich; aber die Einteilung der Erde in Zonen und Pole verwirrte mich. Die diese Verhältnisse veranschaulichenden Fäden und der Orangenstiel, der den Pol darstellte, erschienen mir so der Wirklichkeit entsprechend, daß noch bis zum heutigen Tage die bloße Erwähnung der gemäßigten Zone die Vorstellung an Zwirnsfäden in mir hervorruft, und ich glaube, daß, wenn es jemand darauf anlegt, er mir mit leichter Mühe einreden könnte, daß Eisbären tatsächlich auf den Nordpol klettern.

Arithmetik scheint das einzige Lehrfach gewesen zu sein, dem ich keinen Geschmack abgewinnen konnte. Von Anfang an hatte ich kein Interesse für die Wissenschaft von den Zahlen. Fräulein Sullivan suchte mir das Rechnen beizubringen, indem sie Perlen in Gruppen aneinanderreihte, und mit Hilfe von Strohhalmen, wie sie im Kindergarten üblich sind, lernte ich addieren und subtrahieren. Ich hatte niemals die Geduld, mehr als fünf bis sechs Gruppen zugleich zusammenzureihen; hatte ich das zustande gebracht, so war mein Gewissen für den Rest des Tages beruhigt, und ich sprang rasch zu meinen Spielgefährten hinaus.

In dieser selben sorglosen Weise trieb ich Zoologie und Botanik.

Einmal sandte mir ein Herr, dessen Namen ich vergessen habe, eine Fossiliensammlung — kleine wunderschön gezeichnete Muscheln, Stücke Sandstein mit Abdrücken von Vogelfüßen und einen reizenden Farn in Basrelief. Dies waren die Schlüssel, die mir den Zugang zu den Schätzen der antediluvianischen Welt eröffneten. Mit zitternden Fingern lauschte ich Fräulein Sullivans Schilderungen der furchtbaren Tiere mit den ungefügen, unaussprechlichen Namen, die einst durch die Wälder der Urzeit stampften, die Zweige von Riesenbäumen zur Nahrung abrissen und in den ungeheuren Morasten eines unbekannten Zeitalters umkamen. Lange Zeit beunruhigten diese unheimlichen Geschöpfe meine Träume, und diese düstere Periode bildete einen dunklen Hintergrund zu dem heiteren Jetzt, das mit Sonnenschein, Rosen und dem Echo der leichten Hufschläge meines kleinen Ponys angefüllt war.

Ein andermal erhielt ich eine schöne Muschel zum Geschenk, und mit kindlichem Staunen und Entzücken lernte ich, wie ein winziges Weichtier sich dieses herrliche Haus als Wohnung gebaut habe und wie in stillen Nächten, wenn kein Luftzug die Meeresfläche kräuselt, der Nautilus auf den blauen Gewässern des Indischen Ozeans in seinem wie Perlen erglänzenden Schiffe dahinsegelt. Nachdem ich eine Menge interessanter Dinge über das Leben und die Gewohnheiten der Kinder der Meerestiefen kennen gelernt hatte — wie inmitten der schäumenden Wogen die kleinen Polypen die schönen Koralleninseln des Stillen Ozeans aufbauen und die Foraminiferen die Kalkhügel vieler Länder gebildet haben —, las mir meine Lehrerin das Märchen vom Nautilus vor und zeigte mir, wie der muschelbildende Prozeß bei den Mollusken symbolisch ist für die Entwicklung des Geistes. Genau wie der wunderwirkende Mantel des Nautilus die Stoffe, die er aus dem Wasser aufsaugt, umwandelt und zu einem Teile von sich selbst macht, so erleiden die einzelnen Kenntnisse, die jemand sammelt, eine ähnliche Veränderung und werden zu Gedankenperlen.

Ein andermal war es das Wachstum einer Pflanze, das uns den Stoff für eine Lehrstunde lieferte. Wir kauften eine Lilie und stellten sie in ein sonniges Fenster. Bald begannen die grünen, spitzen Knospen sich zu öffnen. Die schlanken, fingerähnlichen Außenblätter erschlossen sich langsam, widerstrebend, wie es mir vorkam, die Lieblichkeit des Inneren enthüllend; war aber einmal ein Anfang gemacht, so ging der weitere Prozeß des Oeffnens rasch von statten, aber ordnungsgemäß und systematisch. Stets war eine von den Knospen größer und schöner als die übrigen und warf ihre äußere Umhüllung stolzer zurück, als wüßte diese Schönheit in weichen, seidenglänzenden Gewändern, daß sie Lilienkönigin von Gottes Gnaden sei, während ihre bescheideneren Schwestern ihre grünen Hüllen zaghaft ablegten, bis die ganze Pflanze ein einziger nickender Zweig voller Lieblichkeit und Wohlgeruch war.

Einmal wurde ein rundes Glas mit elf Kaulquappen an ein mit Pflanzen besetztes Fenster gestellt. Ich erinnere mich noch des Eifers, mit dem ich Beobachtungen über sie anstellte. Es machte mir großen Spaß, meine Hand in das Glas zu tauchen, zu fühlen, wie sich die Kaulquappen lustig herumtummelten, und sie zwischen meinen Fingern hin- und herschlüpfen zu lassen. Eines Tages hatte sich ein ehrgeiziger Bursche von ihnen auf den Rand des Glases gewagt und fiel auf den Fußboden, wo ich ihn allem Anschein nach mehr tot als lebendig fand. Das einzige Lebenszeichen, das er von sich gab, war ein leichtes Hin- und Herbewegen des Schwanzes. Kaum war er aber in sein Element zurückgekehrt, als er auch schon auf den Grund niedertauchte und in lustiger Geschäftigkeit hin- und herschwamm. Er hatte seinen Weg gemacht, hatte die große Welt gesehen und war nun froh, wieder in seinem hübschen Glashause unter dem großen Fuchsienstock zu weilen, bis er die Würde des ausgewachsenen Frosches erreicht hatte. Dann siedelte er wieder in den mit Mummeln bedeckten Teich am Ende des Gartens über, wo er in den Sommernächten seine quarrenden Liebeslieder erschallen ließ.

So lernte ich vom Leben selbst. Anfangs lag nur ein ganz kleines, begrenztes Maß von Fähigkeiten in mir. Meine Lehrerin war es, die sie entfaltete und entwickelte. Als sie kam, atmete alles rings um mich her Liebe und Freude und gewann eine Fülle von Bedeutung. Seitdem hat sie keine einzige Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne mich auf die in allem waltende Schönheit aufmerksam zu machen, und hat nie aufgehört, durch Wort, Tat und Vorbild dahin zu wirken, daß mein Leben sich zu einem genußreichen und nützlichen gestalte.