Eines Tages fand mich meine Lehrerin in einer Ecke der Bibliothek, wie ich meine Finger über die Seiten von Hawthornes »The Scarlet Letter« gleiten ließ. Ich war damals ungefähr acht Jahre alt. Ich erinnere mich, daß sie mich fragte, ob mir little Pearl gefalle, und erklärte mir einige Worte, die ich nicht verstanden hatte. Dann erzählte sie mir, sie habe eine wunderhübsche Geschichte von einem kleinen Knaben, die mir sicherlich besser gefallen würde als »The Scarlet Letter«. Der Titel dieser Geschichte lautete »Little Lord Fauntleroy«, und sie versprach es mir im nächsten Sommer vorzulesen. Aber wir begannen mit dieser Lektüre erst im August; die ersten paar Wochen meines Aufenthaltes an der Küste waren so voller Entdeckungen und Aufregungen, daß ich darüber das Vorhandensein von Büchern ganz und gar vergaß. Dann reiste meine Lehrerin nach Boston, um einige Freunde zu besuchen, und ließ mich kurze Zeit allein.
Nach ihrer Rückkehr war beinahe das erste, was wir taten, daß wir die Geschichte von dem »kleinen Lord Fauntleroy« zu lesen begannen. Ich erinnere mich noch deutlich der Zeit und des Platzes, wo wir die ersten Kapitel dieser reizenden Kindergeschichte lasen. Es war ein warmer Augustnachmittag. Wir saßen zusammen in einer Hängematte, die zwischen zwei mächtigen Fichten in der Nähe unseres Hauses befestigt war. Wir waren gleich nach dem zweiten Frühstück aufgebrochen, um möglichst viel Zeit für die Geschichte zu haben. Als wir durch das hohe Gras zu der Hängematte eilten, sprangen die Grillen in großer Menge um uns herum und blieben an unseren Kleidern hängen, und ich entsinne mich, daß meine Lehrerin darauf bestand, sie alle abzusammeln, ehe wir uns hinsetzten, was mir jedoch als unnötiger Zeitverlust erschien. Die Hängematte war mit Fichtennadeln bedeckt, denn sie war während der Abwesenheit meiner Lehrerin nicht benutzt worden. Die Sonne schien warm auf die Fichtennadeln, sodaß sie all ihren Wohlgeruch ausströmten. Die Luft war erquickend und hatte etwas von der Seeluft an sich. Ehe wir zu lesen begannen, erklärte mir Fräulein Sullivan alles, wovon sie wußte, daß ich es nicht verstehen würde, und während des Lesens selbst erklärte sie mir die unbekannten Wörter. Anfänglich waren es sehr viele Wörter, die ich nicht verstand, und die Lektüre wurde beständig unterbrochen; sobald ich aber die allgemeine Situation aufgefaßt hatte, wurde ich von der Erzählung selbst zu stark in Anspruch genommen, als daß ich auf einzelne Wörter geachtet hätte, und ich fürchte, ich paßte sehr wenig auf die Erläuterungen auf, die Fräulein Sullivan für nötig fand. Als ihre Finger zu müde waren, um noch ein weiteres Wort zu buchstabieren, hatte ich zum erstenmal ein deutliches Empfinden von meinem körperlichen Gebrechen. Ich nahm das Buch in meine Hände und versuchte die Buchstaben mit einer Sehnlichkeit des Verlangens zu fühlen, die ich nie werde vergessen können.
