Gestern las ich ihr die Geschichte von Macbeth vor, wie sie von Charles und Mary Lamb erzählt wird. Sie geriet in heftige Erregung und sagte: Das ist ja schrecklich. Ich fürchte mich davor. — Nachdem sie eine Weile nachgedacht hatte, fuhr sie fort: Ich glaube, Shakespeare hat dies deshalb so schrecklich dargestellt, damit man sehen soll, wie furchtbar es ist, unrecht zu tun. —

Von der realen Welt weiß sie mehr Gutes und weniger Schlechtes, als die meisten Menschen zu wissen glauben. Ihre Lehrerin behelligte sie nicht mit den kleinen Miseren des Lebens; aber von den bedeutenden Schwierigkeiten, die sich ihnen in den Weg stellten, wurde Fräulein Keller völlig in Kenntnis gesetzt, nahm teil an den Sorgen und dachte über die Lösung der Probleme nach. Sie ist logisch und duldsam, voller Vertrauen zu einer Welt, von der sie stets mit Güte behandelt worden ist.

Als sie einmal aufgefordert wurde, den Begriff »Liebe« zu definieren, antwortete sie: Mein Gott, das ist doch leicht; es ist das, was jeder gegen jeden anderen empfindet. —

Duldsamkeit, — sagte sie einmal, als sie ihre Freundin Frau Laurence Hutton besuchte, ist die größte Geistesgabe; sie erfordert dieselbe Anstrengung des Denkens, die in körperlicher Hinsicht nötig ist, wenn man sich auf einem Zweirade im Gleichgewicht erhalten will. —

Sie besitzt eine umfassende, hochherzige Sympathie für alles und ein durch und durch ehrliches Wesen. Insofern sie sich offenkundig von anderen unterscheidet, ist sie auch weniger durch das Herkommen gebunden. Sie hat den Mut ihrer kühnen Metaphern und läßt sich von diesen himmelwärts erheben, während wir armen selbstbewußten Menschen sie für zu hoch halten, als daß wir sie in unsrer täglichen Unterhaltung anwenden könnten. Sie sagt stets genau das, was sie denkt, ohne Furcht vor der nackten Wahrheit, und dabei ist niemand taktvoller und gewandter im Umschreiben einer unangenehmen Wahrheit, um die Gefühle anderer so wenig wie möglich zu verletzen. Aber all die Aufmerksamkeit, die ihr seit ihrer Kindheit zu teil geworden ist, hat nicht vermocht, sie eitel auf sich selbst zu machen. Bisweilen nimmt sie einen geradezu salbungsvollen Ton an. Dann nennt ihre Lehrerin sie ihre kleine, unverbesserliche Sonntagsnachmittagspredigerin, und sie lacht dann über sich selbst. Oft jedoch sind ihre nüchternen Gedanken durchaus nicht lächerlich, denn ihr ernster Eifer reißt alle Hörer mit sich fort. Niemals ist die leiseste Spur einer falschen Sentimentalität in ihren Worten zu entdecken. Sie ist von allem, was sie sagt, so durchdrungen, daß selbst ihre Citate, die Wiederholungen dessen, was sie gelesen hat, den Eindruck eigener selbständiger Gedanken hervorrufen.

Ihre Logik und ihr warmes Empfinden halten sich stets ausgezeichnet die Wage. Ihr Empfinden ist von rascher und hilfsbereiter Art, wie sie es glücklicherweise so oft bei anderen angetroffen hat. Aber ihre Sympathien gehen weiter und beeinflussen ihr Urteil über politische und nationale Bewegungen. Sie war eine begeisterte Burenfreundin und schrieb einen geharnischten Artikel zugunsten der Unabhängigkeit der Buren. Als ihr die Waffenstreckung des tapferen kleinen Volkes mitgeteilt wurde, umwölkte sich ihr Antlitz, und sie verstummte für einige Minuten. Dann stellte sie klare, eindringliche Fragen nach den Bedingungen der Kapitulation und begann die letzteren zu erörtern.

Sowohl Herr Gilman wie Herr Keith, ihre beiden Lehrer, die sie für die Universität vorbereiteten, waren erstaunt über die Stärke des konstruktiven Denkens, die sie bei ihr wahrnahmen; ihre Leistungen in der reinen Mathematik waren ganz vorzüglich, obgleich sie niemals eine besondere Vorliebe für diese Wissenschaft gehabt zu haben scheint. Zu dem besten, was sie geschrieben hat, gehören, abgesehen von ihren phantasievollen dichterischen Ergüssen, ihre Examensarbeiten und ihre Abhandlungen über technische Fragen sowie einige Briefe, die sie zur Aufklärung von Mißverständnissen schreiben zu müssen glaubte und die Muster folgerichtigen Denkens und bestrickender Beredsamkeit sind. Sie ist Optimistin und Idealistin.

Ich hoffe, heißt es in einem ihrer Briefe, daß L. nicht allzu praktisch ist, denn in diesem Falle würde sie, fürchte ich, auf einen großen Teil des Lebensgenusses verzichten müssen. —

In das Tagebuch, das sie während ihres Aufenthaltes in der Wright-Humason-Schule in New York führte, trug sie unter dem 18. Oktober 1894 ein: Ich finde, daß ich während meines Schullebens hier und überhaupt im Leben viererlei zu lernen habe: klar zu denken ohne Uebereilung und Verwirrung, jedermann aufrichtig zu lieben, in allem mich von den höchsten Motiven leiten zu lassen und unverrückt auf den lieben Gott zu bauen. —