Ihren Besuch der Weltausstellung in Chicago schildert Helen in einem Briefe vom 17. August 1893. Es heißt darin unter anderem: Jedermann auf der Ausstellung war sehr freundlich zu mir... Fast alle Aussteller schienen gern bereit zu sein, mich auch die zerbrechlichsten Dinge berühren zu lassen, und sie erklärten mir alles in der liebenswürdigsten Weise. Ein Franzose, dessen Namen ich vergessen habe, zeigte mir die großen französischen Bronzen. Ich glaube, sie machten mir mehr Freude als sonst etwas auf der Ausstellung: so lebendig und wundervoll erschienen sie mir bei der Berührung..... Dann ging ich mit Professor Morse nach der japanischen Abteilung. Ich hatte keine Ahnung davon, was für ein wunderbares Volk die Japaner sind, ehe ich ihre höchst interessante Ausstellung sah. Japan muß in der Tat ein Paradies für die Kinder sein, nach der großen Menge von Spielsachen zu urteilen, die hier angefertigt werden.
Ueber ihre Begegnung mit Mark Twain schreibt Helen Keller im März 1895 an ihre Mutter folgendes:
Lehrerin und ich verbrachten den gestrigen Nachmittag bei Herrn Hutton und waren sehr vergnügt dort!
Wir trafen Mr. Clemens (Mark Twain) und Mr. Howells dort. Ich hatte schon lange von ihnen gehört, aber nie hatte ich gedacht, daß ich die einmal sehen und mit ihnen sprechen sollte. ... Die beiden berühmten Schriftsteller waren sehr lieb und freundlich mit mir, und ich könnte nicht sagen, welcher von beiden mir lieber ist. Mark Twain erzählte uns viele unterhaltende Geschichten und brachte uns zum Lachen, bis wir weinten. Ich möchte nur, Du hättest ihn sehen und hören können. Er erzählte uns, daß er in einigen Tagen nach Europa gehen wolle, um seine Frau und seine Tochter Jeanne nach Amerika zurückzuholen, weil Jeanne, die in Paris studiert, in 3½ Jahren soviel gelernt hätte, daß wenn er sie jetzt nicht nach Hause brächte, sie bald mehr wüßte, als er selber.
Ich finde, »Mark Twain« ist ein sehr passender nom de plume für Herrn Clemens, denn er klingt so komisch und drollig und paßt gut zu seinen lustigen Geschichten, und seine nautische Bedeutung[20] weist auf die tiefsinnigen und schönen Sachen hin, die er geschrieben hat. Ich finde, er ist sehr schön — — —.
(Vgl. oben [S. 141 ff.] [182.])
[20] Mark twain = Ruf des Mississippi-Lotsen bei 2 Faden Tiefe.
Helen Keller »betrachtet« eine Nike-Statuette
Einen Besuch im Bostoner Museum schildert Helen in einem Briefe vom 3. Februar 1899. Sie schreibt darin: Vorigen Montag hatte ich ein äußerst interessantes Erlebnis. Eine Freundin nahm mich an diesem Tage mit nach dem Bostoner Kunstmuseum. Sie hatte mir schon vorher bei General Loring, dem Direktor des Museums, die Erlaubnis ausgewirkt, die Statuen berühren zu dürfen, namentlich die, welche meine alten Freunde aus der Ilias und der Aeneis darstellten. War dies nicht liebenswürdig? Während ich dort weilte, trat General Loring selbst ein und zeigte mir einige der schönsten Statuen, unter denen sich die Venus von Medici, die Athene vom Parthenon, Diana in ihrem Jagdkleide mit der Hand am Köcher und einer Hindin neben ihr, sowie der unglückliche Laokoon nebst seinen beiden Söhnen befanden, die sich in den furchtbaren Umschlingungen zweier riesiger Schlangen winden und unter herzzerreißendem Geschrei ihre Arme zum Himmel emporstrecken. Auch den Apollo vom Belvedere sah ich. Er hat soeben den Python erlegt und steht neben einem großen Marmorpfeiler, die schöne Hand triumphierend über den furchtbaren Drachen ausstreckend. O er ist einfach wundervoll! Venus entzückte mich. Sie sah aus, als sei sie soeben aus dem Schaume des Meeres emporgestiegen, und ihre Lieblichkeit wirkte auf mich wie ein himmlischer Gesang. Auch die arme Niobe sah ich mit ihrem jüngsten Kinde, das sich fest an die anklammert, während sie die grausame Göttin anfleht, ihr nicht auch den letzten Liebling zu töten. Ich weinte beinahe, so lebenswahr und tragisch war dies alles. General Loring zeigte mir auch in liebenswürdiger Weise eine Nachbildung einer der wundervollen Bronzetüren aus dem Baptisterium zu Florenz, und ich befühlte die schönen Pfeiler, die auf den Rücken grimmiger Löwen ruhen. So hatte ich, wie Sie sehen, einen Vorgeschmack des Genusses, den ich eines Tages haben werde, wenn ich Florenz besuche. Meine Freundin versprach mir, später eine Nachbildung der von Lord Elgin nach London gebrachten Parthenonskulpturen zu zeigen. Ich würde es jedoch vorziehen, die Originale an der Stelle zu sehen, für die sie von dem Genius bestimmt waren, nicht nur als Hymnus zum Preise der Götter, sondern auch als Denkmal für den Ruhm Griechenlands. Es scheint mir tatsächlich ein Frevel zu sein, solche geweihte Werke aus dem Heiligtume der Vergangenheit, in das sie gehören, zu entführen.