Sie half mir meine Truhe auspacken, als diese ankam, und war entzückt, als sie die Puppe fand, die die kleinen Mädchen ihr schickten. Ich hielt dies für eine gute Gelegenheit, sie das erste Wort zu lehren. Ich buchstabierte langsam d–o–l–l in ihre Hand, deutete auf die Puppe und nickte mit dem Kopfe, was ihr Zeichen dafür zu sein scheint, daß ihr etwas gehöre. Wenn jemand ihr etwas gibt, so deutet sie zuerst auf den Gegenstand, dann auf sich und nickt mit dem Kopfe. Sie machte ein ganz verwundertes Gesicht und befühlte meine Hand und ich wiederholte ihr nun die Buchstaben. Sie ahmte sie vortrefflich nach und deutete auf die Puppe. Dann nahm ich die Puppe, in der Absicht, sie ihr zurückzugeben, wenn sie die Buchstaben gemacht hätte; sie glaubte aber, ich wolle sie ihr wegnehmen, geriet augenblicklich in Aufregung und versuchte die Puppe an sich zu reißen. Ich schüttelte den Kopf und versuchte die Buchstaben mit Hilfe ihrer Finger zu bilden; aber sie wurde immer ungebärdiger. Ich zwang sie auf einen Stuhl und hielt sie dort fest, bis ich ganz erschöpft war. Dann fiel es mir ein, es sei nutzlos, den Kampf fortzusetzen — ich mußte etwas tun, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Ich ließ sie los, verweigerte ihr aber die Puppe. Ich ging die Treppe hinunter und holte einen Cake (sie ist eine große Freundin von Süßigkeiten). Ich zeigte ihn ihr und buchstabierte ihr c–a–k–e in die Hand, wobei ich ihr den Cake entgegenhielt. Natürlich bekam sie Lust auf ihn und wollte ihn an sich nehmen; ich buchstabierte jedoch das Wort zum zweiten Male und tätschelte ihr die Hand. Sie machte rasch die Buchstaben, und ich gab ihr den Kuchen, den sie eiligst aufaß, weil sie wohl glaubte, ich würde ihn ihr wieder wegnehmen. Dann zeigte ich ihr die Puppe und buchstabierte abermals das Wort, indem ich ihr die Puppe entgegenhielt wie vorhin den Kuchen. Sie machte die Buchstaben d–o–l, ich fügte das noch fehlende l hinzu und gab ihr die Puppe. Sie rannte sofort mit ihr die Treppe hinunter und konnte den ganzen Tag nicht dahin gebracht werden, in mein Zimmer zurückzukehren.

Gestern gab ich ihr auf, an einer Nähkarte zu arbeiten. Ich machte die erste Reihe senkrechter Stiche, ließ Helen die Karte befühlen und darauf achten, daß auf ihr mehrere Reihen kleiner Löcher angebracht waren. Sie begann eifrig zu arbeiten, vollendete die Karte in wenigen Minuten und machte dies wirklich ganz sauber. Ich wollte nun versuchen, ihr ein anderes Wort beizubringen und buchstabierte ihr c–a–r–d in die Hand. Sie machte c–a nach, dann hielt sie nachdenklich inne, machte das Zeichen für essen, deutete nach unten und schob mich auf die Tür zu, womit sie meinte, ich solle nach unten gehen und ihr einen Cake holen. Sie sehen, die beiden Buchstaben c–a hatten ihr ihre »Lektion« vom Freitag in das Gedächtnis zurückgerufen — nicht daß sie irgend eine Ahnung davon hatte, daß cake die Bezeichnung für den betreffenden Gegenstand sei, sondern es war, wie ich glaube, eine einfache Ideenassociation. Ich beendete das Wort c–a–k–e und erfüllte Helens Wunsch, worüber sie sehr erfreut war. Dann buchstabierte ich d–o–l–l und begann nach der Puppe zu suchen. Sie verfolgt mit ihren Händen jede Bewegung, die man macht, und wußte sofort, daß ich mich nach der Puppe umsah. Sie wies nach unten, was bedeuten sollte, die Puppe befinde sich im Erdgeschoß. Ich machte das Zeichen, das sie gebraucht hatte, als sie wünschte, ich solle ihr den Cake holen, und drängte sie auf die Tür zu. Sie schritt vorwärts, dann zögerte sie einen Augenblick und kämpfte offenbar mit sich, ob sie gehen sollte oder nicht. Sie entschied sich dafür, mich hinunterzuschicken. Ich schüttelte den Kopf, buchstabierte ihr das Wort d–o–l–l mit größerem Nachdruck in die Hand und öffnete ihr die Tür; aber sie weigerte sich hartnäckig zu gehorchen. Sie hatte ihren Cake noch nicht aufgegessen, und ich nahm ihn ihr weg, indem ich ihr bedeutete, daß wenn sie mir die Puppe brächte, ich ihr den Cake zurückgeben würde. Sie stand längere Zeit ganz still, das Gesicht wie mit Blut übergossen, dann siegte ihr Verlangen nach dem Cake, sie lief die Treppe hinunter und brachte mir die Puppe; natürlich gab ich ihr den Cake, konnte sie aber nicht bewegen, wieder in mein Zimmer zu kommen.

