Jedweder Hoffnung bar, den Tag zu schau’n!

In meiner Phantasie kann ich hören, wie Homer singend sich mit unsicheren, langsamen Schritten seinen Weg von Lager zu Lager tastet — singend von Leben, von Liebe, von Krieg, von den Heldentaten eines edlen Volkes. Es war ein wunderbares, herrliches Lied, das dem blinden Dichter unsterblichen Ruhm, die Bewunderung aller Zeiten eintrug.

Ich bin mitunter im Zweifel, ob die Hand nicht empfänglicher für die Schönheiten der Plastik ist als das Auge. Ich sollte meinen, der wunderbare rhythmische Fluß der Linien ließe sich besser fühlen als sehen. Wie dem aber auch sei, ich weiß, daß ich den Herzschlag der alten Griechen in ihren marmornen Göttern und Göttinnen fühlen kann.

Eine fernere Unterhaltung, zu der sich freilich seltener die Gelegenheit bietet als zu den übrigen, ist der Theaterbesuch. Ich habe viel mehr Genuß von der Beschreibung eines Stückes während der Bühnenaufführung als von seiner Lektüre, weil ich mich dabei in die Mitte der dargestellten aufregenden Ereignisse selbst versetzt glaube. Ich habe das Glück gehabt, ein paar große Schauspieler und Schauspielerinnen kennen zu lernen, die die Macht besaßen, die Zuhörer so in ihrem Bann zu halten, daß diese darüber Zeit und Raum vergaßen und in der romantischen Vergangenheit lebten. Ich habe Gesicht und Kostüm von Fräulein Ellen Terry berühren dürfen, während sie das Ideal einer Königin verkörperte, und ihr ganzes Wesen atmete eine Erhabenheit, die auch das herbste Weh verklärt. Neben ihr stand Sir Henry Irving, angetan mit den Insignien der Königswürde, und in jeder Gebärde, in seiner ganzen Haltung lag eine Geisteshoheit, in jedem Zuge seines ausdrucksvollen Gesichtes sprach sich ein Herrscherbewußtsein aus, das überwältigend wirkte. In dem Königsantlitz, das er als Maske trug, lagen eine Vornehmheit und ein Erhabensein über den Schmerz, die ich nie vergessen werde.

Auch Herrn Jefferson kenne ich. Ich bin stolz darauf, ihn zu meinen Freunden zählen zu dürfen. Ich besuche das Theater stets, wenn ich mich an dem Orte befinde, wo er auftritt. Zum erstenmal sah ich ihn spielen, als ich in New York in die Schule ging. Er trat als Rip van Winkle auf. Ich hatte oft die Erzählung gelesen, aber niemals war mir der Reiz von Rips sanfter, kluger, gütiger Handlungsweise so zum Bewußtsein gekommen, wie in dem Stücke. Herrn Jeffersons schöne, ergreifende Darstellung riß mich vor Entzücken hin. Ich habe ein Bild des alten Rip in meinen Fingern, das sich denselben unauslöschlich eingeprägt hat. Nach der Vorstellung führte mich Fräulein Sullivan zu ihm hinter die Kulissen, und ich betastete hier sein seltsames Gewand, sein wallendes Haar, seinen Bart. Herr Jefferson ließ mich sein Gesicht berühren, sodaß ich mir eine Vorstellung von seinem Aussehen machen konnte, als er von jenem seltsamen zwanzigjährigen Schlafe erwachte, und er zeigte mir, wie der arme alte Rip auf seinen Füßen hin- und herschwankte.

Helen Keller, Frl. Sullivan und Schauspieler Jefferson

Auch in den »Rivals« habe ich ihn gesehen. Einst spielte er mir, als ich ihm in Boston, wo er auftrat, einen Besuch machte, die packendsten Szenen der »Rivals« vor. Das Empfangszimmer, in dem wir saßen, diente als Bühne. Er und sein Sohn setzten sich an den großen Tisch, und Bob Acres schrieb seine Herausforderung. Ich verfolgte alle seine Bewegungen mit den Händen und erhielt einen Eindruck von der Komik seiner seltsamen Gebärden, den ich nie erhalten hätte, wenn mir alles nur in die Hand buchstabiert worden wäre. Dann erhoben sich beide, um das Duell auszufechten, und ich folgte den schnellen Stößen, dem Parieren der Degen und dem Zittern des armen Bob, als ihm allmählich der Mut entsank. Dann gab sich der große Schauspieler einen Ruck und zog seine Mundwinkel herunter — und im Nu befand ich mich in dem Dorfe Falling Water und fühlte Schneiders rauhes Haupt an meinem Knie. Herr Jefferson rezitierte die schönsten Szenen aus »Rip van Winkle«, in denen die Träne dem Lächeln dicht auf dem Fuße folgt. Er bat mich, ihm, soweit es mir möglich sei, die Gestikulationen und das Spiel anzugeben, die ich zu beobachten wünschte. Natürlich habe ich keine Ahnung von dramatischem Spiel, und ich konnte nur aufs Geratewohl Andeutungen machen; aber mit meisterhafter Kunst paßte er das Spiel den Worten an. Rips Seufzer, als er murmelt: „Wird denn ein Mann so rasch vergessen, wenn er fort ist?“, die Verdutztheit, mit der er Hund und Gewehr nach seinem langen Schlafe sucht, und seine komische Unentschlossenheit betreffs der Unterzeichnung des Vertrages mit Derrick — all dies schien aus dem Leben selbst gegriffen zu sein, das heißt, aus dem idealen Leben, in dem sich die Ereignisse nach unseren Wünschen richten.

Ich erinnere mich meines ersten Theaterbesuches noch sehr gut. Es war vor zwölf Jahren. Die kleine Schauspielerin Elsie Leslie war in Boston, und Fräulein Sullivan nahm mich zur Aufführung von »The Prince and the Pauper« mit. Nie werde ich den Wechsel von Heiterkeit und Trauer vergessen, der in dem hübschen kleinen Stück herrschte, oder das wunderbare Kind, das in ihm auftrat. Nach Beendigung der Vorstellung durfte ich hinter die Kulissen gehen und sie in ihrem Königsgewande betasten. Es würde schwer gewesen sein, ein lieblicheres oder liebenswürdigeres Kind zu finden als Elsie, wie sie mit ihren auf die Schultern herabfallenden goldenen Locken dastand, mit einem strahlenden Lächeln um den Mund, ohne die geringste Spur von Befangenheit oder Ermüdung, trotzdem sie vor einer zahllosen Zuschauermenge gespielt hatte. Ich lernte damals eben sprechen und hatte mir vorher ihren Namen so oft wiederholt, bis ich ihn ganz deutlich aussprechen konnte. Man kann sich mein Entzücken denken, als sie die wenigen Worte, die ich zu ihr sprach, verstand und mir sofort die Hand zur Begrüßung entgegenstreckte.

Ist es nun nicht wahr, daß mein Leben mit all seinen Beschränkungen in vielen Punkten dem Leben der großen Welt gleicht? Alles besitzt sein Wunderbares, selbst Dunkelheit und Stille, und ich lerne mich unter allen Umständen mit meiner Lage bescheiden.