Inzwischen bot sich für Helen Gelegenheit, eine beträchtliche Summe zu Tommys Erziehung beizusteuern. Den Winter zuvor war ihr Hund Lioneß gestorben, und ihre Freunde faßten den Plan, Geld zu sammeln, um ihr einen neuen Hund zu kaufen. Helen bat, die Beiträge, die aus ganz Amerika und England zusammenflossen, auf Tommys Erziehung zu verwenden. In Anbetracht dieses neuen Zweckes wuchs der Fonds rasch an, und für Tommy war gesorgt. Er wurde am 6. April in den Kindergarten aufgenommen.
Helen hatte sich mit wahrem Feuereifer der Sache angenommen. So heißt es in einem Briefe vom 20. März 1891: Und nun möchte ich Ihnen mitteilen, was die Hundeliebhaber in Amerika zu tun im Begriffe stehen. Sie wollen mir Geld für ein armes taubstummes und blindes Kind schicken. Sein Name ist Tommy, und es ist fünf Jahre alt. Seine Eltern sind zu arm, um den kleinen Kerl in die Schule schicken zu können, und daher wollen die Herren, anstatt mir einen Hund zu schenken, dazu beitragen, Tommys Leben so strahlend und fröhlich wie das meinige zu machen. Ist dies nicht ein schönes Unternehmen? Die Erziehung wird Licht und Musik in Tommys Seele bringen, und dann muß er unbedingt glücklich sein. — Und in einem anderen Briefe vom April 1891 heißt es: Ich wünschte, Sie könnten den kleinen Tom sehen, jenes blinde und taubstumme Kind, das soeben in unserem hübschen Garten eingetroffen ist. Er ist jetzt arm, hilflos und einsam, aber vor Ablauf eines Jahres wird die Erziehung Licht und Heiterkeit in Tommys Leben gebracht haben. — Ferner schreibt Helen in einem Briefe vom 30. April: Sie werden sich freuen, zu hören, daß Tommy jetzt eine freundliche Dame zur Lehrerin hat und daß er ein hübscher, lebhafter, kleiner Bursche ist. Das Umherklettern gefällt ihm allerdings besser als das Buchstabieren, aber dies kommt daher, daß er noch nicht weiß, was für ein wunderbares Ding die Sprache ist. Er kann sich nicht denken, wie sehr, sehr glücklich er sein wird, wenn er uns seine Gedanken mitteilen kann und wir ihm sagen können, daß wir ihn schon so lange geliebt haben.
Auf Helens Bitte eröffnete Bischof Brooks eine öffentliche Sammlung für Tommy, die über 1600 Dollars einbrachte. Helen selbst schrieb Briefe an die Zeitungen und quittierte öffentlich über den Empfang des Geldes. Der vom 13. Mai 1891 datierte folgende Brief ist an den Herausgeber des »Boston Herald« gerichtet: Ich glaube, die Leser Ihrer Zeitung werden sich freuen, zu hören, daß soviel für den lieben kleinen Tommy getan worden ist. Er fühlt sich in der Tat im Kindergarten sehr glücklich, und lernt täglich etwas Neues. Er hat herausgefunden, daß die Türen Schlösser haben und daß kleine Hölzchen und Stückchen Papier sich ganz leicht in die Schlüssellöcher hineinstecken lassen; aber er scheint nicht halb soviel Lust zu haben, sie herauszunehmen wie hineinzustecken. Das Hinaufklettern an den Bettpfosten und das Abschrauben der Dampfventile gefällt ihm allerdings viel besser als das Buchstabieren, aber dies kommt daher, daß er noch nicht versteht, daß die Wörter ihm zu neuen, interessanten Entdeckungen verhelfen werden. Ich hoffe, daß gute Menschen fortfahren werden, für Tommy zu sorgen, bis der Fonds vollständig ist und die Erziehung Licht und Musik in sein kleines Leben gebracht hat.
