Am 17. November fühlte ich mich nicht ganz wohl und konnte den Unterricht nicht besuchen. Obgleich Fräulein Sullivan sah, daß es sich nur um eine leichte Unpäßlichkeit handle, erklärte Herr Gilman als er davon hörte, doch, ich stehe im Begriff, zusammenzubrechen, und traf Änderungen in meinem Studienplan, die es mir unmöglich machten, meine Abgangsprüfung zugleich mit meiner Klasse abzulegen. Schließlich führte die Meinungsverschiedenheit zwischen Herrn Gilman und Fräulein Sullivan dahin, daß meine Mutter meine Schwester Mildred und mich von dem Gymnasium in Cambridge wegnahm.
Nach einiger Zeit wurde beschlossen, daß ich meine Studien unter der Leitung eines Hauslehrers, Herrn Merton S. Keith aus Cambridge, fortsetzen sollte. Den Rest des Winters verlebten Fräulein Sullivan und ich bei der uns befreundeten Familie Chamberlin in Wrentham, einer fünfundzwanzig Meilen von Boston entfernten Stadt.
Vom Februar bis Juli 1898 kam Herr Keith wöchentlich zweimal nach Wrentham und unterrichtete mich in Algebra, Geometrie, Griechisch und Latein. Fräulein Sullivan übersetzte mir seine Erläuterungen.
Im Oktober 1898 kehrten wir nach Boston zurück. Acht Monate hindurch erteilte mir Herr Keith wöchentlich fünfmal Unterricht, jedesmal ungefähr eine Stunde lang. Er erklärte mir stets, was ich in der vorhergehenden Unterrichtsstunde nicht begriffen hatte, stellte mir neue Aufgaben und nahm meine griechischen Exerzitien, die ich während der Woche auf meiner Schreibmaschine angefertigt hatte, nach Hause, korrigierte sie sorgfältig und gab sie mir das nächstemal zurück.
Auf diese Weise schritt meine Vorbereitung für die Universität ohne Unterbrechung weiter fort. Ich fand es leichter und angenehmer, für mich allein unterrichtet zu werden als in der Klasse mit anderen zusammen. Es gab hier keine Überstürzung, keine Verwirrung. Mein Lehrer hatte vollauf Zeit, mir zu erklären, was ich nicht verstand, und daher machte ich raschere Fortschritte und hatte bessere Leistungen aufzuweisen als je auf dem Gymnasium. Ich fand jedoch noch immer mehr Schwierigkeiten bei der Lösung von mathematischen Aufgaben als in jedem anderen Unterrichtsfache. Ich wünschte, Algebra und Geometrie wären mir nur halb so leicht gefallen wie das Sprach- und Literaturstudium. Aber selbst die Mathematik machte mir Herr Keith anziehend; es gelang ihm, mir die Lehrsätze und Aufgaben so faßlich zu machen, daß ich dem Unterrichte mit Leichtigkeit folgen konnte. Er erhielt meine Aufmerksamkeit rege und lebendig und gewöhnte mich an klares Denken und ruhiges, logisches Schließen anstatt meiner früheren wilden, ziellosen Kreuz- und Quersprünge. Er war stets freundlich und zuvorkommend, wie ungeschickt ich mich auch mitunter angestellt haben mag, und man kann es mir glauben, meine Beschränktheit würde oft sogar eine Hiobsgeduld erschöpft haben.
Am 29. und 30. Juni 1899 legte ich die Schlußprüfung für das Radcliffe College ab. Am ersten Tage kamen die Anfangsgründe im Griechischen und lateinische Lektüre, am zweiten Geometrie, Algebra und griechische Lektüre an die Reihe.
Die Universitätsbehörden gestatteten Fräulein Sullivan nicht, mir die Prüfungsaufgaben vorzulesen; dafür wurde Herr Eugen C. Vining, einer der Lehrer des Perkinsschen Blindeninstituts, mit der Übertragung der Aufgaben für mich in amerikanische Brailleschrift betraut. Herr Vining war mir völlig fremd und konnte sich nur mittels der Brailleschrift mit mir verständigen. Auch der aufsichtführende Beamte war mir fremd und machte keinerlei Versuch, sich mit mir in Verbindung zu setzen.
Die Brailleschrift genügte zwar für die Sprachen vollständig; als aber Geometrie und Algebra an die Reihe kamen, ergaben sich Schwierigkeiten. Ich war schmerzlich überrascht und niedergeschlagen, da ich viel kostbare Zeit verlor, namentlich in der Algebra. Zwar war ich mit allen gewöhnlich zu literarischen Zwecken benutzten Braillesystemen vertraut — dem englischen, dem amerikanischen und dem New Yorker; aber die geometrischen und algebraischen Zeichen sind in diesen drei Systemen sehr verschieden, und ich hatte in der Algebra nur das englische benutzt.
Zwei Tage vor dem Beginn der Prüfungen sandte mir Herr Vining die Braillekopie einer früher von der Harvard-Universität gestellten algebraischen Aufgabe. Zu meinem Schreck bemerkte ich, daß sie in der amerikanischen Notation gehalten war. Ich setzte mich unverzüglich hin und bat Herrn Vining in ein paar Zeilen um eine Erklärung der Zeichen. Umgehend erhielt ich eine andere Arbeit und eine Tabelle, in der die Zeichen erklärt waren, und setzte mich hin, um die Notation zu erlernen. Aber am Abend vor der Prüfung in der Algebra, während ich über einigen sehr verwickelten Aufgaben brütete, hatte ich keine Zeit, mir die Zusammenstellungen von Klammern, Haken und Wurzelzeichen einzuprägen. Sowohl Herr Keith wie ich waren niedergeschlagen und voll trüber Ahnungen für morgen; wir gingen aber ein wenig vor dem Beginn der Prüfung nach dem Universitätsgebäude und baten Herrn Vining, uns die amerikanischen Zeichen etwas eingehender zu erklären.
In der Geometrie bestand die Hauptschwierigkeit für mich darin, daß ich stets gewohnt gewesen war, die Sätze im Liniendruck zu lesen oder sie in die Hand buchstabiert zu bekommen, und obgleich die Sätze jetzt dicht vor mir lagen, fand ich doch die Brailleschrift einigermaßen verwirrend und konnte mir nicht klar vorstellen, was ich las. Als aber die Algebra an die Reihe kam, brach eine noch härtere Zeit für mich an. Ich konnte mich in die Zeichen, die ich so spät erlernt hatte und die ich zu kennen glaubte, nicht finden. Außerdem konnte ich nicht prüfen, was ich auf meiner Schreibmaschine geschrieben hatte. Ich hatte stets meine Arbeiten in Brailleschrift oder im Kopfe gemacht. Herr Keith hatte sich zu sehr auf meine Fertigkeit, die Aufgaben im Kopfe zu lösen, verlassen und hatte mich nicht im schriftlichen Anfertigen von Examensarbeiten unterwiesen. Infolgedessen ging meine Arbeit peinlich langsam von statten, und ich hatte die Aufgaben immer und immer wieder zu lesen, ehe ich begriff, was von mir verlangt wurde. In der Tat bin ich selbst jetzt noch nicht sicher, alle Zeichen richtig gelesen zu haben. Es fiel mir schwer, meinen Kopf beisammen zu halten.