Kaum war ich in mein Badekostüm geschlüpft, als ich auf den warmen Sand hinaussprang und ohne die geringste Furcht in dem kühlen Wasser untertauchte. Ich fühlte, wie die mächtigen Wogen sich abwechselnd hoben und senkten. Die schaukelnde Bewegung des Wassers erfüllte mich mit ungemein lebhafter Freude. Mit einem Male aber wich mein Entzücken einem namenlosen Entsetzen; mein Fuß stieß gegen einen Felsen, und im nächsten Augenblick ergoß sich ein Strom von Wasser über mein Haupt. Ich streckte meine Hände aus, um eine Stütze zu finden, ich griff ins Wasser und faßte nach dem Tang, den mir die Wogen ins Gesicht schleuderten. Aber alle meine verzweifelten Anstrengungen waren vergeblich. Die Wellen schienen ihr Spiel mit mir zu treiben und warfen mich in ihrem wilden Tosen von einer zur anderen. Es war fürchterlich! Die gute, feste Erde war mir unter den Füßen weggeglitten, und ich schien von allem — von Leben, Luft, Wärme, Liebe — durch dieses unheimliche, mich rings umgebende Element ausgeschlossen zu sein. Endlich jedoch warf mich die See, als sei sie ihres neuen Spielzeugs müde, an das Gestade zurück, und im nächsten Augenblick wurde ich von den Armen meiner Lehrerin umschlungen. O, dieses wonnige Empfinden bei der langen, langen Umarmung! Sobald ich mich genügend von meinem panischen Schrecken erholt hatte, um ein Wort hervorbringen zu können, fragte ich: Wer hat denn eigentlich das Salz in das Wasser geschüttet?
Nachdem ich meine erste Erfahrung mit dem Wasser glücklich hinter mir hatte, machte es mir großes Vergnügen, in meinem Badekostüm auf einem mächtigen Felsen zu sitzen und Woge um Woge an den Felsen heranbranden zu fühlen, wobei sie einen Spritzregen von Schaum heraufsandten, der mich völlig durchnäßte. Ich spürte, wie die Kiesel fortgeschwemmt wurden, wenn die Wogen mit ihrer vollen Wucht gegen den Strand anstürmten; das ganze Gestade schien durch ihren furchtbaren Anprall zertrümmert zu werden, und die Luft erdröhnte unter ihren Donnerschlägen. Die Brandung schlug zurück, um sich zu einem noch mächtigeren Anlauf zu sammeln, und ich hing an dem Felsen voll gespannter Erwartung, wie von einem Banne befangen, während ich das Toben und Brüllen des wütenden Meeres fühlte.
Kaum konnte ich mich von dem Strande trennen. Der Hauch der reinen, frischen und klaren Seeluft wirkte wie kühles, beruhigendes Denken auf mich, und die Muscheln, die Kiesel, die mit winzigen Lebewesen bedeckten Algen büßten in meinen Augen nicht das geringste ihrer Anziehungskraft ein. Eines Tages lenkte Fräulein Sullivan meine Aufmerksamkeit auf ein seltsames Ding, das sie in dem seichten Wasser gefangen hatte. Es war ein großer Taschenkrebs, der erste, den ich je in meinem Leben gesehen hatte. Ich fühlte ihn an und fand es sehr seltsam, daß er sein Haus auf seinem Rücken mit sich herumtragen sollte. Plötzlich schoß mir der Gedanke durch den Kopf, er könne einen ganz artigen Spielgefährten abgeben; daher ergriff ich ihn mit beiden Händen am Schwanze und trug ihn nach Hause. Diese Heldentat gefiel mir außerordentlich, besonders da sein Körper sehr schwer war und ich alle meine Kräfte anstrengen mußte, ihn eine halbe Meile weit zu schleppen. Ich ließ Fräulein Sullivan keine Ruhe, bis sie den Krebs in einen Trog in der Nähe des Brunnens geworfen hatte, in dem er nach meiner Ueberzeugung sicher aufgehoben war. Als ich aber am nächsten Morgen zu dem Troge kam, siehe da, da war er verschwunden! Niemand wußte, wohin er gekommen war oder wie er hatte entwischen können. Ich empfand eine schmerzliche Enttäuschung; nach und nach gelangte ich jedoch zu der Einsicht, daß es nicht freundlich oder weise gehandelt war, dieses arme stumme Geschöpf seinem Element zu entreißen, und nach einiger Zeit fühlte ich mich in dem Gedanken glücklich, es sei ihm vielleicht gelungen, in das Meer zurückzukehren.
