Mein liebes Fräulein Fuller!

Mein Herz ist an diesem schönen Morgen voller Freude, weil ich viele neue Wörter sprechen gelernt habe und ich ein paar Sätze bilden kann. Gestern abend ging ich in den Hof hinaus und redete den Mond an. Ich sagte: O Mond, komm zu mir! Glauben Sie, daß sich der liebe Mond freute, als er mich sprechen hörte? Wie froh wird meine Mutter sein! Ich kann den Juni kaum erwarten, so sehnlich wünsche ich, zu ihr und zu meiner reizenden kleinen Schwester sprechen zu können. Mildred konnte mich nicht verstehen, wenn ich mit meinen Fingern buchstabierte, aber jetzt wird sie auf meinem Schoß sitzen und ich werde ihr viel erzählen, was ihr gefallen soll, und wir werden so glücklich miteinander sein. Sind Sie sehr, sehr glücklich, daß Sie so viele Menschen glücklich machen? Ich glaube, Sie sind sehr gütig und geduldig, und ich liebe Sie recht von Herzen. Meine Lehrerin sagte mir am Dienstag, Sie wünschten zu wissen, wie der Wunsch in mir aufstieg, mit meinem Munde zu sprechen. Ich will es Ihnen ausführlich erzählen, denn ich erinnere mich ganz genau daran. Als ich ein ganz kleines Kind war, pflegte ich die ganze Zeit über auf meiner Mutter Schoß zu sitzen, weil ich sehr furchtsam war und nicht gern allein blieb. Ich hielt fortwährend meine kleine Hand an ihr Gesicht, weil es mir Spaß machte, zu fühlen, wie sich ihr Gesicht und ihre Lippen bewegten, wenn sie mit anderen sprach. Ich wußte damals noch nicht, was sie tat, denn ich war in allem ganz unwissend. Als ich dann älter wurde, lernte ich mit meiner Wärterin und den kleinen Negerkindern spielen und bemerkte, daß sie ihre Lippen genau wie meine Mutter bewegten; daher bewegte ich auch die meinigen, aber das machte mich mitunter zornig, und ich schlug meine Spielgefährten oft heftig auf den Mund. Ich wußte damals noch nicht, daß dies sehr unartig war. Nach langer Zeit kam meine teure Lehrerin zu mir und lehrte mich, wie ich mich mit meinen Fingern verständlich machen könnte, und ich war glücklich und zufrieden. Als ich dann aber in die Schule nach Boston kam, traf ich mehrere taube Leute, die mit ihrem Munde sprachen wie alle anderen Leute, und eines Tages kam eine Dame, die in Norwegen gewesen war, zu mir, um mich zu besuchen, und erzählte mir von einem blinden und tauben Mädchen, das sie in jenem fernen Lande gesehen hatte und das sprechen und andere verstehen gelernt hatte, wenn sie zu ihr sprachen. Diese guten, fröhlichen Nachrichten entzückten mich über die Maßen, denn jetzt war ich überzeugt, daß ich es auch lernen würde. Ich versuchte Töne hervorzubringen wie meine kleinen Spielgefährten, aber Fräulein sagte mir, die Stimme sei etwas sehr Zartes und Empfindliches und ich würde sie schädigen, wenn ich unrichtige Töne ausstieße, und sie versprach mir, mich mit zu einer gütigen und klugen Dame zu nehmen, die mich lehren würde, sie richtig hervorzubringen. Diese Dame waren Sie selbst. Jetzt bin ich so glücklich wie die kleinen Vögel, denn ich kann sprechen, und vielleicht werde ich sogar singen lernen. Alle meine Freunde werden darüber erstaunt und erfreut sein.

Ihre Sie liebende kleine Schülerin

Helen A. Keller.

[18] Vergl. oben [S. 57 ff.]

Aus einem Briefe vom 14. Juli 1890 an den nachmaligen Bischof Brooks.

... Meine Eltern waren entzückt, mich sprechen zu hören, und ich war überglücklich, ihnen eine so frohe Ueberraschung bereiten zu können. Ich denke mir, es muß ein wohltuendes Gefühl sein, jedermann glücklich zu machen. Warum hält es der liebe Vater im Himmel manchmal für das beste, uns recht großes Leid zu senden? Ich bin stets glücklich, und dies war auch der kleine Lord Fauntleroy, aber des armen kleinen Jakeys Leben war voller Traurigkeit. Gott hatte Jakeys Augen kein Licht geschenkt, und sein Vater war nicht freundlich und liebevoll. Glauben Sie, daß der arme Jakey seinen Vater im Himmel deswegen mehr liebte, weil sein anderer Vater unfreundlich zu ihm war? Auf welche Weise hat Gott den Menschen verkündet, daß seine Heimat im Himmel ist? Wenn die Menschen Böses tun, Tiere quälen und Kinder unfreundlich behandeln, so ist Gott betrübt, aber auf welche Weise will er sie lehren, barmherzig und liebreich zu sein? Ich denke, er wird ihnen sagen, wie herzlich er sie liebt und daß er wünscht, sie möchten gut und glücklich sein, und dann werden sie ihren Vater, der sie so sehr liebt, nicht betrüben und wünschen, ihm in allem, was sie tun, zu Gefallen zu sein, und dann werden sie einander lieben und jedermann Gutes tun und gegen die Tiere freundlich sein.

Bitte, erzählen Sie mir alles, was Sie von Gott wissen. Es macht mich glücklich, viel von meinem liebenden Vater zu erfahren, der gut und weise ist. Ich hoffe, Sie werden Ihrer kleinen Freundin schreiben, wenn Sie Zeit haben.

Tommy Stringer, dessen Name in den Briefen der nächsten Zeit oft vorkommt, wurde im Alter von fünf Jahren blind und taub. Seine Mutter war tot und sein Vater zu arm, um ihn unterrichten zu lassen. Eine Zeitlang war er in dem allgemeinen Krankenhaus in Allegheni untergebracht. Von dort wurde er nach einem Armenhause geschickt, denn zu jener Zeit gab es in Pennsylvania keinen anderen Platz. Helen hörte von ihm durch einen Bekannten, der ihr schrieb, es sei ihm nicht gelungen, einen Gönner für Tommy zu finden. Sie wünschte, daß er nach Boston gebracht würde, und als man ihr mitteilte, es gehöre viel Geld dazu, ihm eine Lehrerin zu halten, antwortete sie: Wir wollen es zusammenbringen. Sie begann Beiträge unter ihren Bekannten zu sammeln und leerte selbst ihre Sparbüchse.

Dr. Alexander Graham riet, Tommy nach Boston zu schicken, und wirkte ihm einen Platz in dem Blindenkindergarten aus.