Kriecht grinsend durch das hehre Haus der Zeit. —

Es war die Ilias, die mir Griechenland zum Paradiese machte. Ich war mit der Geschichte von Troja vertraut, ehe ich sie noch im Original las, und stieß infolgedessen auf geringe Schwierigkeiten, als ich daran ging, die Schätze, die in dem griechischen Text verborgen liegen, zu heben, nachdem ich einmal die Vorhalle der Grammatik durchschritten hatte. Wahre Poesie, mag sie in griechischer oder englischer Sprache geschrieben sein, bedarf keines anderen Auslegers als eines empfänglichen Herzens. Möchte doch die Menge der Philologen, die die großen Werke der Dichter durch ihre Analyse, ihre Interpolationen und mühsamen Kommentare ungenießbar machen, diese einfache Wahrheit einsehen! Es ist nicht notwendig, daß man imstande sei, jedes Wort zu erklären und ihm seine grammatische Stellung im Satze anzuweisen, um ein schönes Gedicht zu verstehen und zu würdigen. Ich weiß, meine gelehrten Professoren haben größere Reichtümer in der Ilias gefunden, als ich je finden werde; ich bin aber nicht scheelsüchtig. Ich bins zufrieden, daß andere klüger sind als ich. Aber all ihr umfassendes und gründliches Wissen kann ebensowenig den Maßstab für ihren Genuß an dem herrlichen Epos abgeben wie mein lückenhaftes Wissen für meinen Genuß. Wenn ich die schönsten Stellen der Ilias lese, so werde ich mir einer Seelenkraft bewußt, die mich weit über die engen, mich einzwängenden Schranken meines Daseins hinaushebt. Meine physischen Gebrechen sind vergessen — meine Welt liegt droben, der ganze Himmel gehört mir, so weit und hoch er sich wölbt.

Meine Bewunderung für die Aeneis ist nicht so groß, aber nicht weniger echt. Ich lese sie soviel wie möglich ohne die Hilfe von Anmerkungen oder Wörterbuch und finde stets Genuß an der Uebersetzung der Episoden, die mir besonders gefallen. Vergils Schilderungen sind manchmal prachtvoll; aber seine Götter und Menschen bewegen sich in Leidenschaft, Streit, Mitleid und Liebe wie die anmutigen Gestalten in einem Maskenspiel aus der Zeit der Königin Elisabeth, während sie in der Ilias jauchzend emporspringen und singend einhergehen. Vergil ist heiter und lieblich wie ein marmorner Apollon im Mondschein; Homer ist ein schöner, lebender Jüngling im vollen Sonnenschein, dessen Locken im Winde flattern.

Wie leicht ist es doch, mittels papierner Schwingen zu fliegen! Zwischen den »Griechischen Helden« und der Ilias lag eine Strecke, die ich nicht an einem Tage habe zurücklegen können; auch war die Reise nicht allzu angenehm. Man hätte vielmal rund um die Erde reisen können, während ich mir meinen steilen Pfad mühsam durch labyrinthische Massen von Grammatiken und Wörterbüchern bahnte oder in jene furchtbaren Fallgruben, Examina genannt, stürzte, die von Schulen und Universitäten zum Verderben derer angelegt werden, die Erkenntnis suchen. Ich glaube, diese Pilgerfahrt wird durch die Erreichung des Zieles gerechtfertigt; allein sie erschien mir endlos trotz der schönen, überraschenden Ausblicke, die ich dann und wann bei einer Biegung der Straße hatte.