Elftes Kapitel.
Rückkehr nach Tuscumbia. — Fern Quarry. — Jagden. — Bony »Black Beauty«. — In Lebensgefahr.
Im Herbst kehrte ich mit einem Herzen voll von freundlichen Erinnerungen nach meiner südlichen Heimat zurück. So oft ich mir diesen Besuch im Norden ins Gedächtnis zurückrufe, erfüllt er meine Seele immer von neuem mit Bewunderung über die reichen, mannigfaltigen Erfahrungen, die sich mit ihm verbinden. Er scheint mir der Ausgangspunkt meiner ganzen künftigen Entwickelung gewesen zu sein. Die Schätze einer neuen, schönen Welt wurden mir zu Füßen gelegt, und bei jedem Ausgange empfing ich erheiternde und belehrende Eindrücke. Ich lebte selbst in allen Dingen mit. Ich saß keinen Augenblick still; mein Leben war so voller Bewegung wie das jener kleinen Insekten, deren ganzes Dasein sich im Laufe eines kurzen Tages abspielt. Ich begegnete vielen Menschen, die sich mit mir unterhielten, indem sie die Worte in meine Hand buchstabierten, und in fröhlicher Wechselwirkung stiegen Gedanken auf, um sich mit Gedanken anderer zu kreuzen, und siehe da! es geschah ein Wunder! Die öden Strecken, die meinen Geist von dem meiner Mitmenschen getrennt hatten, bedeckten sich mit Blüten wie ein Rosenstrauch.
Die Herbstmonate brachte ich mit meiner Familie in unserem Sommerlandhause zu, das auf einem Berge ungefähr vierzehn Meilen von Tuscumbia entfernt lag. Es hieß Fern Quarry weil sich in seiner Nähe ein jetzt längst aufgegebener Kalkbruch befunden hatte. Drei muntere, in den Felsen oberhalb entspringende Bäche, durchströmten den Bruch, hier ruhig fließend, dort in sprudelnden Kaskaden schäumend, wo die Felsen ihnen den Weg zu versperren suchten. Der Eingang war mit Farnen bedeckt, die die Kalksteinschichten vollständig überwucherten. Der übrige Teil des Berges war dicht bewaldet. Hier wuchsen hohe Eichen und mächtige Tannen mit Stämmen, gleich moosigen Säulen, von deren Zweigen Gewinde von Efeu und Mistel herniederhingen, ebenso Persimonbäume, deren Wohlgeruch jeden Winkel des Waldes durchdrang — ein verlockendes, duftendes Etwas, das das Herz fröhlich machte. Stellenweise zogen sich wilde Weinreben von Baum zu Baum und bildeten Lauben, die der Lieblingsaufenthalt von Schmetterlingen und summenden Insekten waren. Es war köstlich, sich am späten Nachmittag unter den grünen Gewölben und in den Irrgängen jenes Waldes zu verlieren und den kühlen erquickenden Duft einzuatmen, der bei Sonnenuntergang aus der Erde emporstieg.
Unser Landhaus war eine Art Jagdhütte, schön gelegen auf dem Gipfel des Berges zwischen Eichen und Fichten. Die kleinen Zimmer befanden sich zu beiden Seiten einer langen, offenen Halle. Rings um das Haus dehnte sich ein weiter Platz aus, zu dem die Bergeswinde alle Wohlgerüche des Waldes herübertrugen. Auf diesem Platze brachten wir den größten Teil des Tages zu — hier arbeiteten, aßen und spielten wir. An der hinteren Tür des Hauses erhob sich ein mächtiger Nußbaum, um den herum Stufen führten, und vorn standen die Bäume so nahe, daß ich sie berühren und fühlen konnte, wenn der Wind ihre Zweige hin und her bewegte, oder das Laub in den Herbststürmen zu Boden wirbelte.