Den Sonnenschein, die milde Luft empfanden
Vermöge der Alliebe der Natur —,
so besitze ich auch eine Anschauung von Dingen, die ich nicht sehen kann.
Es scheint mir, als liege in jedem von uns die Fähigkeit, die Eindrücke und Empfindungen zu verstehen, die das Menschengeschlecht von Anfang an gehabt hat. Jedes Individuum besitzt eine unter der Schwelle des Bewußtseins verborgene Erinnerung an die grünende Erde und die murmelnden Gewässer, und weder Blindheit noch Taubheit kann es dieser von vergangenen Generationen her überkommenen Gabe berauben. Diese ererbte Fähigkeit ist eine Art sechsten Sinnes — ein Seelensinn, der zugleich sieht, hört, fühlt.
Ich habe viele Freunde unter den Bäumen in Wrentham. Einer von ihnen, eine herrliche Eiche, ist der besondere Stolz meines Herzens. Ich bringe alle meine übrigen Freunde zu dieser Königin des Waldes hin. Sie steht auf einer Anhöhe bei King Philips Pond, und diejenigen, die in der Baumkunde bewandert sind, behaupten, sie habe hier achthundert bis tausend Jahre gestanden. Nach einer Ueberlieferung warf unter diesem Baume König Philipp, der heldenhafte Indianerhäuptling, seinen letzten Blick auf Himmel und Erde.
Ich hatte auch noch eine andere Baumfreundin, liebenswürdig und nicht so unnahbar wie die große Eiche — eine Linde, die an dem Hoftore von Red Farm wuchs. Eines Nachmittages, während eines furchtbaren Gewitters, spürte ich einen heftigen Krach gegen die Wand des Hauses und wußte, noch ehe es mir jemand sagte, daß die Linde gefallen sei. Wir gingen hinaus, um uns den Heldenbaum anzusehen, der sovielen Stürmen widerstanden hatte, und mein Herz blutete, als ich ihn, der so machtvoll gestritten hatte und jetzt so machtvoll gefallen war, am Boden hingestreckt erblickte.
Ich darf jedoch nicht vergessen, daß ich von meinen Erlebnissen im letzten Sommer erzählen will. Sobald meine Examina vorüber waren, eilten Fräulein Sullivan und ich nach diesem grünen Winkel, wo wir ein kleines Landhaus an einem von den drei Seen besitzen, wegen deren Wrentham berühmt ist. Hier gehörten die langen, sonnigen Tage mir, und jeder Gedanke an Arbeit, College und die lärmende Stadt wurde in den Hintergrund gedrängt. In Wrentham vernahmen wir ein Echo von dem, was in der Welt vorging — Krieg, Bündnis, sozialer Kampf. Wir hörten von den blutigen, unnötigen Seeschlachten in dem weitabgelegenen Stillen Ozean und erfuhren von den Kämpfen zwischen Kapital und Arbeit. Wir wußten, daß jenseits der Grenzen unseres Edens die Menschen im Schweiße ihres Angesichts Geschichte machten, während sie doch besser getan hätten, sich einen Feiertag zu gönnen. Aber wir kümmerten uns wenig um diese Dinge. Sie würden vorübergehen; hier lagen Seen und Wälder, weite mit Tausendschönchen übersäte Felder und süß duftende Wiesen, und diese werden in aller Zukunft fortbestehen.
Leute, die der Meinung sind, daß uns alle sinnlichen Eindrücke durch Auge und Ohr zugehen, haben sich gewundert, daß ich, vielleicht abgesehen von dem Fehlen des Pflasters, einen Unterschied zwischen den Straßen der Stadt und den Wegen auf dem Lande bemerke. Sie vergessen, daß mein ganzer Körper auf die mich umgebenden Verhältnisse reagiert. Das Getöse und der Lärm der Stadt peitscht meine Gesichtsnerven; ich fühle das rastlose Auf- und Niederwogen einer ungesehenen Menschenmenge, und das mißtönende Treiben macht einen peinlichen Eindruck auf mich. Das Rollen der schweren Wagen auf dem harten Pflaster und das eintönige Klappern der Maschinen sind um so marternder für die Nerven, wenn jemandes Aufmerksamkeit nicht durch die bunten, wechselnden Bilder abgelenkt wird, die sich sehenden Menschen in den geräuschvollen Straßen auf Schritt und Tritt darbieten.
Auf dem Lande dagegen erblickt man nur die Schönheiten der Natur, und die Seele wird nicht traurig gestimmt durch den erbarmungslosen Kampf um das bloße Dasein, der in der dichtbevölkerten Stadt wütet. Zu verschiedenenmalen habe ich die engen, schmutzigen Straßen besucht, in denen die armen Leute wohnen, und heißer Zorn und Entrüstung steigen in mir auf bei dem Gedanken, daß gute Menschen es über sich gewinnen können, in prächtigen Häusern zu wohnen und gesund und stark zu sein, während andere dazu verurteilt sind, in häßlichen, sonnenlosen Behausungen zu weilen und in Armseligkeit zu verkümmern. Die Kinder, die sich auf diesen schmutzigen Straßen halbnackt und abgemagert umhertreiben, schrecken vor jeder ausgestreckten Hand zurück, als sollten sie einen Schlag bekommen. Ich kann die Erinnerung an die lieben kleinen Geschöpfe nicht loswerden, und empfinde einen fortwährenden nagenden Schmerz dabei. Auch Männer und Frauen gibt es, die alle an Körper und Geist verkrüppelt und zurückgeblieben sind. Ich habe ihre harten, rauhen Hände in den meinigen gehalten und begriffen, was für ein endloses Ringen ihr Leben sein muß — nichts weiter als eine Kette nutzloser Versuche, emporzukommen. Ihr Dasein scheint ein ungeheures Mißverhältnis zwischen Anstrengung und Erfolg zu sein. Sonne und Luft sind Gottes freies Geschenk an jedermann; sind sie dies aber in der Tat? In die schmutzigen Straßen der Stadt drüben dringt kein Sonnenstrahl, und die Luft ist verdorben. O Mensch, wie kannst du deinen Bruder vergessen, ihm hindernd in den Weg treten und dabei beten: „Unser täglich Brot gib uns heute“, wenn er keins hat. O wollten doch jene Menschen die Stadt, deren Glanz und geräuschvolles Treiben, ihr Gold verlassen und zu Wald und Feld, zu einer schlichten, ehrenhaften Lebensweise zurückkehren! Dann würden ihre Kinder kräftig wie edle Bäume werden und ihre Gedanken friedlich und lauter wie die Blumen am Wegesrain. Es ist mir unmöglich, diese Gedanken zu verbannen, wenn ich nach einem arbeitsreichen Jahre in der Stadt auf das Land zurückkehre.