Manchmal allerdings befällt mich ein Gefühl der Vereinsamung wie ein kalter Nebel, wenn ich allein bin und vor dem geschlossenen Tore des Lebens wartend sitze. Da drinnen ist Licht und Musik und heitere Geselligkeit; aber mir ist der Eintritt verwehrt. Das Schicksal versperrt mir schweigend, erbarmungslos den Weg. Gern würde ich wegen seines unabwendbaren Beschlusses mit ihm hadern, denn mein Herz ist noch ungebärdig und leidenschaftlich; aber meine Zunge will die bitteren, nutzlosen Worte, die sich auf meine Lippen drängen, nicht aussprechen, und sie sinken in mein Herz zurück wie unvergossene Tränen. Unermeßliches Schweigen lagert über meiner Seele. Dann naht sich die Hoffnung mit einem Lächeln und flüstert mir zu: „Auch im Selbstvergessen liegt Genuß.“ Und so versuche ich das Licht in anderer Augen zu meiner Sonne, die Musik in anderer Ohren zu meiner Symphonie, das Lächeln auf anderer Lippen zu meinem Glücke zu machen.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Beglückendes Gefühl der Freundschaft. — Bischof Brooks. — Kein Verlangen nach dem Jenseits. — Henry Drummond. — Dr. Oliver Wendell Holmes. — Whittier. — Dr. Edward Everett Hale. — Dr. Alexander Graham Bell.— Charles Dudley Warner. — Mark Twain u. a. — Schlußwort.

Ich wollte, ich könnte in dieser Skizze die Namen aller derer aufführen, die zur Erhöhung meines Glückes beigetragen haben! Teils würde man sie in den Annalen unserer Literatur aufgezeichnet finden, vielen Herzen teuer, während andere den meisten meiner Leser völlig unbekannt sein dürften. Aber der Einfluß ihrer Persönlichkeit wird, obgleich nichts von ihm verlautet, in dem Dasein derer, die durch ihn gebildet und veredelt worden sind, eine unvergängliche Rolle spielen. Das sind Festtage in unserem Leben, wenn wir Menschen begegnen, die auf uns wirken wie ein schönes Gedicht, Menschen, deren Handschlag voller unausgesprochener Sympathie ist und deren milde, reiche Naturen unserem ungestümen, ungeduldigen Gemüte eine wunderbare Ruhe mitteilen, die im innersten Kerne ihres Wesens göttlichen Ursprunges ist. Die Rastlosigkeit, die Erbitterung, die Qual, die uns verfolgt haben, verschwinden wie böse Träume, und wir erwachen, um die Schönheit und Harmonie von Gottes wirklicher Welt mit neuen Augen zu erblicken und mit neuen Ohren zu vernehmen. Die leeren Förmlichkeiten, die unser Alltagsleben ausfüllen, gewinnen plötzlich eine höhere, tiefere Bedeutung. Mit einem Worte, in der Nähe solcher Freunde fühlen wir, daß alles gut ist. Vielleicht haben wir sie nie zuvor gesehen, und vielleicht werden sich unsere Lebenspfade nie wieder kreuzen, aber der Einfluß ihrer ruhigen, milden Naturen wirkt wie ein kühlendes Bad auf unsere Unzufriedenheit, und wir spüren die von ihm ausgehende heilkräftige Erquickung, wie der Ozean die Bergströme spürt, die seine Fluten erfrischen.

Ich bin oft gefragt worden: „Werden Sie von den Leuten nicht belästigt?“ Ich verstehe nicht ganz, was dies heißen soll. Ich glaube, die Besuche beschränkter und neugieriger Menschen, namentlich die der Zeitungsberichterstatter, sind stets unbequem. Auch liebe ich Leute nicht, die sich im Gespräch zu meinem Standpunkt herabzulassen bemühen. Sie gleichen denen, die, wenn sie neben uns hergehen, sich bemühen, ihre Schritte zu verkürzen, um sie den unsrigen anzupassen; die Heuchelei wirkt in beiden Fällen gleich erbitternd.

Die Hände der Menschen führen für mich eine beredte Sprache. Die Berührung mancher Hände ist eine Beleidigung. Ich bin Leuten begegnet, die so bar aller Lebensfreude waren, daß, wenn ich ihre eisigen Fingerspitzen berührte, es mir vorkam, als reiche ich einem Nordoststurm die Hand. Es gibt andere, deren Hände gleichsam Sonnenstrahlen an sich tragen, so daß mir ihre Berührung das Herz erwärmt. Es braucht nur der Druck einer Kinderhand zu sein; aber für mich liegt darin ebensoviel erquickender Sonnenstrahl wie für andere in einem Liebesblicke. Ein herzlicher Händedruck oder ein freundlicher Brief macht mir stets Freude.

Ich habe viele Freunde in der Ferne, die ich nie gesehen habe. In der Tat sind ihrer so viele, daß ich oft außer stande bin, ihre Briefe zu beantworten; ich wünsche ihnen jedoch hier zu sagen, daß ich ihnen stets für ihre gütigen Worte dankbar bin, so unzulänglich auch die Anerkennung meinerseits ausfallen mag.

Ich rechne es zu den angenehmsten Erinnerungen meines Lebens, viele bedeutende Männer kennen gelernt zu haben und mit ihnen in persönliche Berührung gekommen zu sein. Nur wer Bischof Brooks kennt, vermag zu ermessen, wie wertvoll seine Freundschaft für die ist, die sie besitzen. Als Kind liebte ich es, auf seinen Knien zu sitzen und meine kleine Hand auf seine große zu legen, während Fräulein Sullivan mir in die andere seine herrlichen Worte über Gott und das Jenseits buchstabierte. Ich hörte ihm mit kindlichem Staunen und Entzücken zu. Mein Geist konnte dem Fluge des seinigen nicht folgen, aber er lehrte mich wahren Lebensgenuß, und ich verließ ihn nie, ohne einen erhebenden Gedanken mit mir davonzutragen, der an Schönheit und Tiefe der Bedeutung zunahm, je mehr ich heranwuchs. Als ich einst über die große Menge der Religionen verwirrt war, sagte er zu mir: „Es gibt nur eine Weltreligion, Helen — die Religion der Liebe. Liebe deinen himmlischen Vater von ganzem Herzen und mit ganzer Seele, liebe jedes Kind Gottes, so innig du es nur kannst, und erinnere dich daran, daß das Gute eher Aussicht auf Verwirklichung besitzt als das Böse, und du hast den Schlüssel zum Himmelreich.“ — Und sein Leben bildete ein treffliches Beispiel zu dieser großen Wahrheit. In seiner edlen Seele standen Liebe und das umfassendste Wissen im Bunde mit dem Glauben, der zur Erkenntnis geworden war. Er erblickte

Gott in allem, was erhebt, befreit und tröstet,

So auch in allem, was uns niederdrückt.