Gestern ließ ich während der Unterrichtsstunde einen kleinen Negerknaben hereinkommen, und zeigte auch ihm die Buchstaben. Dies machte Helen großes Vergnügen und stachelte ihren Ehrgeiz an, sich vor Percy hervorzutun. Sie freute sich, wenn er einen Fehler machte, und ließ ihn den Buchstaben mehrere Male wiederholen. Wenn es ihm gelang, sie zufriedenzustellen, klopfte sie ihm so kräftig auf seinen wolligen Kopf, daß ich glaubte, er habe die Fehler absichtlich gemacht.
Hauptmann Keller brachte eines Tages »Belle« mit, einen Hühnerhund, auf den er sehr stolz ist. Er war begierig, ob Helen ihren alten Spielkameraden wiedererkennen würde. Helen badete Nancy gerade und bemerkte anfangs den Hund gar nicht. Für gewöhnlich fühlt sie den leisesten Schritt und streckt die Arme aus, um sich zu vergewissern, ob sich jemand in ihrer Nähe befindet. Belle schien es nicht sehr eilig zu haben, Helens Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich glaube, sie ist mitunter von ihrer kleinen Herrin recht rauh behandelt worden. Der Hund war aber kaum eine halbe Minute im Zimmer, als Helen herumzuschnobern begann, die Puppe in die Badewanne warf und im Zimmer umherfühlte. Sie stolperte über Belle, die am Fenster lag. Sie erkannte sofort den Hund, denn sie schlang ihre Arme um seinen Hals und drückte ihn an sich. Dann setzte sich Helen neben das Tier und begann sich an seinen Pfoten zu schaffen zu machen. Wir konnten uns für den ersten Augenblick ihr Verhalten nicht erklären; als wir aber bemerkten, daß sie die Buchstaben d–o–l–l mit ihren Fingern bildete, wußten wir daß sie Belle das Buchstabieren beizubringen suchte.
28. März 1887.
Helen und ich sind gestern nach Hause gekommen. Ich bedauere, daß wir nicht noch eine Woche bleiben durften; aber ich glaube, ich habe die Gelegenheit, die mir in den letzten vierzehn Tagen geboten war, nach besten Kräften ausgenützt, und hoffe nicht, mit Helen in Zukunft noch ernstliche Mühe zu haben. Die größten Hindernisse, die sich einem Fortschreiten in den Weg stellten, sind gebrochen. Ich glaube, »nein« und »ja«, begleitet von einem Schütteln oder Nicken des Kopfes sind für Helen so greifbare Tatsachen geworden wie Wärme und Kälte oder der Unterschied zwischen Schmerz und Behagen. Und ich werde auch dafür sorgen, daß die Lektion, die sie unter soviel Kummer und Schmerz gelernt hat, nicht wieder vergessen wird. Ich werde mich zwischen meine Schülerin und die übergroße Nachsicht ihrer Eltern stellen. Ich habe Herrn und Frau Hauptmann Keller erklärt, sie dürften in keinerlei Weise meine Anordnungen durchkreuzen. Ich habe mein Bestes getan, um ihnen klarzumachen, wie furchtbar sie sich an Helen versündigten, wenn sie ihr in allen Dingen ihren Willen ließen, und habe darauf hingewiesen, daß die Versuche, dem Kinde beizubringen, es könne nicht alles nach seinem Willen gehen, notwendig für dieses selbst wie für seine Lehrerin von schmerzlichen Empfindungen begleitet seien. Sie versprachen, mir freie Hand zu lassen und mich nach Kräften zu unterstützen. Die unverkennbaren Fortschritte, die ihr Kind gemacht hat, haben ihnen größeres Vertrauen zu mir eingeflößt. Natürlich ist es hart für sie. Ich begreife, daß es ihnen wehtut, zu sehen, wie ihr unglückliches kleines Kind bestraft und gezwungen wird, gewisse Dinge gegen seinen Willen zu tun. Nur wenige Stunden nach meiner Unterredung mit Herrn und Frau Hauptmann Keller (und sie hatten mir in allem beigepflichtet) setzte sich Helen bei Tisch in den Kopf, die Serviette nicht zu benutzen. Offenbar wollte sie probieren, was nun geschehen würde. Ich versuchte mehrmals, ihr die Serviette um den Hals zu legen, jedesmal aber riß sie sich das Tuch ab, warf es zur Erde und begann endlich den Tisch mit den Füßen zu bearbeiten. Ich nahm ihr den Teller weg und stand auf, um sie aus dem Zimmer zu führen; da aber schlug sich der Hauptmann ins Mittel und erklärte, er werde es unter keinen Umständen zugeben, daß eins seiner Kinder nichts zu essen bekäme.
