Fräulein Keller ist groß und kräftig gebaut und hat sich stets einer guten Gesundheit erfreut. Sie scheint nervöser zu sein, als sie tatsächlich ist, weil sie mehr mit ihren Händen gestikuliert als die meisten Menschen englischer Zunge. Der eine Grund für diese Gewöhnung liegt bei ihr darin, daß sie sich ihrer Hände so lange Zeit als Verständigungsmittel bedient hat, daß sie von selbst die rasche Beweglichkeit des Auges angenommen haben und einen Teil von dem ausdrücken, was wir mit einem Blicke sagen. Alle tauben Menschen gestikulieren von Hause aus. In der Tat war man früher der Meinung, diese Unglücklichen könnten sich am leichtesten durch ein System von Gestikulationen, durch die von dem Abbé de l’Epée erfundene Zeichensprache verständlich machen.
Wenn Fräulein Keller spricht, so belebt sich ihr Antlitz und drückt alle Nuancen ihres Denkens aus, ihre Gesichtszüge werden sprechend und geben ihren Worten erst den rechten Nachdruck. Wenn sie jedoch mit einem näheren Bekannten spricht, so faßt sie mit der Hand rasch nach seinem Gesichte, um, wie sie sagt, „das Bewegungsspiel des Mundes zu sehen.“ Auf diese Weise ist sie imstande, den Sinn solcher halb ausgesprochenen Sätze zu verstehen, die wir unbewußt aus dem Tone der Stimme oder dem Ausdrucke des Auges ergänzen.
Ihr Personengedächtnis ist erstaunlich. Sie erinnert sich bei der Berührung von Fingern, die sie früher in der Hand gehalten hat, all der charakteristischen Muskelzusammenziehungen, die den Handschlag des einen Menschen von dem des anderen verschieden machen.
Vielleicht der kennzeichnendste Charakterzug Helen Kellers (und ebenso Fräulein Sullivans) ist der Humor. Schlagfertigkeit und die Neigung zu Wortspielen verleihen ihr eine Vorliebe für Bonmots und witzige Redewendungen. Doch ist ihr Humor von jener tieferen Art, die gleichbedeutend mit Mut ist.
Vor vierzehn Jahren setzte sie es sich in den Kopf, sprechen lernen zu wollen, und sie ließ ihrer Lehrerin nicht eher Ruhe, bis ihr diese die Erlaubnis gab, Unterricht darin nehmen zu dürfen, obgleich kluge, erfahrene Leute, sogar Fräulein Sullivan, die klügste von allen, dies als ein Experiment betrachteten, das unmöglich gelingen könne und nur danach angetan sei, sie unglücklich zu machen. Diese selbe Hartnäckigkeit war es, die sie bewog, die Universität zu besuchen. Nachdem sie ihre Examina bestanden und ihr Abiturientenzeugnis erhalten hatte, wurde ihr von dem Dekan des Radcliffe College und anderen das Universitätsstudium widerraten. Sie schob es daher ein volles Jahr auf. Sie fühlte sich aber nicht befriedigt, bis sie ihren Plan ausführte und die Universität bezog.
Ihr Leben ist eine Reihe von Anläufen gewesen, alles zu tun, was andere tun, und es ebensogut zu tun. Sie hat damit einen durchschlagenden Erfolg erzielt, denn bei dem Versuche, so zu sein wie andere, ist sie dahin gelangt, sich selbst völlig zu finden. Ihre Abneigung gegen Niederlagen hat ihren Mut entwickelt. Was ein anderer erreichen kann, das kann sie auch. Ihre Achtung für persönliche Tapferkeit gleicht der Verachtung des Knaben für den weinenden Spielgefährten, mit einem Anflug von jugendlichem Bramarbasieren. Sie unternimmt Fußwanderungen in die Wälder, kriecht durch das Unterholz, wobei sie zerkratzt und zerschunden wird; aber man kann sie nicht dahin bringen, zuzugeben, daß sie sich verletzt habe, und um keinen Preis bewegen, das nächstemal zu Hause zu bleiben.
Wenn man versucht, Experimente an ihr zu machen, zeigt sie eine zähe Willensbestimmtheit, jede Probe, der man sie zu unterziehen wünscht, zu bestehen, so widersinnig sie auch sein mag.
Wenn sie die Antwort auf eine Frage nicht weiß, so rät sie frisch darauf los. Fragt man sie nach der Farbe des Rockes, den man anhat (kein Blinder kann eine Farbe erkennen), so befühlt sie ihn und sagt: Schwarz. — Ist er zufällig blau und sagt man ihr dies triumphierend, so ist sie imstande zu antworten: Danke. Ich freue mich, daß Sie es wissen. Wozu haben Sie mich dann überhaupt gefragt? —
Ihre spöttische, mutwillige Art macht sie zu einem sehr ungeeigneten Objekt für psychologische Experimente. Außerdem sieht Fräulein Sullivan auch nicht ein, warum Helen Keller wissenschaftliche Untersuchungen über sich ergehen lassen soll, und hat selbst nur wenig Experimente angestellt. Als ein Psychologe sie fragte, ob Helen im Schlafe mit ihren Fingern buchstabiere, entgegnete ihm Fräulein Sullivan, sie halte es nicht für der Mühe wert, aufzubleiben und Nachtwache zu halten, da derlei Dinge von so geringer Bedeutung seien.
Fräulein Keller ist eine Freundin von Geselligkeit. Wenn jemand, den sie berührt, über einen Scherz lacht, lacht sie mit, gerade als ob sie ihn gehört hätte. Wenn andere von Musik hingerissen werden, so erscheint, durch Sympathie hervorgerufen, ebenfalls auf ihren Zügen ein strahlender Ausdruck. In der Tat besitzt sie ein so feines Gefühl für die Gemütsbewegungen Fräulein Sullivans, daß sie sich derselben sofort anpassen kann, und so scheint sie auch zu wissen, was in ihrer Umgebung geschieht, selbst wenn die Unterhaltung ihr nicht in die Hand buchstabiert wird. In derselben Weise beruht ihr Verständnis für Musik teilweise auf Sympathie, obgleich sie sich an ihr auch um ihrer selbst willen erfreut.