Als ich einen Tag in der Gesellschaft der blinden Kinder zugebracht hatte, fühlte ich mich in meiner neuen Umgebung vollständig daheim, und jeder Tag brachte mir eine neue angenehme Erfahrung. Ich konnte mich nicht völlig davon überzeugen, daß es außer Boston noch viel in der Welt gebe, denn ich betrachtete diese Stadt als den Anfang und das Ende der Schöpfung.

Während unseres Aufenthaltes in Boston besuchten wir Bunker Hill und hier erhielt ich meinen ersten Geschichtsunterricht. Die Geschichte von den tapferen Männern, die auf dem Platze, auf dem wir standen, gekämpft hatten, regte mich gewaltig auf. Ich bestieg das Denkmal, wobei ich die Stufen zählte, und fragte mich verwundert, als es immer höher und höher hinauf ging, ob die Soldaten diese große Treppe erstiegen und von hier auf den Feind dort unten geschossen hätten.

Am nächsten Tage fuhren wir nach Plymouth. Es war dies meine erste Seereise und mein erster Ausflug auf einem Dampfer. Wie voll von Leben und Bewegung war das Schiff! Aber das Getöse der Maschine ließ mich glauben, es sei ein Gewitter im Anzuge, und ich begann zu weinen, weil ich fürchtete, wenn es regnete, könnten wir unser Picknick nicht im Freien abhalten. Ich glaube, der große Felsen, an dem die Pilger gelandet waren,[4] interessierte mich mehr als alles übrige in Plymouth. Ich konnte ihn berühren, und vielleicht war dies der Grund, weswegen mir die Ankunft der Pilger, ihre Beschwerden und ihre Heldentaten so deutlich vor der Seele standen. Ich habe oft ein kleines Modell des Felsens von Plymouth in der Hand gehabt, den mir ein freundlicher Herr in Pilgrim Hall gab, ich habe seine Umrisse, den Spalt in der Mitte und die eingemeißelte Inschrift »1620« befühlt und in meinem Innern alles überdacht, was ich von der wunderbaren Geschichte der Pilger wußte.

Wie erglühte meine kindliche Phantasie bei dem Gedanken an ihr ruhmvolles Unternehmen! Ich idealisierte sie als die tapfersten und hochherzigsten Männer, die jemals in der Fremde eine Heimat gesucht hatten. Ich glaubte, sie hätten die Freiheil ihrer Mitmenschen ebenso wie ihre eigene erstrebt. Ich war peinlich überrascht und arg enttäuscht, als ich einige Jahre später ihre unduldsamen Handlungen kennen lernte, die uns mit Scham erfüllen, selbst wenn wir den Mut und die Tatkraft anerkennen, die uns unser »schönes Land« gegeben haben.

Unter den zahlreichen Freunden, die ich mir in Boston gewann, befanden sich auch Herr William Endicott und seine Tochter. Die Güte, die mir beide erwiesen, war das Saatkorn, aus dem mir viele angenehme Erinnerungen erblüht sind. Eines Tages besuchten wir ihre schöne Villa in Beverly Farms. Ich erinnere mich mit Vergnügen daran, wie ich durch ihren schönen Rosengarten dahinschritt, wie ihre Hunde, der mächtige Leo und der kleine kraushaarige Fritz mit den langen Ohren, sich zu mir gesellten und wie Nimrod, das schnellste aller Pferde, seine Nase in meine Hand streckte, damit ich seinen Hals klopfen und ihm ein Stück Zucker geben sollte. Ebenso erinnere ich mich des Strandes, wo ich zum erstenmale im Sande gespielt hatte. Es war harter, glatter Sand, sehr verschieden von dem losen, scharfen, mit Algen und Muscheln untermischten Sande in Brewster. Herr Endicott erzählte mir von den großen Schiffen, die aus Boston nach Europa absegelten. Ich sah ihn später noch öfters, und er ist mir stets ein guter Freund gewesen, und ich dachte an ihn, als ich Boston „die Stadt der gütigen Herzen“ nannte.

[4] „Pilger“ oder „Pilgerväter“ hießen die 102 Puritaner, die im Jahre 1620 in Plymouth landeten.

Zehntes Kapitel.

Ferienaufenthalt in Brewster. — Die See. — Erstes Seebad. — Eindruck der Brandung. — Der erste Taschenkrebs.

Unmittelbar bevor das Perkinssche Institut seine Tore für den Rest des Sommers schloß, wurde die Verabredung getroffen, daß meine Lehrerin und ich unsere Ferien in Brewster am Kap Cod in der Gesellschaft unserer lieben Freundin, Frau Hopkins, zubringen sollten. Ich war darüber entzückt, denn mein Geist war voll von den zu erwartenden Freuden und den wunderbaren Geschichten, die ich vom Meere gehört hatte.

Meine lebhafteste Erinnerung an jenen Sommer ist der Ozean. Ich hatte stets im Binnenlande gelebt und niemals Seeluft geatmet; aber ich hatte in einem Buche mit dem Titel Our World eine Schilderung des Ozeans gelesen, die mich mit Erstaunen und einem sehnsüchtigen Verlangen erfüllte, die gewaltige See zu befühlen und ihr Toben zu spüren. So schlug mein kleines Herz in heftiger Erregung, als ich sah, daß mein Wunsch endlich doch in Erfüllung gehen sollte.