Herr Anagnos war über den »Frostkönig« entzückt und veröffentlichte das Märchen in einem seiner Jahresberichte über das Perkinssche Institut. Dies war der Gipfel meiner Glückseligkeit, von dem ich aber bald jäh wieder zur Erde geschleudert werden sollte. Ich war nur kurze Zeit in Boston gewesen, als es sich herausstellte, daß eine ähnliche Geschichte wie »Der Frostkönig«, nämlich »Die Frostelfen« (The Frost Fairies) von Fräulein Margaret T. Canby, vor meiner Geburt in einem Buche mit dem Titel »Birdie und seine Freunde« (Birdie and His Friends) erschienen sei. Die beiden Erzählungen stimmten in Inhalt und Form so sehr überein, daß kein Zweifel darüber bleiben konnte, daß Fräulein Canbys Märchen mir vorgelesen worden sein mußte, und daß das meinige — ein Plagiat war. Es hielt schwer, mir dies verständlich zu machen; als ich es aber begriffen hatte, war ich tief betrübt. Kein Kind hat je einen bittereren Kelch getrunken als ich. Ich hatte mir Schimpf und Schande zugezogen, ich hatte Verdacht bei denen erregt, die ich am meisten liebte. Und doch, wie war es möglich, daß so etwas geschehen konnte? Ich zermarterte mein Gehirn unablässig, um mich an irgend etwas zu erinnern, was ich über den Frost gelesen haben könnte, bevor ich den »Frostkönig« schrieb; ich konnte mich aber auf nichts entsinnen als auf die volkstümliche Redensart von Jack Frost und ein Kindergedichtchen: »Die Launen des Frostes« (The Freaks of the Frost), und ich wußte, daß ich dieses nicht bei meiner Arbeit benutzt hatte.
Zunächst schien mir Herr Anagnos zu glauben, obgleich er großen Kummer darüber empfand. Er war außergewöhnlich zärtlich und liebevoll zu mir, und eine kurze Zeitlang verschwand der Schatten. Ihm zuliebe suchte ich mich zu fassen und mich zur Feier von Washingtons Geburtstag, der bald nach dem peinlichen Zwischenfall festlich begangen wurde, so hübsch wie möglich zu machen.
Ich sollte die Ceres in einer Art von Maskenspiel darstellen, das von den blinden Kindern aufgeführt wurde. Wie gut erinnere ich mich an das reizvolle Gewand, das mich umhüllte, an das bunte Herbstlaub, das mein Haupt schmückte, an die Früchte und Aehren zu meinen Füßen und in meinen Händen, und unter all der Heiterkeit des Maskenspiels das drückende Bewußtsein eines nahenden Unheils, das mir das Herz schwer machte!
Am Abend vor der Feier hatte eine der Institutslehrerinnen eine Frage betreffs des »Frostkönigs« an mich gerichtet, und ich hatte ihr geantwortet, daß Fräulein Sullivan mir von Jack Frost und seinen Wunderwerken erzählt habe. Irgend eine Aeußerung von mir schien sie als Geständnis aufzufassen, daß ich mich an Fräulein Canbys Märchen von den »Frostelfen« erinnere, und sie teilte Herrn Anagnos dies mit, obgleich ich ihr ganz entschieden erklärte, sie habe mich mißverstanden.
Herr Anagnos, der mich zärtlich liebte, blieb den Beteuerungen meiner Liebe und Unschuld gegenüber taub, da er getäuscht worden zu sein glaubte. Er war der Meinung oder hegte wenigstens den Verdacht, daß Fräulein Sullivan und ich uns bewußt die Gedanken einer anderen angeeignet und sie ihm in betrügerischer Absicht zugeschickt hätten, um Bewunderung bei ihm zu finden. Ich wurde vor ein Gericht gestellt, das aus den Lehrern und Beamten des Institute bestand, und Fräulein Sullivan wurde aufgefordert, mich allein zu lassen. Dann wurde ich einem förmlichen Kreuzverhör unterworfen, das mich auf die Vermutung brachte, meine Richter seien fest entschlossen, mich zu dem Geständnis zu zwingen, ich erinnerte mich, daß mir das Märchen »Die Frostelfen« vorgelesen worden sei. Ich fühlte aus jeder Frage den Zweifel und den Verdacht heraus, den sie in ihrem Innern hegten, und ebenso empfand ich es, daß ein geliebter Freund uns vorwurfsvoll betrachtete, obgleich ich dies alles nicht in Worte fassen konnte. Alles Blut drängte sich mir nach meinem wild pochenden Herzen, und ich konnte kaum sprechen außer in abgerissenen Worten und Silben. Selbst das Bewußtsein, das Ganze sei nur ein furchtbares Mißverständnis, konnte meinen Schmerz nicht lindern, und als ich schließlich das Zimmer verlassen durfte, war ich noch ganz außer mir und achtete weder auf die Liebkosungen meiner Lehrerin noch auf die zärtlichen Worte meiner Freunde, die mir sagten, ich sei ein braves Mädchen, auf das man stolz sein könne.
