Da Fräulein Sullivan fand, daß andere Leute viel mehr von Helen Keller zu wissen schienen, als sie selbst, so schwieg sie und hat zehn Jahre lang geschwiegen, abgesehen von ihrem Beitrage für das erste »Volta Bureau Souvenir of Helen Keller« und die Abhandlung, die sie auf Wunsch Dr. Bells im Jahre 1894 für die in Chautauqua abgehaltene Versammlung der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen verfaßte. Als Dr. Bell und andere ihr erklärten, was von einem unpersönlichen Standpunkte aus unzweifelhaft richtig ist, daß sie es der Sache der Erziehung schuldig sei, niederzuschreiben, was sie wisse, antwortete sie sehr treffend, sie schulde ihre ganze Zeit und ihre ganze Kraft ihrem Zöglinge.
Obgleich Fräulein Sullivan sich mehr darüber amüsiert als ärgert, wenn jemand, und wäre es selbst einer ihrer näheren Bekannten, in einem Artikel Irrtümliches über sie und Fräulein Keller berichtet, so sieht sie doch ein, daß Helens Buch alle Auskünfte enthalten muß, die die Lehrerin zur Zeit erteilen kann, und erteilte daher ihre Zustimmung zur Veröffentlichung von Auszügen aus Briefen, die sie während des ersten Jahres ihrer Erziehungstätigkeit geschrieben hatte. Diese Briefe waren an Frau Sophia C. Hopkins gerichtet, die einzige Freundin, an die Fräulein Sullivan stets schrieb, wie es ihr ums Herz war. Frau Hopkins war zwanzig Jahre lang Pflegerin im Perkinsschen Institute gewesen und vertrat während der ganzen Zeit, in der Fräulein Sullivan Schülerin der Anstalt war, Mutterstelle an dem Mädchen. In diesen Briefen haben wir einen beinahe allwöchentlichen Bericht über Fräulein Sullivans Tätigkeit. Manche Einzelheiten hat sie übergangen, da sie sich immer mehr daran gewöhnte, hauptsächlich die allgemeinen Gesichtspunkte zu betonen. Viele sind der Ansicht gewesen, daß jeder Versuch, Prinzipien in ihrer Methode zu finden, weiter nichts sei als eine spätere Theorie, die man Fräulein Sullivans Tätigkeit unterschoben habe. Aber aus diesen Briefen geht hervor, daß sie sich über ihr Tun und Lassen klare Rechenschaft abgelegt hat. Sie war ihre eigene Kritikerin, und trotz ihrer späteren Erklärung, die sie in ihrer bescheidenen Zurückhaltung abgegeben hat, daß sie keine bestimmte Methode befolgt habe, erkannte sie doch im Verfolg ihrer Aufgabe mit der höchsten Klarheit gewisse Erziehungsprinzipien, die nicht allein für den Unterricht der taubstummen, sondern aller Kinder überhaupt von hervorragendem Werte waren. Die Auszüge aus ihren Briefen und Berichten bilden einen wichtigen Beitrag zur Pädagogik und rechtfertigen vollauf das Urteil Dr. Daniel C. Gilmans, der ihr 1893, als er Rektor der John Hopkins-Universität war, schrieb:
Ich habe soeben... Ihren höchst interessanten Bericht über die verschiedenen Wege gelesen, die Sie bei der Erziehung Ihrer wunderbaren Schülerin eingeschlagen haben, und ich hoffe, Sie werden mir gestatten, daß ich Ihnen meine Bewunderung für die Weisheit ausdrücke, die Ihre Schritte geleitet hat und ebenso für die Liebe, von der Ihr ganzes Wirken erfüllt ist.
Fräulein Anne Mansfield Sullivan war in Springfield in Massachusetts geboren. In früher Jugend erblindete sie fast gänzlich und wurde am 7. Oktober 1880 im Alter von vierzehn Jahren in das Perkinssche Institut aufgenommen. Später erhielt sie ihr Gesicht teilweise wieder.
Anagnos sagt in seinem Berichte vom Jahre 1887: Sie mußte auf der niedrigsten und elementarsten Stufe beginnen, zeigte aber sofort beim ersten Anlauf, daß sie die Kraft und Fähigkeit in sich hatte, die den Erfolg verbürgen... Sie hat schließlich das Ziel erreicht, nach dem sie so unermüdlich strebte. Die goldenen Worte, die Dr. Howe aussprach, und das Beispiel, das er gab, gingen ihr in Fleisch und Blut über und unterstützten sie auf ihrer segensvollen Laufbahn, und jetzt steht sie ihm als seine würdige Nachfolgerin in einer der geachtetsten Abteilungen seines Unternehmens zur Seite... Fräulein Sullivan besitzt die höchste Begabung.
