Als ich mir die Sprache angeeignet hatte, konnte ich es kaum erwarten, nach Hause zu kommen. Endlich nahte der glückliche Augenblick. Während der Rückreise hatte ich fortwährend mit Fräulein Sullivan gesprochen, nicht um zu sprechen, sondern um mich bis zur letzten Minute zu vervollkommnen. Fast ehe ich es ahnte, hielt der Zug auf dem Bahnhofe in Tuscumbia, und auf dem Perron stand die ganze Familie. Meine Augen füllen sich noch jetzt mit Tränen, wenn ich daran denke, wie mich meine Mutter sprachlos und zitternd vor Freude an ihr Herz drückte und auf jede Silbe, die ich sprach, atemlos lauschte, während die kleine Mildred meine freie Hand ergriff, sie küßte und umhertanzte, und mein Vater seinen Stolz und seine Liebe durch tiefes Schweigen bekundete. Es war, als sei Jesaias Prophezeiung an mir in Erfüllung gegangen: Die Berge und Hügel werden vor dir Lieder anstimmen, und alle Bäume des Feldes werden vor Freude in ihre Hände klatschen.
[5] Vergl. Helens [Brief S. 161 ff.] und Fräulein Sullivans [Bericht S. 311 ff.]
Vierzehntes Kapitel.
Die Frostkönig-Episode. — Betrachtungen über Schriftstellerei.
Der Winter des Jahres 1892 wurde durch eine Wolke an dem heiteren Himmel meiner Kindheit getrübt. Anstatt der Freude waren für lange, lange Zeit Zweifel, Sorge und Furcht bei mir eingekehrt. Die Bücher verloren ihren Reiz für mich, und noch jetzt schnürt sich mir bei dem Gedanken an jene schrecklichen Tage das Herz zusammen. Eine kleine Geschichte mit dem Titel »Der Frostkönig«,[6] die ich schrieb und an Herrn Anagnos, den Direktor des Perkinsschen Blindeninstitutes schickte, bildete die Veranlassung zu all der Unruhe. Um die Sache klarzustellen, muß ich die Tatsachen in Verbindung mit folgender Episode auseinandersetzen, die zu erwähnen mich sowohl die Gerechtigkeit gegen meine Lehrerin wie gegen mich selbst nötigt.
Ich schrieb die Erzählung, als ich zu Hause war, in dem Herbste, nachdem ich sprechen gelernt hatte. Wir waren von Fern Quarry später als gewöhnlich aufgebrochen. Während unseres Aufenthaltes dort hatte mir Fräulein Sullivan die Schönheiten des herbstlichen Laubes beschrieben, und es scheint, als hätten ihre Schilderungen die Erinnerung an ein Märchen wachgerufen, das mir offenbar einmal vorgelesen worden war und das ich unbewußt behalten haben muß. Ich glaubte damals eine „Geschichte zu machen“, wie die Kinder sagen, und setzte mich voller Eifer hin, die niederzuschreiben, ehe sich die Gedanken wieder verflüchtigten. Die Gedanken flossen mir leicht aus der Feder; ich empfand lebhafte Freude bei der Ausarbeitung. Worte und Bilder strömten mir in reicher Fülle zu, und während ich mir einen Satz nach dem anderen ausdachte, schrieb ich alles mit meinem Braillegriffel nieder. Wenn mir jetzt Worte und Bilder ohne besondere Anstrengung kommen, so betrachte ich dies als einen ziemlich sicheren Beweis dafür, daß sie nicht mein geistiges Eigentum, sondern fremdes Gut sind, von dem ich nichts wissen will. Damals aber nahm ich alles, was ich las, begierig auf ohne irgend einen Gedanken an Verfasserrecht, und selbst jetzt kann ich die Grenzlinie zwischen meinen Gedanken und denen, die ich in meinen Büchern finde, nicht ganz scharf ziehen. Ich glaube, dies liegt daran, daß mir soviele Eindrücke durch die Vermittlung der Augen und Ohren anderer zugehen.
Als ich mit meiner Erzählung fertig war, las ich sie meiner Lehrerin vor, und ich erinnere mich noch jetzt lebhaft der Freude, die ich bei den gelungenen Stellen empfand, sowie meiner Ungeduld, wenn ich durch die Verbesserung der Aussprache eines Wortes unterbrochen wurde. Beim Mittagessen wurde sie der versammelten Familie vorgelesen, die ganz erstaunt war, daß ich so gut schrieb. Es fragte mich auch jemand, ob ich sie nicht in irgend einem Buche gelesen hätte.
Diese Frage überraschte mich sehr, denn ich hatte nicht die geringste Erinnerung daran, daß sie mir je vorgelesen worden sei. Ich sagte daher mit aller Entschiedenheit: O nein, es ist eine Geschichte von mir, und ich habe sie für Herrn Anagnos geschrieben.
Demgemäß schrieb ich die Erzählung ab und schickte sie dem genannten Herrn zu seinem Geburtstage. Es wurde mir geraten, den Titel, der ursprünglich »Herbstlaub« (Autumn Leaves) lautete, in »Der Frostkönig« (The Frost King) umzuändern, was ich denn auch tat. Ich trug die kleine Erzählung selbst zur Post, und es war mir dabei zu Mute, als ob ich in den Wolken schwebte. Ich ließ mir wenig davon träumen, wie hart ich für dieses Geburtstagsgeschenk zu büßen haben würde.