Dr. Edward Everett Hale ist einer meiner allerältesten Freunde. Ich kenne ihn seit meinem achten Lebensjahre, und meine Liebe zu ihm hat zugenommen, je älter ich wurde. An seiner weisen, liebevollen Teilnahme haben Fräulein Sullivan und ich uns in den Tagen der Prüfung und Trübsal aufgerichtet, und seine starke Hand hat uns über manche steile und steinige Strecke unseres Pfades hinweggeholfen, und was er für uns getan hat, das hat er für tausend andere getan, die schwierige Aufgaben zu erfüllen haben. Er hat die alten Schläuche des Dogmas mit dem neuen Wein der Liebe gefüllt und den Menschen gezeigt, was es heißt, zu glauben, zu leben und frei zu sein. Was er gelehrt hat, das haben wir in seinem Leben auf das schönste ausgedrückt gefunden — Vaterlandsliebe, Güte dem geringsten seiner Brüder gegenüber und ein aufrichtiges Verlangen, sich über das irdische emporzuschwingen. Er ist ein Prophet und Herzenskündiger gewesen, ein mächtiger »Täter des Worts«, der Freund seines ganzen Geschlechtes — Gott segne ihn!
Meine erste Begegnung mit Dr. Alexander Graham Bell habe ich schon erwähnt. Seitdem habe ich viele glückliche Tage mit ihm in Washington und auf seinem schönen Landsitz im Innern von Cape Breton Island verlebt, in der Nähe von Baddeck, dem durch Charles Dudley Warners Buch berühmt gewordenen Dorfe. Hier habe ich in Dr. Bells Laboratorium oder auf den Feldern am Ufer des großen Bras d’Or viele genußreiche Stunden zugebracht, in denen er mir von seinen Experimenten erzählte und ich ihm bei dem Steigenlassen von Drachen half, mittels deren er die Gesetze, die die Luftschiffahrt der Zukunft beherrschen werden, zu ergründen hofft. Dr. Bell hat bedeutende Leistungen auf vielen wissenschaftlichen Gebieten aufzuweisen und besitzt die Gabe, alles, was er in die Hand nimmt, interessant zu machen, selbst die verwickeltsten Fragen. Man hat bei ihm das Gefühl, daß, wenn man nur ein wenig mehr Zeit hätte, man auch ein Erfinder sein könnte. Dazu hat er eine humoristische und eine poetische Seite. Seine Hauptleidenschaft ist seine Liebe zu Kindern. Nie ist er so durchaus glücklich, als wenn er ein kleines taubstummes Kind in seinen Armen hält. Seine Arbeiten zum Besten der Taubstummen werden fortleben und noch über künftige Generationen von Kindern Segen verbreiten, und wir lieben ihn ebenso für das, was er selbst geleistet, wie für das, wozu er andere angeregt hat.
In den zwei Jahren, die ich in New York verlebte, hatte ich oft Gelegenheit, mit hervorragenden Männern zu sprechen, deren Namen ich oft gehört, mit denen ich aber niemals zusammenzutreffen gehofft hatte. Zum größten Teile lernte ich diese in dem Hause meines lieben Freundes Herrn Laurence Hutton kennen. Es war eine große Vergünstigung, ihn und die liebe Frau Hutton in ihrer reizenden Villa besuchen zu dürfen, ihre Bibliothek zu besichtigen und die herrlichen Empfindungen und glänzenden Gedanken zu lesen, die begabte Freunde für sie niedergeschrieben hatten. Man hat mit Recht gesagt, Herr Hutton besitzt die Fähigkeit, aus jedem die besten Gedanken und die zartesten Empfindungen herauszulocken. Man braucht nicht die Erzählung »A Boy I Knew« zu lesen, um ihn zu verstehen — den mit dem reinsten, kindlichsten Gemüt begabten Mann, den treuen Freund in allen Lebenslagen, der sowohl das Leben der Hunde wie das seiner Mitmenschen liebevoll verfolgt.
Frau Hutton ist eine aufrichtige, bewährte Freundin. Vieles, was ich für das Beste und Wertvollste halte, verdanke ich ihr. Oft hat sie mir während meines Universitätsstudiums mit Rat und Tat beigestanden. Wenn ich meine Lebensaufgabe schwer und entmutigend finde, so schreibt sie mir Briefe, die mich wieder froh und tapfer machen; denn sie gehört zu denen, von denen wir lernen können, daß die Erfüllung einer mühevollen Pflicht die Erfüllung der nächsten einfacher und leichter macht.
