Das dürre Gras und die Sträucher waren in einen Wald von Eiszapfen verwandelt.
Dann kam ein Tag, an dem die scharfe Luft das Herannahen eines Schneefalles ankündigte. Wir eilten ins Freie, um zu fühlen, wie die ersten zarten Flocken herniedersanken. Stunde um Stunde schwebten die Flocken schweigend und weich aus ihrer luftigen Höhe zur Erde herab, und die Gegend bekam immer mehr das Aussehen einer Ebene. Eine Schneenacht breitete sich über die Welt aus, und am Morgen konnte man kaum noch einen Zug der Landschaft erkennen. Alle Wege waren verweht, keine einzige Landmarke war mehr sichtbar — ringsum eine Schneewüste mit vereinzelt aus ihr hervorragenden Bäumen.
Am Abend erhob sich ein Wind aus Nordost, und die Flocken wirbelten in rasendem Tanze durcheinander. Wir saßen um den großen Herd herum, erzählten uns lustige Geschichten und waren vergnügt und heiter; dabei vergaßen wir ganz, daß wir uns inmitten einer trostlosen Einöde befanden, abgeschlossen von jeder Verbindung mit der Außenwelt. Während der Nacht steigerte sich die Gewalt des Sturmes derart, daß er uns mit einer unbestimmten Furcht erfüllte. Die Dachsparren knarrten und stöhnten, und die Zweige der das Haus umgebenden Bäume ächzten und schlugen gegen die Fenster, während der Sturm über die Landschaft hinraste.
Am dritten Tage nach dem Beginn des Unwetters hörte das Schneetreiben auf. Die Sonne brach durch die Wolken und beschien eine weite, wellige Ebene. Hohe Dämme, phantastisch gestaltete Schneehaufen und undurchdringliche Schneewehen zogen sich in allen Richtungen dahin.
Es wurden nun schmale Pfade durch die Schneewehen geschaufelt. Ich zog meinen Mantel an, setzte meinen Hut auf und ging hinaus. Die Luft war so scharf, daß meine Wangen wie Feuer brannten. Bald die gebahnten Pfade benutzend, bald unseren Weg selbständig durch die niedrigeren Wehen bahnend, gelangten wir endlich an eine große Fichte, die am Rande einer breiten Wiese stand. Die Bäume ragten bewegungslos und weiß gleich Figuren auf einem Marmorfriese empor. Die Fichtennadeln spendeten heute keinen Duft. Die Strahlen der Sonne fielen auf die Bäume, sodaß die Zweige wie Diamanten funkelten und viele von ihnen abbrachen, sobald wir sie berührten. So blendend war das Licht, daß es sogar die Finsternis, die auf meinen Augen lag, durchdrang.
Im Verlauf der Zeit wurden die Schneewehen immer kleiner, aber bevor sie gänzlich verschwunden waren, kam ein anderes Unwetter, sodaß ich kaum einmal im Winter die bloße Erde unter meinen Füßen fühlte. Allmählich verloren die Bäume ihre Eishülle, und die Binsen und Sträucher traten in ihrer ursprünglichen Gestalt wieder hervor, aber der See lag trotz des hellen Sonnenscheins gefroren und hart da.
Unser Lieblingsvergnügen in diesem Winter war Schlittenfahren. Stellenweise erhebt sich das Ufer des Sees steil über dem Wasserspiegel. Diese jähen Abhänge benutzten wir zu unserer Abfahrt. Wir setzten uns auf unseren Handschlitten, ein Knabe versetzte uns einen Stoß, und fort flogen wir! Wir durchschnitten Schneewehen, flogen über Vertiefungen hinweg, sausten auf den See hinaus und schossen über dessen schimmernde Oberfläche hin bis zum anderen Ufer. Was für ein Jubel! Was für eine herzerfrischende Tollheit! Für einen wilden, seligen Augenblick zerbrachen wir die Kette, die uns an die Erde schmiedet, wir reichten den Winden die Hand und fühlten uns göttergleich!
Dreizehntes Kapitel.
Rückblick auf die früheren Versuche, zu sprechen. — Ragnhild Kaata. — Unterricht in der Lautsprache bei Fräulein Fuller. — Freude über den Erfolg. — Ablesen von den Lippen mittels der Finger. — Gebrauch des Fingeralphabets.