Sie war sehr unruhig, als ich heut morgen zu schreiben begann. Sie stellte sich hinter mich, legte ihre Hand auf das Papier und steckte sie ins Tintenfaß. Diese Kleckse hier sind ihr Werk. Schließlich erinnerte ich mich an die Kindergartenperlen und wies Helen an, sie aufzureihen. Zuerst nahm ich zwei Holzperlen und eine Glasperle und ließ sie dann die Schnur und die beiden Oeffnungen der Perlen befühlen. Sie nickte und begann sofort die Schnur mit hölzernen Perlen zu beziehen. Ich schüttelte den Kopf, nahm sie alle ab und ließ sie die beiden Holzperlen und die eine Glasperle befühlen. Sie prüfte sie nachdenklich und begann von neuem. Diesmal reihte sie zuerst die Glasperlen und dann die beiden Holzperlen auf. Ich nahm sie wieder ab und zeigte ihr, daß zuerst die beiden Holzperlen kommen müßten und dann erst die Glasperle. Sie hatte keine weitere Mühe damit und reihte die Perlen rasch aneinander, leider nur allzu rasch. Als sie fertig war, knüpfte sie die beiden Enden der Schnur zusammen und legte sie um ihren Hals. In der nächsten Schnur hatte ich den Knoten nicht groß genug gemacht, und die Perlen fielen fast so rasch wieder herunter, wie Helen sie aufgereiht hatte; sie löste aber selbst die Schwierigkeit, indem sie die Schnur durch eine Perle zog und letztere festknüpfte. Ich fand dies sehr geschickt. Sie unterhielt sich mit den Perlen bis zum Mittagessen und legte mir ab und zu die Ketten zur Begutachtung vor.

Montag nachmittags.

Heute früh hatte ich einen heißen Kampf mit Helen zu bestehen. Obgleich ich mich mit aller Kraft dagegen sträubte, gewaltsame Mittel zur Anwendung zu bringen, so fürchte ich doch, dies wird sich auf die Dauer nicht umgehen lassen.

Helens Benehmen bei Tische ist entsetzlich. Sie greift mit ihren Händen auf unsere Teller und nimmt davon weg, und wenn die Schüsseln herumgegeben werden, so greift sie hinein und nimmt sich, was ihr beliebt. Heut früh wollte ich ihr nicht erlauben, mit der Hand auf meinen Teller zu fassen. Sie beharrte bei ihrem Vorsatz, und es folgte nun ein sehr heftiger Auftritt. Natürlich verließ die übrige Familie voller Verlegenheit das Zimmer. Ich verschloß die Türe zum Speisezimmer und setzte mich wieder zu meinem Frühstück hin, obgleich mich die Speisen beinahe anwiderten. Helen lag schreiend und mit Händen und Füßen um sich schlagend auf dem Fußboden und suchte meinen Stuhl unter mir fortzuziehen. So verging eine halbe Stunde; dann stand sie auf, um zu sehen, was ich tat. Ich zeigte ihr, daß ich aß, ließ sie aber nicht mit der Hand auf den Teller fassen. Sie kniff mich, und ich schlug ihr jedesmal, wenn sie dies tat, auf die Hand. Dann ging sie um den ganzen Tisch herum, um zu sehen, wer da sei, und war ganz erstaunt, als sie außer mir niemand fand. Nach ein paar Minuten kam sie zu ihrem Platze zurück und begann ihr Frühstück mit den Fingern zu verzehren. Ich gab ihr einen Löffel, den sie aber auf den Fußboden warf. Ich zerrte sie von ihrem Stuhle herunter und zwang sie, ihn aufzuheben. Endlich gelang es mir, sie auf ihren Stuhl zurückzubringen; ich drückte ihr den Löffel in die Hand und nötigte sie, damit zu essen. Nach einigen Minuten fügte sie sich und beendete ruhig ihr Frühstück. Darauf hatten wir einen anderen Zwist über das Zusammenfalten ihrer Serviette. Als sie mit ihrem Frühstück fertig war, warf sie das Tuch zur Erde und lief zur Tür. Als sie diese verschlossen fand, begann sie wieder mit den Füßen auszuschlagen und zu schreien. Es dauerte eine volle Stunde, ehe ich sie dazu bringen konnte, ihre Serviette zusammenzulegen. Dann ließ ich sie in den warmen Sonnenschein hinaus und begab mich nach meinem Zimmer, wo ich mich ganz erschöpft auf das Bett warf. Ich weinte mich ordentlich aus und fühlte mich darauf besser. Ich glaube, ich werde noch mehr solcher Kämpfe mit der jungen Dame zu bestehen haben, ehe sie die beiden wesentlichen Dinge lernt — die einzigen, die ich ihr beibringen kann — Gehorsam und Liebe.