Im Jahre 1886 legte sie ihr Lehrerinnenexamen am Perkinsschen Institut ab. Als sich Hauptmann Keller mit der Bitte um eine Lehrerin an den Direktor wandte, empfahl dieser Fräulein Sullivan. Die einzige Frist, die ihr zur Vorbereitung für ihre schwere Aufgabe blieb, dauerte vom August 1886, in dem Hauptmann Keller geschrieben hatte, bis zum Februar 1887. Während dieser Zeit las sie Dr. Howes Berichte. Ferner wurde sie durch den Umstand unterstützt, daß sie während der sechs Jahre ihres Schullebens mit Laura Bridgman in einem Hause gewohnt hatte. Erst durch Dr. Howes Wirken an Laura Bridgman wurden Fräulein Sullivans Erfolge möglich; aber sie war es, die die Mittel und Wege entdeckte, den blinden Taubstummen die Sprache beizubringen.
Man darf nicht vergessen, daß Fräulein Sullivan ihre Aufgabe zu lösen hatte ganz ohne vorausgegangene Erfahrung und ohne die Unterstützung eines anderen Lehrers. Während des ersten Jahres ihrer Tätigkeit, in der sie ihre Schülerin sprechen lehrte, blieben beide in Tuscumbia, und als sie nach dem Norden kamen und das Perkinssche Institut besuchten, wurde Helen Keller hier nicht regelrecht als Schülerin aufgenommen und unterstand auch nicht den Anstaltsgesetzen. Die Annahme, Fräulein Sullivan habe Helen Keller „unter der Leitung des Herrn Anagnos“ erzogen, ist falsch. In den drei Jahren, während deren Fräulein Keller und Fräulein Sullivan zu verschiedenenmalen Gäste des Perkinsschen Institutes waren, erhielt Fräulein Sullivan von den Lehrern der Anstalt keine Unterstützung, ja der Direktor Anagnos konnte sich nicht einmal des Fingeralphabets mit Geläufigkeit bedienen. Der letztere schrieb in dem Bericht des Perkinsschen Instituts vom 27. November 1888: Auf mein dringendes Ersuchen kam Helen in Begleitung ihrer Mutter und ihrer Lehrerin in der letzten Maiwoche nach dem Norden, und alle drei blieben mehrere Monate als unsere Gäste bei uns... Wir gestatteten Helen mit Freuden die Benutzung unserer Bibliothek von Hochdruckbüchern, unserer Sammlung von ausgestopften Tieren, Muscheln, Modellen von Blumen und Pflanzen und unserer sonstigen Apparate zur Unterweisung der Blinden durch den Gefühlssinn. Ich zweifle nicht, daß sie viel Vergnügen daran gefunden und großen Nutzen davon gehabt hat. Mag aber Helen zu Hause bleiben oder andere Teile des Landes besuchen, ihre Erziehung steht stets unter der unmittelbaren Leitung und der ausschließlichen Kontrolle ihrer Lehrerin. Niemand hat Einfluß auf Fräulein Sullivans Unterrichtsplan oder nimmt an ihrer Aufgabe teil. Sie genießt völlige Freiheit in der Wahl ihrer Mittel und Methoden zur Vollendung ihres großen Werkes, und soviel wir aus ihren Erfolgen entnehmen können, macht sie einen höchst umsichtigen und taktvollen Gebrauch von diesem Vorrechte. Was ihre kleine Schülerin auf diesem Wege geleistet hat, ist weithin bekannt, und ihre erstaunliche Begabung erregt allgemeine Bewunderung; aber nur diejenigen, die mit den Einzelheiten des großen Unternehmens vertraut sind, wissen, daß der Erfolg zum großen Teile der Intelligenz, der Klugheit, dem Scharfblicke, der unermüdlichen Ausdauer und dem unbeugsamen Willen ihrer Erzieherin zu verdanken ist, die das Kind aus der Tiefe der immerwährenden Nacht und des ewigen Schweigens gerettet hat und über den einzelnen Phasen seiner geistigen und sittlichen Entwickelung mit mütterlicher Sorgfalt und begeisterter Hingebung wacht.
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Im folgenden sollen nun Fräulein Sullivans Briefe und die wichtigsten Stellen aus ihren Berichten in chronologischer Reihenfolge wiedergegeben werden. Der erste Brief ist vom 6. März 1887 datiert, drei Tage nach ihrer Ankunft in Tuscumbia.