Herr Hutton führte mich bei vielen seiner literarischen Freunde ein, von denen die bedeutendsten Herr William Dean Howells und Mark Twain sind. Auch mit Herrn Richard Watson Gilder und Herrn Edmund Clarence Stedman traf ich zusammen. Auch Herrn Charles Dudley Warner lernte ich kennen, den reizendsten Erzähler und liebenswürdigsten Freund, dessen Gutherzigkeit so umfassend war, daß man von ihm in Wahrheit sagen konnte, er liebte alle lebenden Wesen und seinen Nächsten wie sich selber. Einmal stellte mir Herr Warner den Dichter der Wälder, — Herrn John Burroughs, vor. Sie waren alle liebenswürdig und sympathisch, und ich wurde mir des Zaubers ihrer Persönlichkeit ebenso bewußt, wie ich früher die Schönheit ihrer Abhandlungen und Gedichte bewundert hatte. Ich konnte nicht Schritt halten mit all diesen Schriftstellern, wie sie von einem Gegenstand zum anderen übersprangen und sich in tiefsinnige Disputationen einließen oder in der Unterhaltung ihren Witz glänzen ließen. Ich glich dem kleinen Ascanius, der mit seinen trippelnden Füßchen den heroischen Schritten seines Vaters Aeneas auf seinem Lebenswege, der ihn mächtigen Geschicken entgegenführte, folgte. Aber sie teilten mir viel Interessantes mit. So erzählte mir Herr Gilder von seinen Reisen im Mondschein durch die weite Wüste zu den Pyramiden, und in seinem Briefe, den er mir schrieb, drückte er unter der Unterschrift seinen Stempel so tief in das Papier hinein, daß ich ihn fühlen konnte. Dies erinnert mich daran, daß Dr. Hale seinen Briefen an mich einen persönlichen Zug verlieh, indem er seine Unterschrift in Brailleschrift gab. Von Mark Twains Lippen las ich ein paar seiner prächtigen Erzählungen ab. Er hat seine eigene Art, zu denken, zu sprechen und zu handeln. Ich fühle das Zwinkern seines Auges in seinem Händedrucke. Eben dadurch, daß er seine cynische Weisheit in einer unsagbar drolligen Weise vorbringt, erweckt er die Empfindung, daß sein Herz voll des tiefsten, innigsten Mitgefühls ist.
Es gibt noch eine Menge anderer interessanter Leute, mit denen ich in New York zusammengetroffen bin: Frau Mary Mapes Dodge, die beliebte Herausgeberin vom »St. Nicholas-Magazine«, und Frau Riggs (Kate Douglas Wiggin), die anmutige Verfasserin von »Patsy«. Ich erhielt von ihnen Geschenke, bei deren Auswahl das Herz mitgesprochen hat, Bücher mit ihren eigenen Gedanken, seelenvolle Briefe und Photographien, die ich mir immer und immer wieder beschreiben lasse. Allein mir fehlt der Raum, hier aller meiner Freunde zu gedenken, und in der Tat gibt es in Bezug auf sie Dinge, die sich hinter Cherubsschwingen bergen, Dinge, die zu heilig sind, um in kalte Druckschrift umgesetzt zu werden. Nur mit innerem Widerstreben habe ich soeben von Frau Laurence Hutton gesprochen.
Ich will noch zwei weitere befreundete Personen erwähnen. Die eine ist Frau William Thaw in Pittsburgh, die ich oft auf ihrem Landsitze in Lyndhurst besucht habe. Sie ist stets damit beschäftigt, jemand glücklich zu machen, und all die Jahre über, die meine Lehrerin und ich sie kennen, haben wir stets bei ihr großmütige Hilfe und weisen Rat gefunden.
Auch meinem anderen Freunde bin ich zu tiefem Danke verpflichtet. Er ist wegen seiner mächtigen Hand, mit der er große Unternehmungen leitet, weit und breit bekannt, und seine bewundernswerten Eigenschaften haben ihm die allgemeine Achtung erworben. Freundlich zu jedermann tut er unausgesetzt in der Stille und unbemerkt Gutes. Wiederum berühre ich den Kreis geachteter Namen, die ich nicht nennen darf, aber ich möchte gern seine Hochherzigkeit und seine rege Teilnahme an meinem Geschick hervorheben, die es mir möglich gemacht haben, die Universität zu besuchen.
So haben meine Freunde mein Leben zu dem gemacht, was es ist. Auf tausenderlei Art haben sie meine Gebrechen in herrliche Vorrechte verwandelt und mich in den Stand gesetzt, heiter und glücklich in dem von meinen körperlichen Mängeln geworfenen Schatten zu wandeln.
[12] With great admiration of thy noble work in releasing from bondage the mind of thy dear pupil, I am truly thy friend, John G. Whittier. (Mit der größten Bewunderung für dein edles Werk der Befreiung des Geistes deiner lieben Schülerin von der Knechtschaft bin ich dein aufrichtiger Freund John G. Whittier.)