Wenn ich in meinem Garten spazieren gehe, so kann ich die schönen Blumen nicht sehen, aber ich weiß, daß sie mich alle rings umgeben; denn ist nicht die Luft mit ihrem süßen Wohlgeruche angefüllt? Auch weiß ich, daß die zarten Glöckchen der Lilien ihren Genossinnen hübsche Geheimnisse zuflüstern, sonst würden sie nicht so glücklich aussehen. Ich liebe Sie von Herzen, denn Sie haben mich soviel Schönes über Blumen, Vögel und Menschen gelehrt. Nun muß ich Ihnen Lebewohl sagen.
Ihre Sie liebende kleine Freundin
Helen A. Keller.
Aus einem Briefe an Dr. Oliver Wendell Holmes[17]
vom 1. März 1890.
... Ich lese jetzt eine sehr traurige Geschichte, »Little Jakey« mit Titel. Jakey war der lieblichste kleine Knabe, den Sie sich denken können, aber er war arm und blind. Als ich klein war und noch nicht lesen konnte, glaubte ich, daß jedermann stets glücklich sei, und zuerst machte es mich sehr traurig, als ich von Schmerz und großem Leide erfuhr; aber jetzt weiß ich, daß wir niemals lernen würden, tapfer und geduldig zu sein, wenn es nur Freude auf der Welt gäbe.
Ich beschäftige mich in der Zoologie jetzt mit den Insekten, und ich habe viel über die Schmetterlinge gelernt. Sie machen keinen Honig für uns wie die Bienen, aber viele von ihnen sind so schön wie die Blumen, auf denen sie ruhen, und erfreuen stets das Herz kleiner Kinder. Sie führen ein fröhliches Leben, flattern von Blume zu Blume und nippen die Tropfen Honigtau, ohne an den morgenden Tag zu denken. Sie sind genau wie kleine Knaben und Mädchen, wenn sie Bücher und Schule vergessen und durch die Wälder und Felder laufen, um wilde Blumen zu pflücken oder nach duftenden Lilien in die Teiche waten, glücklich im strahlenden Sonnenschein.
[17] Vergl. oben [S. 137 ff.]
An Fräulein Sarah Fuller.[18]
Boston, Mass., 3. April 1890.