Später übertrug Herr Anagnos auf mein inständiges Bitten die Erzählung in die Blindenschrift, und ich las sie immer und immer wieder, bis ich sie beinahe auswendig kannte, und während meiner Kinderzeit blieb der »kleine Lord Fauntleroy« mein holder, lieber Begleiter. Ich habe diese Einzelheiten mitgeteilt, selbst auf die Gefahr hin, langweilig zu erscheinen, weil sie in so starkem Gegensatze zu meinen sonstigen unbestimmten, schwankenden und verworrenen Erinnerungen an meine erste Lektüre stehen.[10]
Von »Little Lord Fauntleroy« datiert sich der Beginn meines wirklichen Interesses an Büchern. Während der nächsten beiden Jahre las ich viele Bücher zu Hause und bei meinen Besuchen in Boston. Ich kann mich nicht auf alle entsinnen, auch nicht, in welcher Reihenfolge ich sie gelesen habe; aber ich weiß, daß sich unter ihnen befanden »Greek Heroes«, Lafontaines Fabeln, Hawthornes »Wonder Book«, »Bible Stories«, Lambs »Tales from Shakespeare«, »A Child’s History of England« von Dickens, »The Arabian Nights«, »The Swiss Family Robinson«, »The Pilgrim’s Progress«, »Robinson Crusoe«, »Little Women« und »Heidi«, eine hübsche kleine Geschichte, die ich später deutsch las. Ich las sie in den Pausen zwischen Unterricht und Spiel, mit einem sich immer mehr vertiefenden Verständnis. Ich studierte die Bücher nicht, noch analysierte ich sie — ich wußte nicht, ob sie gut geschrieben waren oder nicht, ich dachte weder an ihren Stil noch an ihre Verfasser. Sie legten mir ihre Schätze zu Füßen, und ich nahm sie hin, wie wir den Sonnenschein und die Liebe unserer Angehörigen hinnehmen. Die Erzählung »Little Women« gefiel mir sehr gut, weil sie in mir das Gefühl der Verwandtschaft mit Mädchen und Knaben erweckte, die sehen und hören konnten. Da mein Leben in so vielen Beziehungen eingeengt war, mußte ich in Büchern nach der Kunde von einer Welt suchen, die außerhalb meiner eigenen lag.
Lafontaines Fabeln las ich zuerst in einer englischen Uebersetzung, fand aber keinen rechten Geschmack an ihnen. Später las ich das Buch französisch; es gefiel mir aber trotz der in ihm enthaltenen lebhaften Schilderungen und der wunderbaren Beherrschung der Sprache nicht besser. Ich weiß nicht, woher dies kommen mag, aber Geschichten, in denen Tiere vorkommen, die wie menschliche Wesen sprechen und handeln, haben mich niemals besonders angesprochen. Die possierlichen Karikaturen der Tiere nehmen mein Interesse so in Anspruch, daß ich an die moralische Lehre gar nicht zu denken vermag.
Ferner wendet sich Lafontaine selten, wenn überhaupt, an unser höheres moralisches Bewußtsein. Die höchsten Saiten, die er anschlägt, sind die der Vernunft und des Egoismus. Alle seine Fabeln durchzieht der Gedanke, daß die Sittlichkeit des Menschen ausschließlich aus dem Egoismus entspringe und daß, wenn dieser letztere durch die Vernunft geleitet und im Zaum gehalten werde, notwendig Glückseligkeit die Folge sein müsse. Nun ist aber, soweit ich zu urteilen vermag, der Egoismus die Wurzel alles Schlechten; ich habe aber natürlich vielleicht unrecht, denn Lafontaine hatte bessere Gelegenheit, die Menschen zu beobachten, als ich wahrscheinlich je haben werde. Ich wende mich nicht sowohl gegen die cynischen und satirischen Fabeln, wie vielmehr gegen diejenigen, in denen wichtige Wahrheiten von Füchsen und Affen gepredigt werden.
Wohl aber liebe ich »The Jungle Book« und »Wild Animals I Have Known«. Für die Tiere selbst empfinde ich ein wahrhaftes Interesse, weil sie wirkliche Tiere und keine Karikaturen von Menschen sind. Man sympathisiert mit ihrer Liebe und ihrem Hasse, man lacht über ihre Possen und weint über ihre Leiden. Und wenn sie eine moralische Lehre verkünden, so ist diese so fein versteckt, daß wir uns ihrer gar nicht bewußt werden.
Mit Freude und Bewunderung erfüllte mich die Betrachtung des klassischen Altertums. Griechenland, das alte Griechenland übte einen geheimnisvollen Zauber auf mich aus. In meiner Phantasie wandelten die heidnischen Götter und Göttinnen noch auf Erden und verkehrten persönlich mit den Menschen, und in meinem Herzen baute ich denen, die ich am meisten liebte, Altäre. Ich kannte und liebte die ganze Schar der Nymphen und Helden und Halbgötter — nein, nicht alle, denn die Grausamkeit und Leidenschaftlichkeit Medeas und Jasons waren zu ungeheuerlich, um vergeben werden zu können, und ich habe mich stets gewundert, warum die Götter ihnen erst gestatteten, Böses zu tun, und sie dann für ihre Verruchtheit bestraften. Und das Geheimnis ist noch jetzt nicht gelöst. Ich wundere mich auch jetzt noch oft, warum
Gott schweigen kann, da doch die Sünde