Es war der Geist meiner Lehrerin, ihr warmes Mitempfinden, ihr liebevoller Takt, der mir die ersten Jahre meiner Erziehung so unvergeßlich gemacht hat. Dadurch, daß sie stets den richtigen Augenblick wählte, um mein Wissen durch etwas Neues zu bereichern, wurde der Unterricht für mich so anziehend und leicht faßlich. Sie erkannte, daß der Geist eines Kindes einem seichten Bache gleicht, der fröhlich in dem steinigen Bette der Erziehung dahinhüpft und tanzt und hier eine Blume, dort einen Strauch, dort ein Lämmerwölkchen widerspiegelt; sie suchte meinen Geist auf den rechten Pfad zu leiten, da sie wohl wußte, daß er wie ein Bach durch Gebirgsströme und verborgene Quellen genährt werden muß, bis er sich zum tiefen Flusse erweitert, der imstande ist, auf seiner ruhigen Oberfläche schwellende Hügel, die leuchtenden Schatten der Bäume und den blauen Himmel so gut wie das holde Antlitz einer kleinen Blume widerzuspiegeln.

Helen Keller und Fräulein Sullivan

Jeder Lehrer kann ein Kind zu sich in das Klassenzimmer nehmen, aber nicht jeder Lehrer kann es unterrichten. Es wird nicht freudig arbeiten, wenn es nicht das Bewußtsein der Freiheit in sich trägt, mag es tätig sein oder sich ausruhen; es muß das Hochgefühl des Sieges und die Niedergeschlagenheit der Enttäuschung kennen, ehe es mit festem Willen an die ihm unangenehmen Aufgaben herangeht und sich entschließt, sich seinen Weg tapfer und unverdrossen durch die stumpfe Routine der Lehrbücher hindurchzubahnen.

Meine Lehrerin steht mir so nahe, daß ich mich kaum als von ihr getrennt fühle. Wieviel von meiner Freude an allem Schönen mir angeboren ist, wieviel ich ihrem Einflusse verdanke, werde ich nie anzugeben vermögen. Ich fühle, ihr Wesen ist untrennbar von dem meinigen, und sie ist mir auf den Bahnen, die ich wandle, vorangegangen. Alles Gute an mir ist ihr Werk — es gibt keine Fähigkeit, kein Streben, keine Freude in mir, die sie nicht durch ihre liebevolle Berührung zum Leben erweckt hätte.

Achtes Kapitel.

Erstes Weihnachtsfest nach Fräulein Sullivans Ankunft. — Ratespiel. — Weihnachtsbescherung in der Schule zu Tuscumbia. — Freude über die Weihnachtsgeschenke.

Das erste Weihnachtsfest nach Fräulein Sullivans Ankunft in Tuscumbia war ein großes Ereignis. Jedes Familienmitglied bereitete Ueberraschungen für mich vor; was mir aber am meisten Vergnügen machte, war, daß Fräulein Sullivan und ich Ueberraschungen für alle übrigen vorbereiteten. Das die Geschenke umgebende Geheimnis war meine größte Freude. Meine Bekannten taten alles, was in ihren Kräften stand, um meine Neugier durch Andeutungen und halbbuchstabierte Sätze rege zu machen, die sie im spannendsten Augenblick abbrechen zu müssen vorgaben. Fräulein Sullivan und ich unterhielten uns mit einem Ratespiel, das mich im Gebrauche der Sprache mehr förderte, als regelrechte Unterrichtsstunden dies zu tun vermocht hätten. Jeden Abend setzten wir uns um das verglimmende Holzfeuer und beschäftigten uns mit unserem Spiel, das um so aufregender wurde, je näher Weihnachten rückte.

Am heiligen Abend feierten die Schulkinder von Tuscumbia ihre Bescherung, zu der sie mich einluden. In der Mitte des Schulzimmers stand ein schöner Baum, strahlend und schimmernd in dem milden Lichte der Kerzen und beladen mit seltsamen, wunderbaren Früchten. Es war ein Moment der höchsten Glückseligkeit. Ich tanzte und sprang voller Freude um den Baum herum. Als ich erfuhr, es sei ein Geschenk für jedes Kind da, war ich darüber entzückt, und die freundlichen Spender, die die Bescherung veranstalteten, gestatteten mir, die Gaben den Kindern zu überreichen. In der Freude darüber fand ich keine Zeit, meine eigenen Geschenke zu betrachten; als ich aber mit der Verteilung fertig war, überstieg meine Ungeduld nach dem Beginn der wirklichen Bescherung alle Begriffe. Ich wußte, daß die Geschenke, die ich schon erhalten hatte, nicht die waren, wegen deren meine Bekannten mir durch ihre Andeutungen solche Tantalusqualen bereitet hatten, und meine Lehrerin sagte mir, die Geschenke, die ich erhalten würde, seien noch viel schöner als die, welche ich schon bekommen hätte. Ich war jedoch entschlossen, mich mit den Geschenken von dem Baume zufrieden zu geben und die übrigen ruhig bis morgen zu lassen.