Ich hatte eine freie, offene Aussprache mit Frau Keller und setzte ihr auseinander, wie schwer es für mich unter den obwaltenden Umständen sei, etwas mit Helen zu beginnen. Ich erklärte ihr, daß meiner Meinung nach das Kind mindestens für einige Wochen von der Familie getrennt werden und daß Helen mir gehorchen lernen müsse, ehe ich irgend etwas anderes unternehmen könne. Nach einer langen Pause antwortete mir Frau Keller, sie wolle sich die Sache überlegen und hören, was ihr Gatte zu dem Plane meinte. Der Hauptmann Keller willigte gegen mein Erwarten sehr rasch ein, und ich beeilte mich, die Vorkehrungen zum Umzuge so bald wie möglich zu treffen.
In der neuen Wohnung zeigte sich Helen anfangs sehr ungebärdig und ließ sich am ersten Abend erst nach einem erbitterten zweistündigen Kampfe zu Bett bringen. Am nächsten Morgen war sie ruhiger, litt aber offenbar an Heimweh. Sie spielte mehr als sonst mit ihren Puppen und behandelte diese mit großer Zärtlichkeit, wollte aber nichts von mir wissen.
Helen kennt jetzt verschiedene Wörter, hat aber weder eine Ahnung von ihrem Gebrauche, noch weiß sie, daß jedes Ding einen Namen hat. Ich glaube jedoch, daß sie leicht und schnell lernen wird. Wie erwähnt, ist sie außerordentlich lebhaft und geschäftig und in ihren Bewegungen ebenso rasch wie unstet.
13. März 1887.
Sie werden sich freuen, zu hören, daß mein Experiment einen guten Ausgang nimmt. Weder gestern noch heut habe ich mit Helen die geringste Mühe gehabt. Sie hat drei neue Wörter gelernt, und wenn ich ihr die Gegenstände gebe, deren Bezeichnung sie gelernt hat, so buchstabiert sie diese unverzüglich; sie scheint aber froh zu sein, wenn der Unterricht vorüber ist.
Wir machten heut früh einen fröhlichen Spaziergang im Garten. Helen wußte augenscheinlich, wo sie war, sobald sie die Buchsbaumhecken berührte, und machte mehrere Zeichen, die ich nicht verstand. Ohne Zweifel waren es Bezeichnungen für die verschiedenen Mitglieder der Familie in Ivy Green.
20. März 1887.
Mein Herz jauchzt heute vor Freude. Ein Wunder hat sich ereignet. Das Licht des Verständnisses ist im Geiste meines kleinen Zöglings aufgegangen, und siehe da, alles hat ein verändertes Ansehen gewonnen.
Das kleine wilde Geschöpf von vor vierzehn Tagen hat sich in ein artiges Kind umgewandelt. Helen sitzt, während ich schreibe, mit heiterem und fröhlichem Gesichte neben mir und häkelt eine lange Spitze aus roter schottischer Wolle. Sie hat in vergangener Woche nähen gelernt und ist sehr stolz auf ihre Fertigkeit. Als sie die Spitze so lang gemacht hatte, daß sie über das Zimmer hinwegreichte, so klopfte sie sich selbst auf den Arm und legte das erste Werk ihrer Hände zärtlich an ihre Wange. Sie läßt sich jetzt von mir küssen und setzt sich, wenn sie besonders guter Laune ist, kurze Zeit auf meinen Schoß, erwidert aber meine Liebkosungen noch nicht. Der große Schritt, — der Schritt, auf den es ankommt — ist geschehen. Die kleine Wilde hat ihre erste Lektion gehorsam genommen und findet die Sache ganz ergötzlich. Es entsteht für mich jetzt die dankbare Aufgabe, die schöne Intelligenz, die sich in der Kindesseele zu regen beginnt, zu leiten und zu bilden.
Auch andere bemerken schon die Veränderung, die mit Helen vorgegangen ist. Ihr Vater besucht uns jeden Morgen und jeden Abend und ruft, wenn er sie ihre Perlen eifrig aneinanderreihen oder auf ihrer Nähkarte horizontale Stichreihen machen sieht, voller Verwunderung aus: Wie ruhig sie ist! Als ich kam, waren ihre Bewegungen so unstet, daß man stets fühlte, sie habe etwas Abnormes, ja beinahe Krankhaftes an sich. Auch habe ich bemerkt, daß sie viel weniger ißt, ein Umstand, der ihren Vater so sehr beunruhigt, daß er sie durchaus wieder nach Hause nehmen will. Er behauptet, sie leide an Heimweh. Ich bin damit nicht einverstanden, doch fürchte ich, wir werden unser kleines Bauer sehr bald verlassen müssen.