... Es war halb sieben Uhr, als ich in Tuscumbia ankam. Frau Keller und Herr James Keller warteten auf mich. Die Fahrt nach dem Landhause, das ungefähr eine Meile von der Station entfernt lag, war sehr angenehm. Ich war überrascht, in Frau Keller eine Frau von sehr jugendlichem Aussehen, nicht viel älter als ich selbst, möchte ich glauben, anzutreffen. Hauptmann Keller kam uns auf dem Hofe entgegen und bot mir ein fröhliches Willkommen und einen herzlichen Händedruck. Meine erste Frage war: „Wo ist Helen?“ Ich versuchte mit aller Kraft meine Aufregung zu unterdrücken, denn ich zitterte so stark, daß ich mich kaum auf den Füßen halten konnte. Als wir uns dem Hause näherten, sah ich ein Kind an der Tür stehen, und Hauptmann Keller sagte: „Dort ist sie. Sie hat den ganzen Tag gewußt, daß wir jemand erwarteten, und sie ist ganz ungebärdig geworden, seit ihre Mutter nach dem Bahnhof ging, um Sie abzuholen.“ — Kaum hatte ich meinen Fuß auf die Treppenstufen gesetzt, als sie mit solcher Gewalt auf mich zustürzte, daß ich zu Boden gestürzt wäre, hätte Hauptmann Keller nicht hinter mir gestanden. Sie befühlte mir Gesicht und Kleid, und ebenso meine Reisetasche, die sie mir aus der Hand nahm und zu öffnen versuchte. Sie ging nicht gleich auf, und Helen fühlte sorgfältig nach dem Schlüsselloch. Als sie es gefunden hatte, wandte sie sich zu mir und bewegte die Hand, als drehe sie einen Schlüssel herum, indem sie auf die Tasche deutete. In diesem Augenblick kam ihre Mutter herbei und machte Helen durch Zeichen klar, daß sie den Koffer nicht berühren dürfe. Sie wurde rot, und als ihre Mutter versuchte, ihr den Koffer aus der Hand zu nehmen, geriet sie in heftigen Zorn. Ich lenkte ihre Aufmerksamkeit ab, indem ich ihr meine Uhr zeigte und sie ihr in die Hand gab. Sofort legte sich der Sturm, und wir gingen zusammen die Treppe hinauf. Hier öffnete ich die Tasche und sie durchsuchte dieselbe sofort eifrig, wahrscheinlich in der Erwartung, etwas zum Essen zu finden. Bekannte hatten ihr vermutlich Zuckerwerk in ihren Koffern mitgebracht, und sie erwartete, solches auch in dem meinigen zu finden. Ich deutete auf eine Truhe, die im Hausflur stand, dann auf mich und nickte mit dem Kopfe, um ihr verständlich zu machen, daß ich eine Truhe hätte; dann machte ich das Zeichen, das sie für essen gebraucht hatte, und nickte wieder. Sie verstand mich sofort und rannte die Treppe hinunter zu ihrer Mutter, um ihr durch ausdrucksvolle Zeichen zu verstehen zu geben, daß sich Zuckerzeug für sie in einer Truhe befände. Sie kehrte nach wenigen Minuten zurück und half mir meine Sachen wegräumen. Es war zu komisch zu sehen, wie sie sich meinen Hut aufsetzte, ihren Kopf kokett erst nach der einen, dann nach der anderen Seite drehte und in den Spiegel blickte, genau als ob sie sehen könnte. Ich hatte einigermaßen erwartet, ein blasses, zartes Kind vor mir zu sehen — ich glaube, ich entnahm diese Vorstellung Dr. Howes Schilderung von Laura Bridgman bei ihrer Aufnahme in das Institut. Aber Helen zeigte keine Spur von Blässe oder Zartheit. Sie ist groß, stark, von blühender Gesichtsfarbe und in ihren Bewegungen so ungezügelt wie ein junges Füllen. Sie hat keine jener nervösen Gewohnheiten, die bei blinden Kindern so deutlich erkennbar sind und einen so traurigen Eindruck hinterlassen. Ihr Körper ist wohlgebildet und kräftig, und Frau Keller erzählt mir, sie sei seit ihrer Krankheit, die sie des Gesichts und Gehörs beraubt habe, auch nicht einen einzigen Tag unpäßlich gewesen. Sie hat einen schöngeformten Kopf, der ganz gerade auf ihren Schultern sitzt. Ihr Gesicht ist schwer zu beschreiben. Es ist intelligent, entbehrt aber der Beweglichkeit, der Seele, oder wie man sich sonst ausdrücken will. Ihr Mund ist groß und fein geschnitten. Man bemerkt auf den ersten Blick, daß sie blind ist. Ein Auge ist größer als das andere und steht auffallend vor. Sie lächelt selten; in der Tat habe ich sie seit meiner Ankunft erst ein- oder zweimal lächeln sehen. Sie zeigt kein anschmiegendes Wesen und sträubt sich sogar gegen Liebkosungen, ausgenommen ihrer Mutter gegenüber. Sie ist von sehr raschem Temperament und höchst eigenwillig, und niemand außer ihrem Bruder James hat den Versuch gemacht, sie zu zügeln. Die schwerste Aufgabe, die ich vor mir habe, besteht darin, sie zu zügeln und in Zucht zu halten, ohne ihren Geist zu brechen. Ich will zuerst langsam vorgehen, und ihre Liebe zu gewinnen suchen. Ich werde keinen Versuch machen, sie nur durch Kraft zu besiegen, aber gleich von Anfang an auf einem vernünftigen Gehorsam bestehen. Ein Umstand, der jedermann auffällt, ist Helens unermüdlicher Tätigkeitstrieb. Sie steht keinen Augenblick still. Sie ist bald hier, bald dort, kurz überall. Ihre Hände sind mit allem beschäftigt, aber nichts vermag ihre Aufmerksamkeit längere Zeit zu fesseln. Ein liebes Kind, dessen rastloser Geist im Dunkeln umhertappt. Ihre ungeschickten, unbefriedigten Hände zerstören alles, was sie berühren, weil sie nicht wissen, was sie sonst mit den Gegenständen anfangen sollen.