Helen Keller »horcht« auf die Töne eines Klaviers

Die Musik kann für sie vermutlich wenig mehr bedeuten als eine rhythmische Bewegung. Sie kann nicht singen oder Klavier spielen, obgleich sie, wie frühere Experimente beweisen, es mechanisch erlernen konnte, eine Melodie auf den Tasten abzuspielen. Ihre Freude an der Musik ist nichtsdestoweniger völlig echt, denn die Töne werden ihr durch das Gefühl vermittelt, indem die Luftwellen sie berühren. Teilweise rührt ihr Verständnis für den Rhythmus der Musik ohne Zweifel von den Schwingungen fester Körper her, die sie berührt; des Fußbodens oder, was wahrscheinlicher ist, des Pianokastens, auf dem ihre Hand ruht. Doch scheint sie auch die Bewegung der Luft selbst zu empfinden. Als die Orgel in der Bartholomäuskirche für sie gespielt wurde, (vergl. [S. 171]) erbebte das ganze Gebäude bei den mächtigen Pedaltönen, aber dadurch wird nicht im geringsten erklärt, was Helen empfand und worüber sie sich freute. Die Vibration der Luft sowie die anschwellenden Orgeltöne versetzten sie ebenfalls in gleichartige Schwingungen. Mitunter legt sie ihre Hand an den Kehlkopf eines Sängers, um das Zittern und Zusammenziehen der Muskeln zu fühlen, und hat davon einen wahrhaften Genuß. Niemand weiß jedoch genau, welcher Art ihre Empfindungen dabei sind. Es ist belustigend, in einer Zeitschrift aus dem Jahre 1895 zu lesen, daß Fräulein Keller den verschiedenen Komponisten eine gerechte und verständnisvolle Würdigung entgegenzubringen vermöge, da sie deren Musik im buchstäblichen Sinne des Wortes fühle; Schumann sei ihr Lieblingskomponist. Wenn sie den Unterschied zwischen Schumann und Beethoven kennt, so rührt dies daher, daß sie darüber gelesen hat, sich an das Gelesene erinnert und mit jemand, der sie danach fragt, über dieses Thema sprechen kann.

Fräulein Kellers Streben, es anderen in Bezug auf Intelligenz gleichzutun, hält sie auch betreffs der Tagesereignisse auf dem laufenden. Als ihre Erziehung systematischer wurde und sie sich mit Büchern beschäftigte, würde es für Fräulein Sullivan ein leichtes gewesen sein, sie zur Einkehr in sich selbst anzuhalten, wenn sie dazu geneigt gewesen wäre. Aber jedermann, der mit ihr zusammenkam, hat ihr sein Bestes gegeben, und sie hat es angenommen. Wenn im Laufe einer Unterhaltung der ihr zunächst Sitzende auch nur einen Augenblick aufhört, in ihre Hand zu buchstabieren, so erfolgt unausbleiblich die Frage: Worüber sprechen Sie jetzt? Auf diese Weise speichert sie die Bruchstücke aus der täglichen Unterhaltung normal beanlagter Menschen in sich auf, und ihre Einzelkenntnisse sind daher äußerst umfassend und genau. Auch spricht sie gut über die kleinen täglichen Ereignisse des Lebens.

Einen großen Teil ihres Wissens erwirbt sie sich auf unmittelbarem Wege. Wenn sie ausgeht, bleibt sie oft plötzlich stehen, von dem Geruche eines Strauches angezogen. Sie streckt ihre Hand aus, befühlt die Blätter, und empfindet an der Pflanzenwelt denselben Genuß wie wir, wenn sie die Blätter zwischen ihren Fingern hält, den Duft der Blüten einsaugt und wenn sie sich später wieder daran erinnert.

Befindet sie sich an einer neuen Oertlichkeit, namentlich einer interessanten wie den Niagarafällen, so ist ihr Begleiter, — in der Regel ist es natürlich Fräulein Sullivan — bemüht, ihr eine Vorstellung von den sichtbaren Einzelheiten beizubringen. Fräulein Sullivan, die das Innere ihres Zöglings kennt, wählt aus der Landschaft die wesentlichen Züge aus, die imstande sind, Helens innerer Anschauung der Außenwelt, die unseren Augen eine verwirrende Fülle von Einzelheiten darbietet, eine gewisse Klarheit und Bestimmtheit zu verleihen. Wenn ihr Begleiter ihr nicht genug Einzelheiten mitteilt, so stellt Helen selbst Fragen, bis sie sich das Landschaftsbild zu ihrer Befriedigung ergänzt hat.