Als ich diese Nacht in meinem Bette lag, weinte ich so herzbrechend, wie hoffentlich wenige Kinder geweint haben. Mir war so eisig kalt, daß ich glaubte, den nächsten Morgen nicht mehr zu erleben, und dieser Gedanke tröstete mich. Ich glaube, wenn dieser Schlag mich einige Jahre später getroffen hätte, so würde mein Geist unrettbar zusammengebrochen sein. Aber der Engel des Vergessens hat viel von dem Elend und der Bitternis dieser traurigen Tage aufgesammelt und mit sich fortgenommen.
Fräulein Sullivan hatte nie von den »Frostelfen« oder dem Buch, in dem das Märchen erschienen war, gehört. Mit Dr. Alexander Grahams Hilfe untersuchte sie die Sache gründlich, und schließlich stellte es sich heraus, daß Frau Sophia C. Hopkins im Jahre 1888 ein Exemplar von Fräulein Canbys »Birdie und seine Freunde« besaß, als wir den Sommer mit ihr in Brewster zubrachten. Frau Hopkins konnte das Buch nicht mehr finden, sie hat mir aber erzählt, daß sie, während Fräulein Sullivan auf einer Ferienreise begriffen war, versucht habe, mir durch Vorlesen aus verschiedenen Büchern die Zeit zu vertreiben, und obgleich sie sich nicht deutlicher als ich erinnern konnte, die »Frostelfen« gelesen zu haben, war sie doch ganz sicher, daß sich ein Exemplar von »Birdie und seine Freunde« unter diesen Büchern befunden habe. Sie erklärte sich das Fehlen des Buches dadurch, daß sie vor kurzem ihr Haus verkauft und dabei verschiedene Jugendschriften, sowie alte Schulbücher und Märchen verschenkt hatte, und daß sich die betreffende Erzählung wahrscheinlich unter diesen befunden hätte.
Erzählungen hatten damals wenig oder gar kein Interesse für mich; aber das bloße Buchstabieren der seltsamen Worte genügte, einem kleinen Mädchen die Zeit zu vertreiben, das selber beinahe nichts zu seiner Unterhaltung beitragen konnte, und obgleich ich mich keines einzelnen Umstandes bei dieser Lektüre entsinne, kann ich doch nicht umhin zu glauben, daß ich mir die größte Mühe gegeben habe, die Worte zu behalten, in der Absicht, sie meiner Lehrerin nach ihrer Rückkehr zu wiederholen. Das eine ist unzweifelhaft, die Sprache war mir unauslöschlich eingeprägt, obgleich dies lange Zeit niemand wußte, am wenigsten ich selbst.
Als dann Fräulein Sullivan zurückkam, sprach ich mit ihr nicht über die »Frostelfen«, wahrscheinlich, weil sie sofort begann, mir den »Kleinen Lord Fauntleroy«[7] vorzulesen, der mich so begeisterte, daß ich an nichts anderes denken konnte. Aber die Tatsache bleibt bestehen, daß mir Fräulein Canbys Märchen früher vorgelesen worden war und daß es sich mir, lange nachdem ich es vergessen hatte, mit solcher Ursprünglichkeit wieder aufdrängte, daß ich nie auf den Verdacht geriet, es könne das Geisteskind einer anderen sein.
Mitten in meinem Schmerze erhielt ich viele Beweise der Liebe und Teilnahme. Alle Freunde, die ich am meisten liebte, sind mir damals bis auf einen treu geblieben. Fräulein Canby selbst schrieb mir freundlich: Eines Tages werden Sie ein Märchen eigener Erfindung schreiben, das viele aufrichten und erheben wird. — Aber diese Prophezeiung ist nie in Erfüllung gegangen. Ich habe nie mehr zum Zwecke der bloßen Unterhaltung mit Worten gespielt. In der Tat bin ich seitdem stets von dem Gedanken gequält worden, daß das, was ich schreibe, nicht mein geistiges Eigentum ist. Lange Zeit wurde ich, wenn ich einen Brief schrieb, selbst an meine Mutter, von einem plötzlichen Angstgefühl befallen und ich zergliederte meine Sätze auf das genaueste, um sicher zu sein, sie nicht in einem Buche gelesen zu haben. Ohne den unausgesetzten Zuspruch Fräulein Sullivans würde ich, wie ich glaube, jeden weiteren Versuch, mich schriftstellerisch zu betätigen, aufgegeben haben.