Gott befohlen, meine Liebe! Aengstigen Sie sich nicht um mich. Ich will mein Bestes tun und das übrige der Macht anheimstellen, die das vollbringt, was uns zu leisten unmöglich ist. Frau Keller ist mir sehr sympathisch.

Tuscumbia, Alabama, 11. März 1887.

Seit ich das letztemal schrieb, sind wir, Helen und ich, nach einem kleinen Gartenhause, das nicht weit von Ivy Green, dem Familienhause, entfernt liegt, umgezogen und leben hier ganz für uns allein. Ich sah sehr bald ein, daß mit Helen im Schoße ihrer Familie, die ihr stets in allem den Willen gelassen hat, absolut nichts anzufangen sei. Sie hat jedermann tyrannisiert, ihre Mutter, ihren Vater, die Dienerschaft, die kleinen Negerkinder, die mit ihr spielten, und niemand ist ihr je bis zu meiner Ankunft ernstlich entgegengetreten, mit Ausnahme ihres Bruders James, der dies ab und zu getan hat, und wie alle Tyrannen hält sie an diesem ihrem angestammten Rechte von Gottes Gnaden, alles zu tun, was ihr beliebt, mit Zähigkeit fest. Als ich sie zu unterrichten begann, hatte ich mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie wollte um keines Haares Breite nachgeben, ohne es auf einen verzweifelten Kampf ankommen zu lassen. Im guten konnte ich gar nichts von ihr erreichen. Selbst zu den einfachsten Dingen wie zum Kämmen ihres Haares, zum Händewaschen, zum Zuknöpfen ihrer Schuhe mußte sie mit Gewalt angehalten werden, und natürlich war ein peinlicher Auftritt die Folge. Die Angehörigen fühlten natürlich Neigung, sich einzumischen, namentlich ihr Vater, der es nicht ertragen kann, sie weinen zu sehen. So waren sie alle gewillt, des lieben Friedens halber nachzugeben. Ich sah klar ein, daß jeder Versuch, sie im Gebrauch der Sprache oder in sonst etwas zu unterrichten, zwecklos sei, solange sie nicht gelernt habe, mir zu gehorchen. Ich habe viel darüber nachgedacht, und je reiflicher ich mir die Sache überlege, desto fester bin ich davon überzeugt, daß Gehorsam das Tor ist, durch welches das Wissen, ja sogar die Liebe ihren Einzug in die Seele eines Kindes halten. Wie ich Ihnen schon schrieb, glaubte ich anfangs nur Schritt für Schritt vorgehen zu dürfen. Ich hatte mir vorgenommen, mir die Liebe und das Vertrauen meines kleinen Zöglings durch dieselben Mittel zu gewinnen, die ich in Anwendung gebracht haben würde, wenn sie hätte sehen und hören können. Aber bald fand ich, daß mir kein Weg zu ihrem Herzen offen stand. Sie nahm alles, was ich für sie tat, als selbstverständlich hin, wehrte meine Liebkosungen ab, und es war mir schlechterdings unmöglich, mir ihre Zuneigung zu erwerben.