Nach dem Abendessen kam Helen nicht mehr in mein Zimmer, und ich sah sie vor dem Frühstück am nächsten Morgen nicht wieder. Sie saß auf ihrem Platze, als ich herunterkam. Sie hatte sich ihre Serviette unter das Kinn gesteckt, anstatt, wie es ihre Gewohnheit war, sich das Tuch auf dem Rücken festzustecken, und lenkte meine Aufmerksamkeit auf diese Neuerung; als ich keine Einsprache dagegen erhob, schien sie erfreut zu sein und streichelte sich selbst. Als sie das Eßzimmer verließ, ergriff sie meine Hand und streichelte sie ebenfalls. Ich war begierig, was sie zu tun beabsichtigte, und beschloß, der Gewöhnung an Zucht und Sitte etwas nachzuhelfen. Ich ging nach dem Eßzimmer zurück und holte mir eine Serviette. Als Helen zum Unterricht heraufkam, legte ich alle Gegenstände in gewohnter Weise auf den Tisch; nur der Kuchen fehlte, von dem ich ihr ein Stückchen zur Belohnung zu geben pflegte, wenn sie ein Wort recht rasch buchstabiert hatte. Helen bemerkte dies sofort und machte das entsprechende Zeichen für »Kuchen«. Ich zeigte ihr die Serviette, band sie ihr um den Hals, riß sie dann ab und warf sie zur Erde und schüttelte dabei den Kopf. Dies tat ich mehrmals hintereinander. Helen verstand mich vortrefflich, denn sie schlug sich ein paarmal derb auf die Hand und schüttelte gleichfalls mit dem Kopfe. Inzwischen begann der Unterricht. Ich gab ihr einen Gegenstand in die Hand, und Helen buchstabierte das betreffende Wort. Mit einem Male hielt sie inne, als ob ihr ein Gedanke durch den Kopf schösse, und griff nach der Serviette, die sie sich rasch um den Hals knüpfte, wobei sie ihr Zeichen für »Kuchen« machte. Ich nahm dies für ein Versprechen, daß, wenn ich ihr etwas Kuchen gebe, sie ein artiges Kind sein wolle, und gab ihr ein größeres Stück als gewöhnlich; Helen war darüber sehr erfreut und klopfte und streichelte sich selbst voller Befriedigung.
3. April 1887.
Wir bringen fast unsere ganze Zeit im Garten zu, wo alles sproßt und blüht und grünt. Nach dem Frühstück gehen wir hinaus und sehen den Leuten bei ihrer Arbeit zu. Helen liebt es, zu graben und im Schmutze herumzuspielen wie jedes andere Kind. Heut früh pflanzte sie ihre Puppe in die Erde und deutete mir an, sie erwarte, die Puppe werde so groß werden wie ich.
Um zehn Uhr gehen wir hinein und reihen einige Minuten lang Perlen auf. Helen kann sie schon in sehr verschiedener Weise zusammenstellen und denkt sich öfters selbst neue Arten aus. Dann überlasse ich es ihrer Wahl, ob sie nähen, stricken oder häkeln will. Stricken lernte sie sehr schnell und fertigt jetzt einen Waschlappen für ihre Mutter an. In der vergangenen Woche machte sie ihrer Puppe eine Schürze und kam damit so gut zustande wie jedes andere Kind ihres Alters. Um elf Uhr haben wir Turnen. Sie kennt alle Freiübungen mit und ohne Hanteln. Die Stunde von zwölf bis eins wird zur Erlernung neuer Wörter benutzt. Sie dürfen aber nicht glauben, daß dies die einzige Zeit ist, in der ich mit Helen buchstabiere; ich buchstabiere ihr im Gegenteil alles, was wir den ganzen Tag über tun, in die Hand, obgleich sie bis jetzt noch keine Ahnung hat, was das Buchstabieren eigentlich bedeutet. Nach dem Mittagessen ruhe ich eine Stunde, und Helen spielt mit ihrer Puppe oder tummelt sich im Hofe mit den kleinen Negern umher, die vor meiner Ankunft ihre beständigen Spielgefährten waren. Später geselle ich mich zu ihnen, und wir machen dann die Runde durch die Wirtschaftsgebäude. Wir besuchen die Pferde und Maultiere in ihren Ställen, suchen nach Eiern und füttern die Truthühner. Oft gehen wir, wenn das Wetter schön ist, von vier bis sechs Uhr spazieren oder besuchen Helens Tante in Ivy Green oder ihre Verwandten in der Stadt. Helen hat einen stark entwickelten Geselligkeitstrieb; sie liebt es, Menschen um sich zu haben und ihre Bekannten zu besuchen, zum Teil allerdings, wie ich glaube, weil diese stets einige Leckerbissen für sie übrig haben. Nach dem Abendessen gehen wir in mein Zimmer und vertreiben uns die Zeit mit allerlei Beschäftigungen bis um acht, dann ziehe ich das kleine Fräulein aus und bringe es zu Bett. Helen schläft jetzt bei mir. Frau Keller wollte mir eine Wärterin für sie geben; ich glaube aber, es ist besser, ich bin ihre Wärterin, als daß ich eine dumme, faule Negerin zu beaufsichtigen habe. Außerdem ziehe ich es vor, daß Helen ganz allein auf mich angewiesen ist, und ich finde es viel leichter, sie bei allen sich bietenden Gelegenheiten zu unterrichten als zu festgesetzten Stunden.
Am 31. März fand ich, daß Helen achtzehn Substantiva und drei Verba kannte. Hier eine Liste dieser Wörter. Die mit einem Kreuz bezeichneten sind Wörter, nach denen sie selbst fragte: doll, mug, pin, key, dog, hat, cup, box, water, milk, candy, eye (×), finger (×), toe (×), head (×), cake, baby, mother, sit, stand, walk. Am 1. April lernte sie die Substantiva knife, fork, spoon, saucer, tea, papa, bed und das Verbum run.
5. April 1887.