Gleich jedem Tauben oder Blinden besitzt Fräulein Keller einen außerordentlich feinen Geruch. Als sie ein kleines Mädchen war, roch sie alles und erkannte an den verschiedenen Gerüchen, wo sie war, an welchem Hause sie vorüberkam u. s. w. Als ihr Intellekt zunahm, wurde sie weniger abhängig von diesem Sinne. In welchem Umfange sie bis jetzt Dinge an ihrem Geruche wiedererkennt, läßt sich schwer feststellen. Der Geruchssinn ist in Mißkredit gekommen, und ein Tauber spricht nur ungern von ihm. In Fräulein Kellers feinem Geruchssinn mag jedoch zum Teil eine Erklärung für jenes Wiedererkennen von Personen und Dingen zu finden sein, das man sich gewöhnt hat, einem besonderen Sinne zuzuschreiben, oder einer außergewöhnlichen Entwickelung der Fähigkeit, die wir alle zu besitzen scheinen, nämlich der Fähigkeit, anzugeben, wenn sich jemand in unserer Nähe befindet.

Die Frage nach einem besonderen »sechsten Sinne«, wie man ihn Fräulein Keller beigelegt hat, ist eine sehr heikle. Soviel ist sicher, sie kann keinen Sinn haben, den andere nicht auch haben können, und das Vorhandensein eines besonderen Sinnes ist weder ihr selbst noch ihrer Umgebung bekannt. Fräulein Kellers Wesen gibt ganz bestimmt keine Stütze für Geheimlehren und mysteriöse Theorien ab, und jeder Versuch, ihre Eigenart auf diese Weise zu erklären, scheitert an ihrer Normalität. Ihre Natur ist nicht geheimnisvoller und verwickelter als die jedes anderen Menschen. Alles, was sie ist, alles, was sie geleistet hat, läßt sich auf natürliche Weise erklären, bis auf die Züge, die sich in jedem Menschen vorfinden, ohne daß sie jemals erklärt werden können. Sie liefert offenbar keinen Beweis für die Existenz eines Geistes ohne Materie, das Dasein angeborener Ideen oder die Unsterblichkeit oder für sonst etwas, wofür sich nicht in jedem anderen menschlichen Wesen ein Beweis finden ließe. Philosophen haben festzustellen gesucht, welcher Art ihr Begriff von abstrakten Vorstellungen war, ehe sie sprechen lernte. Hatte sie irgendwelchen Begriff von solchen, so läßt sich diese Frage nicht mehr beantworten, denn sie kann sich nicht darauf entsinnen, und natürlich liegen auch keine Aufzeichnungen aus jener Zeit vor. Sie hatte keinen Begriff von Gott, ehe sie das Wort »Gott« gehört hatte, wie ihre eigenen Aussagen deutlich bekunden.[22]

Ihr Zeitsinn ist vortrefflich ausgebildet; ob er sich aber zu einer besonderen Begabung entwickelt haben würde, läßt sich nicht feststellen, denn sie besitzt seit ihrem siebenten Jahre eine Uhr.

Fräulein Keller besitzt zwei Uhren, die ihr zum Geschenk gemacht worden sind. Sie sind, glaube ich, die einzigen ihrer Art in Amerika. Die Uhr hat auf der Rückseite einen flachen goldenen Zeiger, der soweit von links nach rechts gedreht werden kann, bis er, mittels eines Stiftes innen im Gehäuse, an den Stundenzeiger anstößt, und so eine diesem entsprechende Stellung erhält. Die Spitze dieses goldenen Zeigers ragt über den Rand des Gehäuses vor, auf welchem elf erhöhte Punkte angebracht sind, der Griff vertritt die Stelle des zwölften. Diese Uhr — eine gewöhnliche Uhr mit einem gewöhnlichen Ziffernblatt für den Sehenden, — wird durch die beschriebene Vorrichtung zur Blinden-Uhr, mit einem (einzigen) erhöhten Zeiger und erhöhten Stundenziffern. Obgleich der sechzig Minuten entsprechende Zwischenraum zwischen den einzelnen Punkten weniger als einen halben Zoll beträgt, so liest Fräulein Keller die Zeit doch ziemlich genau ab. Man muß übrigens sagen, daß auch eine Uhr mit doppeltem Gehäuse, aber ohne Glas, einem Blinden hinreichende Dienste leistet, wenn dessen Gefühl fein genug ist, um die Stellung der Zeiger zu erkennen, ohne sie zu beschädigen.

Die feineren Züge von Fräulein Kellers Charakter sind so allgemein bekannt, daß man nicht viel Worte über sie zu verlieren braucht. Gesunder Menschenverstand, guter Humor und Phantasie machen ihre Auffassung der Dinge zu einer gesunden und schönheitserfüllten. Niemals ist von ihrer Umgebung ein Versuch gemacht worden, sie vor Illusionen zu bewahren oder ihr diese zu rauben. Als sie noch ein kleines Mädchen war, wurde eine ganze Menge unverständiger und taktloser Dinge, die über sie gesprochen worden waren, dank der weisen Wachsamkeit Fräulein Sullivans vor ihr nicht wiederholt. Jetzt, wo sie erwachsen ist, denkt niemand daran, weniger offen mit ihr zu sprechen, als mit jeder anderen intelligenten jungen Dame.

Ich glaube, sie ist das reinste menschliche Wesen, das je existiert hat... Die Welt ist für sie das, was ihr eigenes Bewußtsein ist. Sie hat nicht einmal gelernt, »moralische Entrüstung« zu zeigen, worauf viele so stolz sind.

Als vor einiger Zeit ein Polizist ihren Hund totschoß, den sie zärtlich liebte und der ihr täglicher Begleiter war, fand sie in ihrem verzeihenden Herzen keine Verurteilung für diesen Mann; sie sagte nur: „Wenn er nur gewußt hätte, was für ein guter Hund es war, so würde er ihn gewiß nicht erschossen haben. — Vor langer Zeit wurde uns gesagt: ‚Vater vergib ihnen, denn die wissen nicht, was sie tun!‘“ —

Natürlich wird die Frage aufgeworfen werden, ob Helen Keller das sein würde, was sie heutzutage ist, wenn sie nicht vor jeder Berührung mit dem Schlechten behütet worden wäre. ... Ihre Seele ist weder durch verweichlichende und schmutzige Lektüre entnervt noch durch den leisesten Hauch von Gemeinheit befleckt worden. Infolgedessen ist ihr Geist nicht nur kräftig, sondern auch rein. Sie liebt edle Handlungen, edle Gedanken und den Charakter edler Männer und Frauen.

Sie zeigt noch jetzt eine kindliche Abneigung gegen Tragödien. Ihre Phantasie ist so rege, daß sie vollständig unter dem Einfluß einer Erzählung steht und in deren Welt lebt. Fräulein Sullivan schrieb 1891 in einem Briefe: