Fräulein Kellers Verstehen des Fingeralphabets vermittelst des Gefühls scheint einigermaßen Verwunderung zu erregen. Selbst Leute, die Helen sehr gut kannten, haben in Zeitschriften von Fräulein Sullivans »geheimnisvoller telegraphischer Zwiesprache« mit ihrem Zögling gesprochen. Das Fingeralphabet ist das bei allen tauben Personen, die eine Erziehung genossen haben, übliche. Die meisten Wörterbücher enthalten eine bildliche Darstellung der Fingeralphabete. Der sehende Taube blickt auf die Finger seines Begleiters, aber es ist auch möglich, sie zu fühlen. Fräulein Keller legt ihre Finger leicht über die Hand dessen, der mit ihr spricht, und faßt die Worte so rasch auf, wie sie buchstabiert werden können. Wie sie erklärt, ist sie sich weder der einzelnen Buchstaben noch einzelner Wörter bewußt. Fräulein Sullivan und andere, die beständig mit Tauben zu tun haben, können sehr rasch buchstabieren — schnell genug, um die Geschwindigkeit einer langsamen Lektüre zu erreichen, jedoch nicht, um jedem Worte eines raschen Gespräches folgen zu können.
Jedermann kann das Fingeralphabet in wenigen Minuten erlernen, nach Verlauf eines Tages langsam anwenden und nach einer beständigen Uebung von dreißig Tagen sich durch dasselbe mit Helen Keller oder einer anderen tauben Person verständigen, ohne auf die Bewegung der Finger zu achten. Wäre das Fingeralphabet allgemeiner bekannt und erlernten die Bekannten und Angehörigen tauber Kinder es zugleich mit diesen, so würden die Tauben der ganzen Welt glücklicher und besser unterrichtet sein.
Helen Keller liest mit Hilfe von Hochdrucken und den verschiedenen Arten der Brailleschrift. Das gewöhnliche Buch in Hochdruck ist mit römischen Lettern, sowohl kleinen wie großen, hergestellt. Diese Lettern sind von einfacher, viereckiger, rechtwinkliger Gestalt. Die kleinen Buchstaben sind ungefähr 3/16 Zoll hoch und erheben sich über die Blattfläche ungefähr um die Dicke eines Daumennagels. Die Bücher haben ein großes Format, ungefähr Lexikonformat. Das französische Elementarbuch von Ploetz umfaßt zum Beispiel vier Bände. Die Bücher sind nicht schwer, weil die Blätter mit der erhöhten Schrift nicht dicht übereinander liegen. Am meisten fällt Helens Blindheit ihren Bekannten auf, wenn die plötzlich im Dunkeln zu ihr kommen und das Rascheln ihrer Finger über die Buchseite hören.
Helen Keller bei der Lektüre
Der geeignetste Druck für die Blinden ist die Brailleschrift, die verschiedene Abarten aufweist, leider nur zu viele — die englische, die amerikanische, die New Yorker. Fräulein Keller liest sie alle. Die meisten Blinden mit Schulbildung verstehen verschiedene Systeme, aber es würde die Sache vereinfachen, wenn, wie Fräulein Keller vorschlägt, die englische Brailleschrift allgemein angenommen würde. Jedes Zeichen (entweder ein Buchstabe oder eine, der Brailleschrift eigentümliche Zusammenziehung mehrerer Buchstaben) besteht aus einer Anzahl von Punkten (zwischen 1 und 6 schwankend), die in verschiedenen Stellungen zueinander angeordnet sind. Fräulein Keller besitzt eine Brailleschreibmaschine, auf der sie ihre Notizen anfertigt und Briefe an ihre blinden Freunde schreibt. Diese Maschine hat sechs Tasten, und durch das Niederdrücken einer oder mehrerer von diesen zu gleicher Zeit (genau so wie man einen Akkord auf dem Klavier greift) bringt der Schreibende ein Zeichen in einem Bogen dicken Papiers hervor und kann halb so rasch schreiben wie auf einer gewöhnlichen Schreibmaschine. Die Brailleschrift eignet sich vorzugsweise zur Herstellung einzelner Abschriften von Büchern.
Bücher für Blinde gibt es verhältnismäßig wenige.[21] Ihre Herausgabe erfordert große Kosten, und sie haben einen zu kleinen Abnehmerkreis, als daß das Geschäft für den Verleger gewinnbringend sein könnte. Es gibt jedoch verschiedene Anstalten mit besonderen Fonds zur Herstellung von Büchern in Hochdruck. Fräulein Keller ist glücklicher daran als die meisten anderen Blinden, da ihre Freunde so aufmerksam waren, eigens für sie Bücher herzustellen und sich Herren, wie zum Beispiel Herr E. E. Allen vom Pennsylvania Institute for the Instruction of the Blind bereit fanden, Ausgaben von Büchern, deren sie gerade bedurfte, zu veranstalten.
Fräulein Keller liest in der Regel nicht allzu schnell, sondern eher bedächtig, nicht weil sie die Worte weniger geschwind fühlte, als wir sie sehen, sondern weil sie es sich zur Gewohnheit gemacht hat, alles gründlich und gut zu tun. Wenn sie sich für eine Stelle interessiert oder sich dieselbe zu künftiger Verwendung einprägen will, so buchstabiert sie sich diese mit den Fingern der rechten Hand vor. Mitunter geht dieses Fingerspiel ganz unbewußt von statten. Auch spricht Helen in Geistesabwesenheit oft zu sich selbst mittels des Fingeralphabets. Wenn sie in der Halle oder der Veranda auf- und abgeht, so bewegen sich ihre Hände mit der Geschwindigkeit von Vogelflügeln.
Es gibt, wie mir versichert wird, ebenso ein auf dem Gefühl beruhendes Gedächtnis, wie ein auf dem Gesicht und Gehör beruhendes. Fräulein Sullivan erklärt, daß sowohl sie wie Fräulein Keller sich »in ihren Fingern« daran erinnerten, was sie gesagt haben. Wenn Helen Keller einen Satz in der Fingersprache buchstabiert, so macht dies auf ihren Geist denselben Eindruck, wie wenn wir etwas, das wir oft gehört haben, dadurch unbewußt lernen, daß wir uns den Klang des Gehörten ins Gedächtnis zurückrufen können.