Im Mai 1892 gab Helen zum Besten des Blindenkindergartens einen »Tee«, der über 2000 Dollars einbrachte. Auf diese Veranstaltung bezieht sich folgender Brief vom 9. Mai 1892 an eine Freundin: Brauche ich Ihnen zu sagen, wie ich mich freute, zu hören, daß Sie sich für meinen »Tee« interessieren? Keinenfalls dürfen wir ihn aufgeben. Sehr bald werde ich weit fortgehen, in mein teures Elternhaus, in den sonnigen Süden, und der Gedanke würde mich für immer glücklich machen, daß das letzte, was meine teueren Freunde in Boston mir zuliebe getan haben, darin bestand, daß sie das Leben so vieler kleiner des Gesichts beraubter Kinder froh und glücklich zu machen halfen. Ich weiß, daß gütige Menschen gar nicht umhin können, liebevolle Teilnahme für die Kleinen zu hegen, die das herrliche Licht nicht zu erblicken vermögen, und es scheint mir, als müsse sich alle liebevolle Teilnahme in Handlungen werktätiger Hilfe äußern; und wenn die Freunde der kleinen hilflosen, blinden Kinder einsehen, daß wir für ihre Glückseligkeit sorgen, so werden sie bestimmt kommen und unserem »Tee« den Erfolg sichern, und ich bin fest davon überzeugt, ich werde das glücklichste kleine Mädchen auf der ganzen Welt sein.
Von der Reise zum Niagarafall (s. oben [S. 74]) handelt folgender Brief Helens vom 13. April 1893 an ihre Mutter:
... Herr Westerfelt[19] gab uns zu Ehren eine Nachmittags-Gesellschaft. Es kam eine große Menge Menschen. Einige von ihnen richteten sehr sonderbare Fragen an mich. Eine Dame schien überrascht zu sein, daß ich die Blumen liebte, da ich doch ihre schönen Farben nicht zu sehen vermöchte, und als ich sie versicherte, ich liebte sie trotzdem, antwortete sie: »Gewiß fühlen Sie die Farben mit Ihren Fingern.« Aber natürlich lieben wir die Blumen, nicht nur ihrer herrlichen Farbe wegen... Ein Herr fragte mich, was der Begriff Schönheit für mich bedeute. Ich muß gestehen, ich war für einen Augenblick verwirrt. Dann aber antwortete ich ihm, Schönheit sei eine Form der Güte — und er verschwand.
[19] Der Leiter einer Taubstummenschule in Rochester.
Ueber den Eindruck, den der Niagarafall selbst auf Helen machte, heißt es weiterhin:
Das Hotel stand so nahe am Flusse, daß ich sein Vorbeirauschen fühlen konnte, wenn ich die Hand an das Fenster legte... Du kannst Dir nicht vorstellen, was ich fühlte, als ich am Niagara stand, ehe Du nicht selbst die nämliche geheimnisvolle Empfindung gehabt hast. Ich konnte mir kaum denken, daß es Wasser sei, was ich mit ungestümer Wut zu meinen Füßen brausen und tosen fühlte. Es kam mir vor, als sei es ein lebendes Wesen, das einem furchtbaren Geschicke entgegeneilte. Ich wünschte, ich könnte den Wasserfall schildern, wie er ist, seine Schönheit und majestätische Größe, das furchtbare, unwiderstehliche Hinabstürzen des Wassers über den Hang des Abgrundes. Man fühlt sich in Gegenwart einer solchen ungeheueren Kraft hilflos und überwältigt. Ich hatte schon einmal dieses selbe Gefühl, als ich am Strande des Ozeans stand und seine Wogen gegen das Ufer anbranden fühlte. Ich glaube, auch Du hast diese Empfindung, wenn Du in der Stille der Nacht zu den Sternen aufblickst, nicht wahr?... Wir ließen uns 120 Fuß in einem Elevator nieder, um die furchtbaren Wogen und Wirbel in der tiefen Schlucht unterhalb des Falles zu beobachten.