Bischof Brooks lehrte mich kein besonderes Glaubensbekenntnis oder Dogma; allein er prägte meinem Geiste zwei große Ideen ein — die Eigenschaft Gottes als Vater und die der Menschen als Brüder — und setzte mir auseinander, daß diese Wahrheiten allen Glaubensbekenntnissen und Kulturformen zugrunde liegen. Gott ist die Liebe, Gott ist unser Vater, wir sind seine Kinder; daher werden sich die dunkelsten Wolken dereinst zerteilen, und obgleich das Recht mit Füßen getreten werden kann, so soll das Unrecht doch nicht triumphieren.
Ich bin hier auf Erden zu glücklich, um viel an das Jenseits zu denken, abgesehen davon, daß ich mich erinnere, daß geliebte Freunde im Himmelreich meiner warten. Trotz der Reihe von Jahren scheinen sie mir doch so nahe zu sein, daß ich mich keinen Augenblick wundern würde, wenn sie meine Hand ergriffen und zärtliche Worte sprächen, wie sie dies vor ihrem Hinscheiden zu tun pflegten.
Seit Bischof Brooks’ Tode habe ich die Bibel von Anfang bis zu Ende gelesen, ebenso einige philosophische Werke über Religion, unter ihnen Swedenborgs »Himmel und Hölle« und Drummonds »Ascent of Man«; ich habe jedoch kein Glaubensbekenntnis oder System gefunden, das mich mehr befriedigt hätte als Bischof Brooks’ Religion der Liebe. Ich kannte Herrn Henry Drummond persönlich, und bei der Erinnerung an seinen kräftigen, warmen Händedruck ist es mir, als erteilte er mir seinen Segen. Er war der angenehmste Gesellschafter, den man sich denken kann. Er besaß ein so reiches Wissen und war so geistvoll, daß er jedermann mit sich fortriß.
Ich erinnere mich noch sehr gut meines ersten Zusammentreffens mit Dr. Oliver Wendell Holmes. Er hatte Fräulein Sullivan und mich eingeladen, ihn eines Sonntagnachmittags zu besuchen. Es war zu Beginn des Frühjahrs, kurz, nachdem ich sprechen gelernt hatte. Wir wurden sofort nach der Bibliothek gewiesen, wo wir ihn in einem großen Armstuhl bei einem offenen Feuer, das im Kamin glühte und prasselte, sitzen fanden, in Erinnerungen vergangener Zeiten versunken, wie er sagte.
„Und zugleich in das Rauschen des Charlesflusses“, — fügte ich hinzu.
„Ja,“ — antwortete er, „der Charlesfluß erinnert mich an viele glückliche Stunden.“ — Es herrschte ein Geruch von bedrucktem Papier und Leder in dem Raume, der mir sagte, daß es voller Bücher sei, und ich streckte unwillkürlich meine Hand aus, um sie zu suchen. Ich ergriff eine schöne Ausgabe von Tennysons Gedichten, und als mir Fräulein Sullivan gesagt hatte, was es für ein Buch sei, begann ich zu rezitieren:
Break, break, break
On thy cold gray stones, O sea!
Aber ich hielt plötzlich inne. Ich fühlte Tränen auf meiner Hand. Ich hatte meinen geliebten Dichter zum Weinen gebracht und war ganz untröstlich darüber. Er nötigte mich in seinen Armstuhl und brachte mir verschiedene interessante Dinge zum Befühlen, und auf seine Bitte deklamierte ich ihm auch »The Chambered Nautilus«, das damals mein Lieblingsgedicht war. Später besuchte ich Dr. Holmes noch öfters und lernte in ihm sowohl den Menschen wie den Dichter lieben.
An einem schönen Sommertage, nicht lange nach meiner ersten Begegnung mit Dr. Holmes, besuchten Fräulein Sullivan und ich Herrn Whittier in seinem stillen Heim am Merrimac. Seine Ritterlichkeit und seine gewählte Ausdrucksweise gewannen ihm sofort mein Herz. Er besaß einen Band seiner Gedichte in Hochdruck, aus dem ich »In School Days« las. Er war entzückt, daß ich die Worte so gut aussprechen konnte, und sagte, es sei ihm nicht schwer gefallen, mich zu verstehen. Dann richtete ich einige Fragen betreffs des Gedichtes an ihn und las seine Antwort ab, indem ich ihm meine Finger auf die Lippen legte. Er erklärte, er selbst sei der kleine Knabe in dem Gedicht, der Name des Mädchens sei Sally gewesen und noch mehr dergleichen, was ich aber vergessen habe. Ich deklamierte auch »Laus Deo«, und als ich die Schlußworte sprach, legte er mir die Statue eines Sklaven in die Hände, von dessen zusammengekrümmter Gestalt die Ketten abfielen, gerade so wie sie von Petrus’ Gliedern abfielen, als der Engel ihn aus dem Kerker herausführte. Später gingen wir in sein Studierzimmer, und hier schrieb er ein Autogramm[12] für meine Lehrerin nieder und drückte ihr seine Bewunderung über das, was sie getan hatte, aus, indem er zu mir sagte: „Sie ist deine geistige Befreierin“. Dann geleitete er mich bis zur Gartenpforte und küßte mich zum Abschiede zärtlich auf die Stirn. Ich versprach ihm, ihn im folgenden Sommer wieder zu besuchen; er starb aber, ehe ich mein Versprechen erfüllen konnte.