In der Bibel begann ich zu lesen, lange bevor ich sie verstehen konnte. Jetzt erscheint es mir seltsam, daß es je eine Zeit gegeben haben soll, in der meine Seele gegen die wunderbaren Harmonien der Bibel taub war; aber ich entsinne mich noch ganz gut eines regnerischen Sonntagvormittags, als ich nichts anderes zu tun hatte und daher meine Cousine bat, mir eine Geschichte aus der Bibel vorzulesen. Obgleich sie nicht glaubte, daß ich sie verstehen würde, begann sie mir die Geschichte von Josef und seinen Brüdern in die Hand zu buchstabieren. Aber sie interessierte mich nicht. Die ungewöhnliche Sprache und die fortwährenden Wiederholungen ließen mir die Geschichte als unglaubwürdig erscheinen, besonders da sie in dem weit entlegenen Lande Kanaan spielte; ich schlief ein und wanderte in das Land der Träume hinüber, ehe die Brüder mit dem bunten Rock in das Zelt Jakobs kamen und ihre verruchten Lügen vorbrachten! Ich kann nicht begreifen, aus welchem Grunde die Erzählungen der Griechen für mich so voller Reiz und die der Bibel so interesselos gewesen waren, wenn dies nicht vielleicht daher rührte, daß ich in Boston die Bekanntschaft mehrerer Griechen gemacht hatte und durch deren Begeisterung für die Sagen des Vaterlandes angesteckt worden war, während ich noch mit keinem einzigen Hebräer oder Aegypter zusammengekommen war und daher zu der Ueberzeugung gelangte, daß diese Völker nichts als Barbaren und die Geschichten über sie alle wahrscheinlich erdichtet seien, eine Annahme, die die vielen Wiederholungen und die sonderbaren Namen erklärte. Seltsam, es war mir nie eingefallen, die griechischen Patronymika »sonderbar« zu finden.

Wie soll ich aber von den Herrlichkeiten sprechen, die ich seitdem in der Bibel entdeckt habe? Jahrelang habe ich dieses Buch der Bücher mit immer wachsendem Entzücken und begeistertem Genuß gelesen, und ich liebe es, wie ich kein anderes Buch liebe. Es steht zwar vieles in der Bibel, gegen das sich jede Faser meines Wesens so sehr empört, daß ich die Notwendigkeit bedaure, die mich zwang, sie von Anfang bis zu Ende zu lesen. Ich glaube nicht, daß die Kenntnis, die ich von der Geschichte ihrer Entstehung und ihren Quellen gewonnen habe, mich für die widerwärtigen Einzelheiten entschädigt, auf die ich meine Aufmerksamkeit habe lenken müssen. Ich für meinen Teil wünsche mit Herrn Howells, daß die Literatur der Vergangenheit von allem häßlichen und barbarischen gesäubert werden möge, obgleich ich mich ebenso sehr dagegen sträube, daß diese großen Werke verstümmelt oder verfälscht werden.

In der Schlichtheit und der furchtbaren Folgerichtigkeit des Buches Esther liegt etwas Wirkungsvolles und Erhabenes. Kann etwas dramatischer sein als die Szene, in der Esther vor ihrem schändlichen Herrn steht? Sie weiß, ihr Leben liegt in seiner Hand, es gibt keinen Schutz für sie gegen seine Gewalttätigkeit. Und doch bezwingt sie ihre weibliche Furcht und nähert sich ihm, beseelt von der edelsten Liebe zu ihrem Volke und nur von dem einen Gedanken beherrscht: Wenn ich sterbe, so sterbe ich; wenn ich aber am Leben bleibe, so soll mein Volk auch am Leben bleiben.

Auch die Geschichte von Ruth — wie echt orientalisch ist sie! Und doch wie verschieden ist das Leben dieser einfachen Landleute von dem Leben und Treiben am Hofe des Perserkönigs! Ruth ist so pflichtgetreu und gutherzig, daß wir sie notgedrungen lieben müssen, wie sie unter den Schnittern in dem wogenden Kornfelde steht. Ihre edle, selbstlose Gesinnung glänzt hell wie ein strahlender Stern in der Nacht einer finsteren und grausamen Zeit. Eine Liebe wie die Ruths, eine Liebe, die sich über feindliche Glaubenssatzungen und tiefgewurzelte Rassenvorurteile hinwegzusetzen vermag, ist in der ganzen Welt selten zu finden.

Die Bibel predigt mir den tiefen, tröstlichen Gedanken, daß die „sichtbaren Dinge zeitlich, die unsichtbaren ewig sind“.