„Geben Sie mir einen kurzen Ueberblick über Huß und seine Bedeutung!“ — Huß? Wer war denn das, und was hat er doch gleich getan? Der Name klingt so seltsam vertraut. Man wühlt seinen Vorrat historischer Kenntnisse um und um, genau so, als wollte man nach einem Stückchen Seide in einem Lumpensack suchen. Man ist überzeugt, es steckt irgendwo im Gedächtnisse ganz oben — man weiß, man hat es erst ganz kürzlich gesehen, als man den Beginn der Reformation betrachtete. Aber wo ist es nun? Man fischt allerhand Wissensbrocken heraus — Revolutionen, Schismen, Niedermetzelungen, Regierungssysteme — aber Huß, wo steckt der? Man wundert sich über das, was man alles weiß, was aber jetzt nicht in Frage kommt. In der Verzweiflung packt man seinen Sack und schüttet ihn um, und dort in einem Winkel steckt der betreffende Mann und brütet unbekümmert über seinen Privatgedanken, ohne eine Ahnung von dem Unheil zu haben, das er über unsereinen gebracht hat.

Gerade in diesem Augenblick aber kündigt der Examinator an, daß die Frist um ist. Mit einem Gefühl des äußersten Ekels wirft man die Masse Gerümpel in eine Ecke und geht nach Hause, den Kopf angefüllt mit revolutionären Plänen, die die Abschaffung des göttlichen Rechtes der Professoren bezwecken, Fragen ohne die Genehmigung der Befragten zu stellen.

Es mag sein, daß ich auf den letzten zwei bis drei Seiten dieses Kapitels Redewendungen gebraucht habe, wegen deren man mich auslachen wird. Ach ja, hier sind sie — die hinkenden Gleichnisse, die sich vor mich hinstellen und mich verhöhnen, indem sie auf den von Hagelkörnern umwirbelten Stier im Porzellanladen und die Schreckensgespenster mit bleichem Antlitz — eine noch nicht analysierte Art — hinweisen. Laßt sie höhnen! Die Worte schildern so getreu die Atmosphäre sich drängender und überstürzender Gedanken, in der ich lebe, daß ich sie mir später noch einmal vergegenwärtigen möchte, um dann eine ernste Miene anzunehmen und zu erklären, daß sich meine Ansichten über die Universität geändert haben.

Als mein Universitätsstudium noch im Schoße der Zukunft schlummerte, war es von einem Strahlenkranze von Romantik umwoben, den es jetzt eingebüßt hat; aber bei dem Uebergange von der Romantik zur Wirklichkeit habe ich vieles gelernt, was mir nie zum Bewußtsein gekommen sein würde, wenn ich dieses Experiment nicht unternommen hätte. Das eine ist die köstliche Wissenschaft der Geduld, die uns lehrt, daß wir unsere Bildung betreiben sollen, als wollten wir einen Spaziergang auf das Land machen, in voller Muße und mit Sinnen, die für die Eindrücke jeder Art ihre gastlichen Tore weit geöffnet haben. Solches Wissen überströmt unser innerstes Wesen mit einer unerschöpflichen Flutwoge tiefer Gedanken. Wissen ist Macht! Besser ausgedrückt: Wissen ist Glückseligkeit, denn der Besitz von Wissen — umfassendem, tiefem Wissen — ist gleichbedeutend mit der Fähigkeit, wahre Zwecke von falschen und erhabene Dinge von niedrigen zu unterscheiden. Die für den Fortschritt des Menschen entscheidenden Gedanken und Taten kennen, heißt den gewaltigen Pulsschlag der Menschheit über die Jahrhunderte hinweg fühlen, und wer in diesen Schlägen nicht ein himmelwärts gerichtetes Streben wahrnimmt, der muß in der Tat für die Harmonie des Lebens taub sein.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Bücherstudium. — Rückblick. — Bibliothek in Boston. — Heißhunger auf Bücher. — »Little Lord Fauntleroy«. — Lafontaines Fabeln. — Begeisterung für das griechische Altertum. — Ilias. — Aeneis. — Bibel. — Shakespeare: Macbeth, König Lear. — Geschichte. — Deutsche Literatur. — Französische Literatur. — Mark Twain. — Scott.

Bisher habe ich die Ereignisse meines Lebens kurz skizziert, aber noch nicht davon gesprochen, wieviel ich den Büchern verdanke, nicht nur hinsichtlich des Genusses und der Belehrung, die sie allen bringen, die da lesen, sondern auch betreffs jener Kenntnisse, die andere durch Vermittelung ihrer Augen und Ohren erhalten. In der Tat haben Bücher in der Geschichte meiner Bildung eine soviel wesentlichere Rolle gespielt als bei anderen, daß ich bis auf die Zeit zurückgreifen muß, da ich lesen lernte.

Meine erste zusammenhängende Geschichte las ich im Mai 1887, als ich sieben Jahre alt war, und von jenem Tage an bis zum gegenwärtigen Augenblicke habe ich alles, was in der Gestalt eines Hochdruckes in den Bereich meiner heißhungrigen Fingerspitzen geriet, förmlich verschlungen. Wie ich bereits erwähnt habe, erhielt ich während der ersten Jahre meiner Erziehung keinen regelmäßigen Unterricht; auch las ich nicht regelmäßig.

Zuerst besaß ich nur wenig Bücher in Hochdruck — »Fibeln« für Anfänger, eine Sammlung von Kindergeschichten und ein geographisches Buch, »Our World«. Ich denke, das war alles; aber ich las sie immer und immer wieder, bis die Worte so abgenutzt und abgegriffen waren, daß ich sie kaum noch erkennen konnte. Bisweilen las mir Fräulein Sullivan vor, indem sie mir kleine Geschichten und Gedichte in die Hand buchstabierte, von denen sie wußte, daß ich sie verstehen konnte; ich zog es jedoch vor, für mich selbst zu lesen, weil ich es liebte, das, was mir gefiel, immer und immer wieder zu lesen.

Erst während meines ersten Besuches in Boston begann ich systematisch und mit vollem Ernste zu lesen. Es war mir gestattet worden, an jedem Tage eine bestimmte Zeit in der Bibliothek zu verweilen, von Bücherbrett zu Bücherbrett zu gehen und mir jedes Buch herunterzunehmen, auf das meine Finger stießen. Und ich las und las, ob ich nun ein Wort von zehn oder zwei Wörter auf einer Seite verstand. Die Wörter selbst übten eine Art von Zauber auf mich aus; aber ich hatte kein bewußtes Verständnis für das, was ich las. Mein Geist muß jedoch zu dieser Zeit sehr eindrucksfähig gewesen sein, denn er behielt viele Wörter und ganze Sätze, von deren Bedeutung ich nicht die mindeste Ahnung hatte, und als ich später zu sprechen und zu schreiben begann, kamen mir diese Wörter und Sätze ganz von selbst wieder ins Gedächtnis, sodaß sich meine Freunde über die Reichhaltigkeit meines Wortschatzes wunderten. Ich muß Abschnitte aus vielen Büchern (in jenen frühen Tagen habe ich, wie ich glaube, nie ein Buch vollständig gelesen) und eine große Menge Gedichte auf jene unverstandene Art gelesen haben, bis ich den »Little Lord Fauntleroy« entdeckte. Dies war das erste zusammenhängende Buch, das ich mit Verständnis las.