Man kann gar nicht genug zum Lobe von Dr. Howes Unternehmen sagen. Als Forscher hatte er stets in erster Reihe wissenschaftliche Gesichtspunkte im Auge. Er vergaß niemals, seine Beobachtungen an Laura Bridgman in der Art jemandes niederzulegen, der in einem Laboratorium arbeitet. Die Folge davon ist, daß seine Berichte systematisch und sorgfältig abgefaßt sind.[23] Vom wissenschaftlichen Standpunkte aus ist es zu bedauern, daß es unmöglich war, eine so umfassende Darlegung von Helen Kellers Entwicklungsgang zu erhalten. Dieser Umstand an sich ist ein sprechender Beleg für den großen Unterschied zwischen Laura Bridgman und Helen Keller. Laura blieb stets ein Objekt für wissenschaftliche Forschung. Helen Keller machte so rasche Fortschritte, daß ihre Lehrerin Mühe hatte, den geistigen Bedürfnissen ihres Zöglings zu genügen, und weder Zeit noch Gelegenheit fand, wissenschaftliche Beobachtungen anzustellen.
Fräulein Sullivan erkannte gleich von Anfang an, daß der Unterricht Helen Kellers interessanter und von größerem Erfolg begleitet sein würde als der Laura Bridgmans, und erklärte in einem ihrer Briefe, es sei durchaus notwendig, Aufzeichnungen über den Entwickelungsgang ihrer Schülerin zu machen. Aber weder ihr Temperament noch ihre Vorbildung gestatteten ihr, ihren Zögling zum Gegenstand von Experimenten oder Beobachtungen zu machen, die für die Entwickelung des Kindes keinen praktischen Wert besaßen. Sobald etwas erledigt, ein bestimmtes Ziel erreicht war, blickte die Lehrerin nicht mehr zurück, um den Weg, den sie gegangen war, zu beschreiben. Die Erklärung der Tatsache war unwesentlich im Vergleich zu der Tatsache selbst und der Notwendigkeit, weiterzueilen. Es liegen auch noch zwei weitere Gründe für die Unvollständigkeit von Fräulein Sullivans Aufzeichnungen vor. Erstens war in ihren Augen das Schreiben stets eine schwere Aufgabe, und dann wurde sie auch schon bald durch die Willkür, mit der man ihre ersten Angaben benutzt hatte, von weiteren Veröffentlichungen abgeschreckt.
Als sie zum ersten Male aus Tuscumbia an Herrn Michael Anagnos, Dr. Howes Schwiegersohn und Nachfolger in der Leitung der Perkinsschen Anstalt, über ihre erzieherische Tätigkeit geschrieben hatte, begannen die Bostoner Zeitungen sofort, übertriebene Berichte über Helen Keller zu veröffentlichen. Fräulein Sullivan protestierte dagegen. In einem Briefe vom 10. April 1887, kaum fünf Wochen nach dem Beginn des Unterrichts, schrieb sie an eine Freundin:
... schickte mir eine Nummer des Boston Herald, die einen törichten Artikel über Helen enthält. Wie völlig albern ist es, zu sagen, daß Helen „schon fließend spricht“! Nun, ebensogut könnte jemand sagen, daß sich ein zweijähriges Kind fließend unterhält, wenn es sagt: Apple give oder Baby walk go. Ich glaube allerdings, daß wenn Sie ein Kreischen, Krähen, Wimmern, Lallen und Schreien nebst gelegentlichen Schluckanfällen mit zur Unterhaltung rechnen, die als fließend, ja sogar als beredt gelten könnte. Dann macht es mir auch Spaß, von den sorgfältigen Vorbereitungen zu lesen, denen ich mich unterzogen hätte, um mich für die große Aufgabe fähig zu machen, die meine Freunde mir anvertraut hätten. Ich bedaure nur, daß diese Vorbereitungen sich nicht auch auf den Gebrauch des Fingeralphabets erstreckten; ich würde mir dann eine Menge Mühe erspart haben. —
Am 4. März 1888 schreibt sie in einem Briefe:
Ich bin in der Tat herzlich froh, daß ich nicht alles kenne, was über Helen und mich selbst gesprochen und geschrieben wird. Ich versichere Sie, ich erfahre genug und übergenug. Fast jede Post bringt irgend eine alberne — geschriebene oder gedruckte — Auslassung. Die Wahrheit ist nicht sensationell genug, um die Zeitungen zufriedenzustellen; daher übertreiben sie und bringen lächerliche Ausschmückungen an. Eine Zeitung behauptet, Helen löse geometrische Aufgaben mit Hilfe ihres Baukastens. Ich erwarte, demnächst zu hören, daß sie eine Abhandlung über die Entstehung und die Zukunft der Planeten geschrieben hat! —
Im Dezember 1887 erschien der erste Bericht des Direktors des Perkinsschen Institutes, der sich mit Helen Keller beschäftigt. Für diesen Bericht verfaßte Fräulein Sullivan, einer Bitte Herrn Anagnos’ widerwillig nachgebend, eine Schilderung ihrer Tätigkeit. Diese ist neben den ebenfalls in dem Bericht veröffentlichten Auszügen aus ihren Briefen die erste zuverlässige Quelle über Helen Keller. Ueber diesen Bericht schrieb Fräulein Sullivan in einem Buche vom 30. Oktober 1887:
Haben Sie schon den Aufsatz gelesen, den ich für den »Bericht« geliefert habe? Herr Anagnos war ganz entzückt von ihm. Er meint, Helens Fortschritte seien „gleich von Anfang an ein Siegeszug“ gewesen und weiß über ihre Lehrerin viel Schmeichelhaftes zu sagen. Ich glaube, er neigt zu Uebertreibungen; jedenfalls ist seine Sprache zu begeistert, und ganz einfache Tatsachen werden in einer Weise vorgebracht, daß sie den Leser allerdings in Erstaunen setzen müssen. Ohne Zweifel erscheint ihm die Tätigkeit der letzten paar Monate im Lichte eines Siegeszuges, aber man beachtet dabei selten, wie langsam und mühevoll die Schritte sind, mittels deren man auch den unbedeutendsten Erfolg erreichen muß. —
Da Anagnos der Leiter des großen Instituts war, so hatten seine Aeußerungen mehr Gewicht als die von Fräulein Sullivan erwähnten Tatsachen, auf die sich seine Behauptungen stützten. Die Zeitungen wurden von Anagnos’ Ton angesteckt und übertrieben maßlos. Nach Ablauf des ersten Jahres ihrer Erziehungstätigkeit sah Fräulein Sullivan sich und ihre Schülerin als den Mittelpunkt einer erstaunlichen Legendenbildung. Die Erzieher der ganzen Welt wollten ihre Meinung sagen, trugen aber größtenteils nichts zur Klärung der Sachlage bei. Es erhoben sich eine Menge Streitfragen, die jetzt sehr belustigend zu betrachten sind. Taubstummenlehrer bewiesen a priori, daß das, was Fräulein Sullivan geleistet hatte, unmöglich sei, und ihren Angaben wurde mit Mißtrauen begegnet, weil sie von Anagnos’ phrasenhafter Beredsamkeit umkleidet waren. So hatte Helen Kellers Geschichte, die schon bei nüchternem Vortrage unglaublich war, das Mißgeschick, in übertriebenen Schilderungen in die Welt posaunt zu werden und begegnete natürlich entweder unverständiger Leichtgläubigkeit oder ungläubiger Feindseligkeit.
Im November 1888 erschien ein anderer Bericht des Perkinsschen Instituts mit einem zweiten Beitrage von Fräulein Sullivan, und dann wurde jahrelang nichts Offizielles mehr veröffentlicht, bis Anagnos im November 1891 seinen letzten Bericht erstattete, der Mitteilungen über Helen Keller enthielt. Für diesen Bericht verfaßte Fräulein Sullivan die ausführlichste und umfangreichste Abhandlung, die sie je geschrieben hat, und hier erschien auch der »Frostkönig«, von dem in einem späteren Kapitel ausführlich die Rede sein wird (s. [S. 323 ff.][24]). Jetzt entbrannte der Kampf heftiger als je.