Was für eine Freude ist es für mich, den weichen, elastischen Boden wieder unter meinen Füßen zu fühlen, auf grasbewachsenen Wegen zu Bächen zu wandern, deren Ufer mit Farnkraut bedeckt sind und in deren sich kräuselnden Wellen ich meine Hände kühlen kann, oder über ein Steinmäuerchen zu klettern und mich auf grünen Wiesen in ausgelassener Fröhlichkeit umherzutummeln, mich auf dem Boden zu wälzen und die Abhänge emporzuklimmen.
Nächst einem behaglichen Spaziergange kommt als ein Hauptvergnügen für mich ein Ausflug auf meinem Tandem in Betracht. Es ist ein herrliches Gefühl, wenn mir der Wind ins Gesicht weht und ich die elastische Bewegung meines Stahlrosses empfinde. Das rasche Durchschneiden der Luft gewährt mir ein köstliches Gefühl der Kraft und des Schwunges, und bei der Anstrengung hüpfen meine Pulse und jubelt mein Herz.
Wenn irgend möglich, begleitet mich mein Hund auf meinen Ausflügen zu Fuß, Rad, Pferd oder Boot. Ich habe viele Freunde unter den Hunden gehabt — riesige Bullenbeißer, sanfte Wachtelhündchen, Jagdhunde und ehrbare, zutrauliche Bull Terriers. Augenblicklich besitzt einer von diesen letzteren die ganze Zuneigung meines Herzens. Er hat einen langen Stammbaum, ein geringeltes Schwänzchen und das drolligste Gesicht von der Welt. Meine Hundefreunde scheinen Kenntnis von meinen Gebrechen zu haben und halten sich stets dicht an meiner Seite, wenn ich allein bin. Ich liebe ihre Zärtlichkeiten und das beredte Wedeln ihres Schweifes.
Hält mich ein regnerischer Tag im Zimmer gefangen, so vertreibe ich mir die Zeit wie andere Mädchen. Ich stricke und häkele gern; ich lese aufs Geratewohl, wie ich es liebe, hier eine Zeile und dort eine oder spiele vielleicht mit einem Freunde eine oder zwei Partien Dame oder Schach. Ich habe ein besonderes Brett, auf dem ich diese Spiele spiele. Die Felder sind vertieft, sodaß die Figuren in ihnen feststehen. Die schwarzen Damensteine sind flach und die weißen oben gewölbt. Jeder Stein hat in der Mitte eine Vertiefung, in der ein Metallknopf zur Unterscheidung der Dame von den übrigen Steinen befestigt werden kann. Die Schachfiguren sind von zweierlei Größe, die weißen größer als die schwarzen, sodaß ich keine Mühe habe, die Operationen meines Gegners zu verfolgen, indem ich nach jedem Zuge meine Hände leicht über das Brett gleiten lasse. Das bei dem Bewegen der Figuren von einem Felde zum anderen entstehende Geräusch zeigt mir an, wann die Reihe an mir ist.
Bin ich zufällig ganz allein und in schlechter Laune, so lege ich mir eine Patience — ein Spiel, das ich sehr liebe. Ich benutze dazu Spielkarten, die rechts oben mit Braillezeichen versehen sind, die den Wert der Karte angeben.
Sind Kinder in meiner Nähe, so weiß ich kein größeres Vergnügen, als mit ihnen herumzutollen. Selbst das kleinste Kind gibt für mich einen ausgezeichneten Gesellschafter ab, und ich freue mich, sagen zu können, daß die Kinder mich in der Regel gern haben. Sie führen mich herum und zeigen mir die Dinge, die für sie von Interesse sind. Natürlich können die Kleinen noch nicht mit ihren Fingern buchstabieren, aber ich versuche, ihnen die Worte von den Lippen abzulesen. Wenn es mir nicht gelingt, so nehmen sie ihre Zuflucht zu Gestikulationen. Mitunter mißverstehe ich sie und tue etwas Verkehrtes. Dann brechen sie über mein Versehen in kindliches Gelächter aus, und die Pantomime beginnt von neuem. Ich erzähle ihnen oft Geschichten oder lehre sie ein Spiel, und die Stunden enteilen uns im Fluge und hinterlassen uns frohe und heitere Erinnerungen.
Auch Museen und Kunstsammlungen sind für mich eine Quelle des Genusses und der Begeisterung. Ohne Zweifel wird es manchem seltsam erscheinen, daß die Hand ohne Unterstützung durch das Gesicht in dem kalten Marmor Handlung, Empfindung, Schönheit soll wahrnehmen können; und doch habe ich in der Tat hohen Genuß bei der Berührung großer Kunstwerke. Wenn meine Fingerspitzen die Linien und die schwellenden Formen verfolgen, so finden die die Idee und die Empfindung heraus, die der Künstler dargestellt hat. Ich kann in den Zügen der Götter und Heroen Haß, Mut und Liebe wahrnehmen, genau so, wie ich diese Gemütsbewegungen bei lebenden Personen erkennen kann, wenn ich deren Gesicht berühren darf. Ich fühle aus der Haltung der Diana die Anmut, die Waldesfreiheit und den Geist heraus, der den Berglöwen zähmt und die wildesten Leidenschaften unterjocht. Meine Seele ergötzt sich an der Ruhe und den anmutigen Wellenlinien einer Venus, und in Barrés Bronzen enthüllen sich mir die Geheimnisse des Dschungels.
Ein Medaillon Homers hängt in meinem Studierzimmer an der Wand, in passender Höhe, sodaß ich es leicht erreichen und mit liebender Verehrung das schöne, traurige Antlitz berühren kann. Wie gut ich jede Linie auf dieser hoheitsvollen Stirn kenne — Furchen, die das Leben und die bitteren Erfahrungen des Kampfes und des Schmerzes gezogen haben, diese blinden Augen, die selbst in dem toten Gips das Licht und den blauen Himmel seines geliebten Hellas suchen und vergebens suchen, diesen schönen festen, aufrichtigen, liebevollen Mund! Es ist das Antlitz eines Dichters und eines Mannes, der mit dem Schmerz vertraut ist. Ach, wie gut ich dieses Gebrechen verstehe, das ewige Dunkel, in dem er weilte —
O Nacht, Nacht, Nacht beim hellen Glanz des Mittags.
O Nacht, unwiderruflich, Finsternis