[21] Die Blindenanstalt in Steglitz bei Berlin besitzt eine Bibliothek von gegen 6000 Bänden in Blindenschrift, (die Bibel allein umfaßt 71 Bände!) die in Dresden eine solche von über 3000 Bänden. Wie reichhaltig diese Literatur ist, möge ein Blick auf das nachfolgende Autorenverzeichnis lehren, das noch dazu nicht einmal vollständig ist: E. M. Arndt Auerbach, Bauernfeld, Baumbach, Beecher-Stowe, Brentano, W. Busch, Chamisso, Dahn, Ebers, Ebner-Eschenbach, Eckstein, Eichendorff, Eschstruth, Fouqué, Freytag, Frommel, Ganghofer, Geibel, Gerok, Goethe, Grillparzer, Grimm, Gutzkow, Hammer, Hauptmann, Hebel, Herder, Heyse, Hillern, Franz Hoffmann, Horn, Ibsen, Jensen, Immermann, G. Keller, Kinkel, Kleist, Kögel, Körner, Kügelgen, Lavater, Lessing, Loti, Ludwig, Luther, Masius, C. F. Meyer, Moltke, Nathusius, Nieritz, Polko, Putlitz, Reinick, Reuter, Riehl, Rogge, Roquette, Rosegger, Rückert, Scheffel, Schiller, Schmid, Seidel, Shakespeare, Sophokles, Spitta, Spyri, Stifter, Stinde, Storm, Sturm, Sudermann, Tegnér, Tolstoi, Uhland, Vollmar, Walter v. d. Vogelweide, A. Weber, Wildenbruch, Wildermuth, I. Wolf. Auch das Nibelungenlied ist vertreten; in größerer Auswahl sind Lehr- und Erbauungsbücher vorhanden.

Anm. d. Uebers.

[22] Vergl. [S. 291 ff.] und [295 ff.]

Helen Kellers Bildungsgang.

Dr. Howe und Laura Bridgman. — Helen Keller kein Objekt für psychologische Beobachtungen. — Unwahre und übertriebene Berichte über ihre Fortschritte. — Fräulein Sullivans Persönlichkeit. — Helens Entwickelung nach Fräulein Sullivans Berichten. — Psychologische und pädagogische Betrachtungen über Fräulein Sullivans Methode.

Es sind jetzt fünfundsiebzig Jahre verflossen, seit Dr. Samuel Gridley Howe erkannte, daß es ihm gelungen sei, sich durch Laura Bridgmans Finger einen Zugang zu ihrem Geiste zu eröffnen. Die Namen Laura Bridgman und Helen Keller werden stets zusammen genannt werden, und man muß zuvörderst einen Einblick in das gewinnen, was Dr. Howe für seinen Zögling getan hat, ehe man an eine Darstellung von Fräulein Sullivans Tätigkeit gehen kann. Denn Dr. Howe ist der große Pionier, auf dessen Wirken die Leistungen Fräulein Sullivans und anderer Lehrer von blinden Taubstummen unmittelbar beruhen.

Dr. Samuel Gridley Howe war am 10. November 1801 in Boston geboren und starb ebendaselbst am 9. Januar 1876. Er war ein großer Philanthrop, der sich namentlich für die Erziehung aller mangelhaft Beanlagten, der Schwachsinnigen, der Blinden und der Taubstummen interessierte. Weit seiner Zeit voraus, befürwortete er mancherlei öffentliche Vorkehrungen zum Besten der Armen und Kranken, wegen deren er damals verlacht wurde, die aber seitdem praktisch durchgeführt sind. Als Leiter der Perkinsschen Blindenanstalt in Boston hörte er von Laura Bridgman und brachte sie am 4. Oktober 1837 nach der Anstalt.

Laura Bridgman war am 21. Dezember 1829 zu Hanover in New Hampshire geboren; sie war also beinahe acht Jahre alt, als Dr. Howe seine Versuche mit ihr begann. Im Alter von sechsundzwanzig Monaten hatte sie ein Scharlachfieber überstanden, durch diese Krankheit aber Gesicht und Gehör und außerdem den Geruch- und Geschmackssinn verloren. Dr. Howe war ein Experimentalforscher, erfüllt von dem Geiste des Transcendentalismus von Neuengland, dessen Hauptmerkmale starker Glaube und großartige Liebeswerke sind. Wissenschaft und Glaube im Verein veranlaßten ihn, zu versuchen, ob er sich nicht einen Weg in die Seele bahnen könnte, mit der seiner Auffassung nach Laura Bridgman ebenso geboren worden sei wie jedes andere menschliche Wesen. Sein Plan ging dahin, Laura mit Hilfe von erhaben geprägten Buchstaben zu unterrichten. Er klebte aus solchen Buchstaben bestehende Wörter an Gegenstände und ließ sie dieselben mit den Gegenständen und die Gegenstände mit den Wörtern vergleichen. Nachdem sie auf diese Weise gelernt hatte, erhaben geprägte Wörter mit Gegenständen zusammenzubringen, wie er sagt, fast in derselben Weise, wie ein Hund Kunststücke lernt, begann er die Wörter in ihre lautlichen Bestandteile aufzulösen und Laura zu lehren, k–e–y, c–a–p zusammenzusetzen. Sein Erfolg überzeugte ihn davon, daß sich die Sprache durch Vermittelung des Gefühles dem Geiste des blinden und taubstummen Kindes beibringen läßt, das sich vor dem Beginn des Unterrichts in der Lage des kleinen Kindes befindet, das noch nicht sprechen kann; ja, ersteres befindet sich sogar in einer viel ungünstigeren Lage, denn das Gehirn hat sich jahrelang ohne seine natürliche Nahrung entwickelt.

Nachdem Lauras Unterricht zwei Monate hindurch nur unter Benutzung erhaben geprägter Buchstaben fortgesetzt worden war, sandte Dr. Howe eine der Lehrerinnen der Anstalt fort, um von einem Taubstummen das Fingeralphabet zu erlernen. Nach ihrer Rückkehr unterrichtete sie Laura darin, und seit dieser Zeit wurde das Fingeralphabet als Verständigungsmittel im Verkehr mit ihr benutzt.

Nach ein bis zwei Jahren unterrichtete Dr. Howe Laura Bridgman nicht mehr selbst, sondern vertraute sie anderen Lehrern an, die sich unter seiner Leitung an die Aufgabe machten, ihr das Sprechen beizubringen.