Sie sieht nicht mit ihren Augen, wohl aber mittels der inneren Fähigkeit, zu deren Unterstützung uns die Augen gegeben sind. Wenn sie von einem Spaziergang zurückkehrt und mit jemand über diesen spricht, so sind ihre Beschreibungen zutreffend und lebendig. Eine auf Vergleichung beruhende Erfahrung, die sie aus schriftlichen Schilderungen und aus den mündlichen ihrer Lehrerin schöpft, schützt sie vor Irrtümern im Gebrauche der Bezeichnungen für Gehörs- und Gesichtseindrücke. Ihre Anschauung vom Leben ist in der Tat höchst farbenreich, und die Welt, wie Helen sie erblickt, ist unzweifelhaft ein wenig besser als in Wirklichkeit. Doch ist Fräulein Kellers Kenntnis von ihr durchaus nicht so unvollständig, wie man annehmen könnte. Gelegentlich setzt sie ihre Umgebung durch ihre Unkenntnis einer Tatsache in Erstaunen, die ihr zufällig niemand mitgeteilt hat; so wußte sie zum Beispiel bis zu ihrem ersten Seebade nicht, daß das Meerwasser salzig ist. Viele der vereinzelten Ereignisse und Tatsachen unseres täglichen Lebens gehen an ihr unbemerkt vorüber, aber sie hat eine genügende Kenntnis von der Welt, um sich eine im wesentlichen lückenlose Anschauung von ihr bilden zu können.

Der größte Teil ihres unmittelbaren Wissens geht auf ihren Gefühlssinn zurück. Dieser Sinn ist jedoch nicht so fein ausgebildet wie bei anderen Blinden. Laura Bridgman konnte die winzigsten, fast verschwindenden Unterschiede in der Stärke von Fäden wahrnehmen und fertigte wundervolle Spitzen an. Fräulein Keller versteht zu stricken und zu häkeln, aber sie hat Besseres zu tun. Bei ihren mannigfaltigen Gaben und Anlagen hat sie sich des Gefühlssinns nicht genügend bedient, um ihn allzuhoch über die normale Schärfe hinaus zu entwickeln. Ein Bekannter stellte eines Tages bei Helen Versuche mit verschiedenen Münzen an. Das Wiedererkennen nach Maßgabe ihres Gewichts- und Größenverhältnisses ging langsamer von statten, als er erwartet hatte. Aber man muß dabei bedenken, daß sie fast nie Geld in die Hände bekommt und, nebenbei gesagt, so von einer der schmutzigen und kleinlichen Einzelheiten des Lebens verschont bleibt.

Sie erkennt den Vorwurf und die allgemeine Idee einer sechs Zoll hohen Statuette. Etwas, was flacher ist, als ein Basrelief von einem halben Zoll Höhe ist für sie ein leeres Blatt, insofern es sich dabei um die Empfindung des Schönen handelt. Große Statuen, bei denen sie den Schwung der Linien mit der ganzen Hand verfolgen kann, gewähren ihr einen höheren ästhetischen Genuß. Sie bemerkt selbst, daß sie sie besser zu würdigen imstande ist als wir, weil sie die wirklichen Dimensionen zu erfassen und die körperliche Natur eines plastischen Werkes unmittelbarer zu empfinden vermag. Als sie das Museum der schönen Künste in Boston besuchte, stand sie auf einer Stehleiter und ließ beide Hände über die Statuen gleiten. Als sie ein Basrelief mit der Darstellung tanzender Mädchen befühlte, fragte sie: Wo sind die Sängerinnen? — Nachdem sie diese gefunden hatte, sagte sie: Eine von ihnen schweigt. — Die Lippen der Sängerin waren geschlossen.

Am meisten bietet jedoch ihr tägliches Leben Gelegenheit, die Feinheit ihrer Sinne und ihrer Handfertigkeit zu beobachten. Sie scheint sehr wenig Orientierungssinn zu besitzen. Sie tastet ihren Weg mit ziemlicher Unsicherheit selbst in Zimmern entlang, mit denen sie ganz bekannt ist. Die meisten Blinden werden durch das Gehör unterstützt, sodaß man sie nicht mit diesen vergleichen kann, sondern billigerweise nur mit anderen taubstummen Blinden. Ihre Geschicklichkeit ist weder im Verhältnis zu normalen Personen, deren Bewegungen durch das Auge geleitet werden, noch, wie mir versichert wurde, zu anderen Blinden bemerkenswert. Sie hat keine einzige Fertigkeit ausgeübt, die den Gebrauch ihrer Hände erfordert haben würde. Als sie zwölf Jahre alt war, ließ ein Bekannter von ihr, der Künstler Albert H. Munsell, sie Versuche mit einer Wachstafel und einem Griffel anstellen. Er berichtet, sie habe sich ganz gut dabei angestellt und nach Modellen einige Umrißzeichnungen von Blättern und Rosetten angefertigt. Ihre einzige Beschäftigung, die Handfertigkeit erfordert, ist ihre Tätigkeit an der Schreibmaschine. Obgleich sie diese von ihrem zwölften Lebensjahre an benutzt hat, arbeitet sie an ihr eher sorgfältig als rasch. Sie schreibt mit angemessener Schnelligkeit und absoluter Sicherheit. Ihre Manuskripte enthalten selten Schreibfehler, wenn sie sie Fräulein Sullivan zum Durchlesen übergibt. Ihre Schreibmaschine weist keine besonderen Einrichtungen auf. Sie überzeugt sich von der Stellung der einzelnen Tasten zueinander durch eine gelegentliche Berührung des Außenrandes der Platte mit dem kleinen Finger.