In jener Nacht lag ich, nachdem ich meinen Strumpf aufgehängt hatte, lange Zeit wach, da ich mich gegen den Schlaf wehrte und mich munter halten wollte, um zu sehen, was der Santa Claus wohl tun würde, wenn er ankäme. Endlich schlummerte ich aber doch mit einer neuen Puppe und einem Eisbären in meinen Armen ein. Am nächsten Morgen war ich es, die die Familie mit meinem ersten: „Ein fröhliches Weihnachtsfest!“ aufweckte. Ich fand Ueberraschungen, nicht allein in dem Strumpfe, sondern auch auf dem Tische, auf allen Stühlen, an der Tür, sogar auf dem Fensterbrett; ich konnte in der Tat kaum einen Schritt machen, ohne über ein in Goldpapier gewickeltes Christgeschenk zu stolpern. Als aber meine Lehrerin mir einen Kanarienvogel schenkte, kannte meine Seligkeit keine Grenzen.

Der kleine Jim war so zahm, daß er auf meinen Finger hüpfte und mir kandierte Kirschen aus der Hand pickte. Fräulein Sullivan lehrte mich meinen neuen Liebling mit der größtmöglichen Sorgfalt hegen und pflegen. Jeden Morgen nach dem Frühstück machte ich ihm sein Bad zurecht, reinigte seinen Käfig, gab ihm frisches Futter, füllte sein Trinknäpfchen mit frischem Brunnenwasser und hängte etwas Vogelmiere an seinen Schaukelring.

Eines Morgens ließ ich den Käfig auf dem Fensterbrett stehen, während ich Jim frisches Wasser für sein Bad holte. Als ich zurückkehrte und die Tür öffnete, fühlte ich, daß eine große Katze zum Zimmer hinausstürzte. Zuerst bemerkte ich noch gar nicht, was sich zugetragen hatte; als ich aber meine Hand in den Käfig steckte und Jim mir nicht entgegenflatterte oder mit seinen zierlichen Füßchen sich auf meinen Finger setzte, wußte ich, daß ich meinen lieben kleinen Sänger nicht wiedersehen würde.

Neuntes Kapitel.

Reise nach Boston. — Zusammentreffen mit den blinden Kindern. — Bunker Hill. — Plymouth. — Pilgerfelsen. — Herr William Endicott.

Das nächste wichtige Ereignis in meinem Leben war mein Besuch in Boston im Mai 1888. Als ob es erst gestern gewesen wäre, so genau entsinne ich mich der Vorbereitungen, der Abreise mit meiner Lehrerin und meiner Mutter, der Eisenbahnfahrt und endlich der Ankunft in Boston. Wie verschieden war doch diese Reise von der, die ich zwei Jahre zuvor nach Baltimore gemacht hatte! Ich war kein ruheloses, reizbares kleines Geschöpf mehr, das die Aufmerksamkeit sämtlicher Mitreisenden verlangte, um zufriedengestellt zu sein. Ich saß still neben Fräulein Sullivan und achtete mit regem Interesse auf alles, was sie mir über das mitteilte, was sie aus dem Coupéfenster sah, den schönen Tennesseestrom, die großen Baumwollplantagen, die Hügel und Wälder und die Scharen lachender Neger auf den Bahnhöfen, die den Reisenden zuwinkten und köstliches Zuckergebäck und Maisklöße im Wagen umhertrugen. Mir gegenüber saß meine große, zerflederte Puppe, Nancy, in einem neuen Ginghamkleide und einem zerknitterten Strohhute und sah mich unverwandt mit ihren Glasaugen an. Bisweilen, wenn ich nicht durch Fräulein Sullivans Schilderungen in Anspruch genommen war, erinnerte ich mich der Anwesenheit Nancys und nahm sie auf den Arm, aber im allgemeinen beschwichtigte ich mein Gewissen dadurch, daß ich mir einredete, sie schlafe.

Da ich keine Gelegenheit mehr haben werde, von Nancy zu sprechen, so will ich gleich hier von dem traurigen Schicksale erzählen, das sie bald nach unserer Ankunft in Boston hatte. Sie war ganz mit Schmutz bedeckt, dem Ueberreste von Schlammkuchen, die ich sie zu essen gezwungen hatte, obwohl sie niemals eine besondere Vorliebe für diesen Leckerbissen gezeigt hatte. Die Wäscherin im Perkinsschen Institut nahm sie heimlich mit fort, um sie zu baden. Dies war für die arme Nancy zu viel. Als ich sie das nächstemal wiedersah, war sie nur noch ein formloser Watteklumpen, den ich überhaupt nicht wiedererkannt haben würde, wären nicht die beiden Glasaugen gewesen, die mich vorwurfsvoll ansahen.

Als der Zug endlich in den Bahnhof von Boston einfuhr, war es, als sei ein schönes Feenmärchen zur Wirklichkeit geworden. Das „es war einmal“ war Gegenwart; das „weite, ferne Land“ war hier.

Kaum waren wir in dem Perkinsschen Blindeninstitut angelangt, als ich auch schon mit den blinden Kindern Freundschaft zu schließen begann. Es freute mich unaussprechlich, zu finden, daß sie das Fingeralphabet verstanden. Wie froh war ich, mich mit anderen Kindern in meiner Sprache unterhalten zu können! Bis dahin war ich wie eine Ausländerin gewesen, die durch Vermittelung eines Dolmetschers spricht. In der Schule, in der Laura Bridgman unterrichtet worden war, befand ich mich in meinem Vaterlande. Es kostete mich einige Zeit, ehe ich mir die Tatsache, daß meine neuen Freunde blind waren, in ihrer Tragweite klarmachte. Ich wußte, ich konnte nicht sehen; aber es erschien mir unmöglich, daß all die munteren, liebenswürdigen Kinder, die um mich herumstanden und in meine Fröhlichkeit von Herzen einstimmten, gleichfalls blind sein sollten. Ich entsinne mich der schmerzlichen Ueberraschung, die ich empfand, als ich bemerkte, daß sie ihre Hände über die meinigen legten, wenn ich mit ihnen sprach, und daß sie in ihren Büchern mit Hilfe der Finger lasen. Obgleich mir dies schon vorher mitgeteilt worden war und obgleich ich mir meines eigenen Verlustes bewußt war, so hatte ich doch in unbestimmter Weise geglaubt, daß, da sie hören konnten, sie eine Art von „zweitem Gesicht“ haben müßten, und ich war nicht darauf vorbereitet, zu finden, daß diese Kinder alle derselben köstlichen Gabe wie ich beraubt waren. Aber sie waren so glücklich und zufrieden, daß ich alle Schmerzempfindungen über der Freude vergaß, die mir das Zusammensein mit ihnen gewährte.