Aber ich klage niemand an. Die Universitätsbehörde wußte nicht, wie schwer sie mir meine Prüfung machte, noch begriff sie die besonderen Schwierigkeiten, die ich zu überwinden hatte. Aber wenn sie mir unabsichtlich Hindernisse in den Weg legte, so habe ich die Genugtuung, zu wissen, daß ich sie alle überwunden habe.
Zwanzigstes Kapitel.
Eintritt in das Radcliffe College. — Anfängliche Begeisterung und teilweise Enttäuschung. — Übelstände des Universitatsstudiums. — Erstes Studienjahr. — Französisch, Deutsch, englische Stillehre, englische Literatur. — Besuch der Vorlesungen. — Schreibmaschine. — Stunden des Unmuts. — Zweites Jahr: englische Stillehre, Bibel, politische Verhältnisse Amerikas und Europas, horazische Oden, lateinische Komödie, Nationalökonomie, Shakespeare, Geschichte der Philosophie. — Verknöcherung des Universitätswesens..— Pein der Prüfungen. — Enttäuschung.
Der Kampf um die Zulassung zur Universität war siegreich beendet, und ich konnte nun in das Radcliffe College eintreten, wann es mir beliebte. Bevor ich jedoch die Universität bezog, kamen wir überein, daß ich noch ein weiteres Jahr unter Herrn Keiths Leitung studieren sollte. Erst gegen Ende 1900 ging daher mein Traum, die Universität zu besuchen, in Erfüllung.
Ich erinnere mich heute noch meines ersten Tages im Radcliffe College. Es war ein interessanter Tag für mich. Ich hatte ihn jahrelang herbeigesehnt. Eine mächtige Kraft in mir, die stärker war als der Rat meiner Freunde, stärker selbst als die Warnungen meines eigenen Inneren, hatte mich dazu getrieben, meine Kräfte mit denen zu messen, die sehen und hören. Ich wußte, ich würde auf Hindernisse stoßen, aber ich war voller Eifer, sie zu überwinden. Ich hatte mir die Worte des weisen Römers zu Herzen genommen, der da gesagt hatte: „Aus Rom verbannt sein, heißt nur außerhalb Roms leben.“ — Abgeschnitten von der großen Heerstraße des Wissens war ich genötigt, meine Reise quer durchs Land auf wenig besuchten Straßen zurückzulegen — das war alles. Ich wußte, daß es auf einer Universität viele Nebenpfade gab, auf denen ich Hand in Hand mit Mädchen gehen konnte, die ebenso dachten, liebten und kämpften wie ich.
Ich begann meine Studien voller Eifer. Vor mir erblickte ich eine neue Welt, strahlend in Schönheit und Licht, und ich fühlte die Fähigkeit in mir, alles zu erkennen. In dem Wunderland des Geistes würde ich so frei sein wie jede andere. Seine Bewohner, seine Landschaft, seine Sitten, seine Freuden, seine Leiden sollten lebendige verkörperte Vermittler der realen Welt sein. Die Vorlesungssäle schienen mir mit dem Geiste der großen Weisen aller Zeiten erfüllt, und ich hielt die Professoren für Personifikationen der Weisheit selbst. Ich bin seitdem zu einer anderen Überzeugung gelangt, doch habe ich nicht die Absicht, irgend jemand mit Namen zu nennen.
Aber bald entdeckte ich, daß das College nicht ganz das romantische Lyceum war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Viele der Träume, die meine unerfahrene Jugend entzückt hatten, „verblaßten in dem grauen Lichte des Alltags“. Allmählich begann ich einzusehen, daß der Besuch der Universität auch seine Schattenseiten habe.
Die eine, deren ich mir am schmerzlichsten bewußt war und noch bewußt bin, besteht in dem Mangel an Zeit. Ich pflegte Zeit zum Denken, zum Sinnen zu haben, mein Geist und ich. Wir hatten manchen lieben Abend beieinander gesessen und der Melodie in unserem Innern gelauscht, die man nur in Mußestunden vernimmt, wenn die Worte eines Lieblingsdichters eine tiefe wohllautende Saite in unserer Seele anschlagen, die bis dahin noch nicht erklungen war. Aber auf der Universität hat man keine Zeit, mit seinen Gedanken zu verkehren. Man besucht, scheint es, die Vorlesungen, um zu lernen, nicht, um zu denken. Betritt man die Portale der Gelehrsamkeit, so läßt man die besten Freuden — Einsamkeit, Bücher und Phantasie — draußen bei den rauschenden Tannen. Ich glaube, ich müßte einige Beruhigung in dem Gedanken finden, daß ich Schätze für zukünftige Genüsse aufspeichere, aber ich bin zu unvorsorglich, um nicht den Genuß des Augenblicks der Ansammlung von Reichtümern für trübe Tage vorzuziehen.