Seitdem ich Bücher zu lieben imstande bin, kann ich mich keines Zeitpunktes entsinnen, in dem ich Shakespeare nicht geliebt hätte. Ich kann nicht genau angeben, wann ich Lambs »Tales from Shakespeare« zu lesen begann; ich weiß nur, daß ich sie zuerst mit kindlichem Verständnis und kindlichem Staunen las. »Macbeth« scheint auf mich den tiefsten Eindruck gemacht zu haben. Ein einmaliges Lesen genügte, jede Einzelheit der Erzählung meinem Gedächtnisse für immer einzuprägen. Lange Zeit hindurch verfolgten mich die Geister und Hexen sogar bis in meine Träume. Ich konnte den Dolch und Lady Macbeths kleine weiße Hand sehen, buchstäblich sehen — der furchtbare Fleck stand so leibhaft vor meinem inneren Auge, wie die von ihrem Gewissen gefolterte Königin.
»König Lear« las ich kurze Zeit nach »Macbeth«, und ich werde nie das Grauen vergessen, das mich befiel, als ich zu der Szene kam, in der Gloster die Augen ausgestochen werden. Zorn erfaßte mich, meine Finger wollten nicht weiter, ich saß lange Zeit starr da, das Blut hämmerte in meinen Schläfen, und aller Haß, dessen ein Kind fähig ist, stieg in meinem Herzen auf.
Die Bekanntschaft mit Shylock und Satan muß ich ungefähr um dieselbe Zeit gemacht haben, denn die beiden Charaktere waren lange in meinem Geiste miteinander verbunden. Ich erinnere mich, daß sie mir leid taten. Ich hatte die unbestimmte Empfindung, daß sie nicht gut sein konnten, selbst wenn sie gewollt hätten, weil niemand bereit schien, ihnen zu helfen oder Gelegenheit zu bieten, ihre Güte zu betätigen. Selbst jetzt kann ich es nicht über mein Herz bringen, sie gänzlich zu verurteilen. Es gibt Augenblicke, in denen ich die Empfindung habe, Männer wie Shylock, wie Judas und selbst der Teufel seien zerbrochene Speichen in dem großen Rade des Guten, die der Meister zu gehöriger Zeit schon wieder ausbessern wird.
Es erscheint seltsam, daß meine erste Shakespeare-Lektüre so viele unangenehme Erinnerungen bei mir hinterlassen hat. Die heiteren, anmutigen, phantasievollen Stücke scheinen anfangs keinen Eindruck auf mich gemacht zu haben, vielleicht weil sie den Sonnenschein und die Heiterkeit, die in der Regel über dem Leben eines Kindes lagern, wiederspiegeln. Aber nichts ist launenhafter als das Gedächtnis eines Kindes betreffs dessen, was es behalten und was es nicht behalten will.
Seitdem habe ich Shakespeares Stücke zu wiederholtenmalen gelesen und kenne Stellen aus ihnen auswendig, aber ich kann nicht angeben, welches von ihnen mir am besten gefällt. Mein Genuß an ihnen wechselt mit meiner Stimmung. Die kleinen Liedchen und die Sonette schätze ich in ihrer wunderbaren Frische ebenso hoch wie die Dramen. Aber bei all meiner Liebe für Shakespeare fällt mir es oft schwer, aus seinen Versen alle Bedeutungen herauszulesen, die Kritiker und Erklärer ihnen untergeschoben haben. Ich habe den Versuch gemacht, ihre Erläuterungen zu behalten, aber ich habe bald entmutigt davon Abstand genommen, und einen heimlichen Vertrag mit mir selbst geschlossen, keinen weiteren Versuch zu unternehmen. Diesen Vertrag habe ich nur einmal gebrochen, und zwar bei meinem Studium Shakespeares unter Leitung Professor Kittredges. Ich weiß, es gibt viele Dinge in Shakespeare und in der Welt, die ich nicht verstehe, und ich bin froh, zu sehen, wie sich allmählich Schleier nach Schleier lüftet und mir neue Reiche des Gedankens und der Schönheit enthüllt.
Nächst der Poesie liebe ich Geschichte. Ich habe jedes historische Werk gelesen, auf das ich meine Hände habe legen können, von der Aufzählung trockener Tatsachen und noch trockenerer Daten bis hin zu Greens unparteiischer und glänzend geschriebener »History of the English People«; von Freemans »History of Europe« bis zu Emertons »Middle Ages«. Das erste Buch, durch das ich einen richtigen Begriff von dem Werte der Geschichte erhielt, war Swintons »World’s History«, die ich an meinem dreizehnten Geburtstage erhielt. Obgleich ich glaube, daß das Werk gegenwärtig als veraltet angesehen wird, betrachte ich es doch immer noch als einen wertvollen Schatz. Aus ihm habe ich gelernt, wie sich die Menschenrassen über die Erde verbreitet und große Städte erbaut haben, wie einige große Herrscher, irdische Titanen, alles unterworfen und durch ein einziges Wort Millionen den Zugang zum Glücke geöffnet, aber vor noch mehr Millionen denselben verschlossen haben, wie verschiedene Völker in Kunst und Wissenschaft Pionierdienste geleistet und den Grund zu den bedeutenderen Leistungen künftiger Zeiten gelegt haben, wie die Kultur gleichsam zum Brandopfer eines entarteten Geschlechtes wurde und einem Phönix gleich unter den edleren Söhnen des Nordens wieder erstand und wie große, weise Männer durch Pflege der Freiheit, Duldung und Bildung den Weg für die Erlösung der ganzen Welt gebahnt haben.
Durch die Universitätsvorlesungen wurde ich auch einigermaßen mit der französischen und deutschen Literatur bekannt. Der Deutsche zieht sowohl im Leben wie in der Literatur Kraft der Schönheit und Wahrheit dem Herkommen vor. Es liegt eine Stärke in allem, was er tut, die mit der Gewalt eines Schmiedehammers wirkt. Wenn er spricht, so geschieht es nicht, um andere zu überzeugen, sondern weil sein Herz springen würde, wenn er den Gedanken, die in seiner Seele brennen, keinen Ausweg eröffnete.
Ferner liegt in der deutschen Literatur eine keusche Zurückhaltung, die mir sympathisch ist; ihr größter Ruhm aber besteht meines Erachtens in der Anerkennung der erlösenden Macht der selbstaufopfernden Liebe des Weibes, die sich in ihr findet. Dieser Gedanke durchdringt die gesamte deutsche Literatur und findet in mystischer Weise seinen Ausdruck in Goethes »Faust«:
Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;