Wenn ich mich für diese große Aufgabe nur besser eignete! Ich fühle mich ihr täglich weniger gewachsen. Mein Geist steckt voller Pläne; nur kann ich sie leider nicht in die Tat umsetzen. Sie sehen, mein Geist ist undiszipliniert, ich irre plan- und ziellos umher. O wenn ich nur jemand hätte, der mir helfen könnte! Ich brauche einen Lehrer genau so gut wie Helen. Ich weiß, daß die Erziehung dieses Kindes das Hauptereignis meines Lebens sein wird, wenn ich nur die Kraft und Ausdauer habe, sie zu vollenden. Eins ist mir klar geworden: Helen muß Bücher benutzen lernen, wir müssen sie beide benutzen lernen, und dabei fällt mir ein — wollen Sie die Freundlichkeit haben, Herrn Anagnos zu bitten, mir die Psychologien von Perez und Sully zu besorgen? Ich glaube, sie werden mir nützlich sein können.
Wir halten jetzt jeden Tag Leseübungen ab. In der Regel nehmen wir eins der kleinen Lesebücher mit auf einen hohen Baum, der in der Nähe des Hauses steht, und verwenden eine bis zwei Stunden auf das Aufsuchen von Wörtern, die Helen schon kennt. Wir betreiben es als eine Art Spiel und sehen zu, wer die Wörter rascher finden kann, Helen mit ihren Fingern oder ich mit meinen Augen, und sie lernt soviel neue Wörter, wie ich ihr mit Hilfe der ihr bereits bekannten erklären kann. Gleiten ihre Finger über Wörter, die sie kennt, so schreit sie vor Vergnügen auf und herzt und küßt mich voller Freuden, namentlich wenn sie glaubt, sie sei die Siegerin. Später setze ich die neuen Wörter im Rahmen zu kleinen Sätzen zusammen, und manchmal ist es möglich, sie zu einer kleinen Geschichte von einer Biene, einer Katze oder einem kleinen Knaben zu gestalten. Ich kann sie jetzt heißen die Treppe herauf- oder hinuntergehen, Gegenstände wegtragen oder bringen, sitzen, stehen, gehen, laufen, liegen, kriechen, sich herumwälzen oder klettern; sie ist über Tätigkeitswörter entzückt; daher macht es überhaupt keine Mühe, ihr die Verben beizubringen. Sie ist auf die Aneignung eines Satzes so stolz wie ein Feldherr, der die Streitkraft des Feindes gefangen genommen hat.
Eine von Helens alten Gewohnheiten, die am festesten gewurzelt und am schwersten zu bekämpfen ist, ist ihre Sucht, Gegenstände zu zertrümmern. Wenn sie irgend etwas auf ihrem Wege findet, so schleudert sie es zur Erde, gleichviel, was es ist: ein Glas, ein Krug oder gar eine Lampe. Sie besitzt eine große Menge Puppen, und jede von ihnen ist in einem Anfall von Wut oder Langeweile zerbrochen worden. Eines Tages hatte ihr ein bekannter Herr eine neue Puppe aus Memphis mitgebracht, und ich wollte versuchen, ob ich es nicht Helen begreiflich machen könnte, daß sie sie nicht zerbrechen dürfe. Ich ließ sie die Bewegung machen, als schlüge sie den Kopf der Puppe auf den Tisch auf, und buchstabierte ihr in die Hand: No, no, Helen is naughty. Teacher is sad — und ließ sie den bekümmerten Ausdruck meines Gesichtes fühlen. Dann ließ ich sie die Puppe liebkosen, auf die getroffene Stelle küssen und zärtlich in ihren Armen wiegen, buchstabierte ihr dabei in die Hand: Good Helen, teacher is happy — und ließ sie das Lächeln auf meinem Gesichte fühlen. Sie machte diese Bewegungen mehrmals und gab dabei auf jede Kleinigkeit acht; dann stand sie einen Augenblick ganz still mit bekümmertem Gesichtsausdruck, der sich aber plötzlich aufhellte, buchstabierte. Good Helen — und verzog ihr Gesicht zu einem breiten, künstlichen Lächeln. Dann trug sie die Puppe die Treppe hinauf, legte die in das oberste Fach des Kleiderschrankes und hat sie seitdem nie wieder berührt.
2. Juni 1887.
Das Wetter ist drückend heiß. Wir schmachten förmlich nach Regen. Wir sind alle in großer Sorge um Helen. Sie ist sehr nervös und aufgeregt. Sie kann des Nachts nicht schlafen und leidet an Appetitlosigkeit. Es ist schwer zu raten. Der Arzt sagt, ihr Geist sei zu rege; wie sollen wir sie aber vom Denken abhalten? Sie beginnt zu buchstabieren, sobald sie aufwacht, und fährt damit den ganzen Tag lang fort. Wenn ich nicht mit ihr sprechen will, so buchstabiert sie in ihre eigene Hand und unterhält sich augenscheinlich auf das lebhafteste mit sich selbst.
Ich gab ihr meinen Braillestift in der Meinung, das mechanische Einstechen von Löchern in das Papier würde sie zerstreuen und ihren Geist beruhigen. Wie groß war aber mein Erstaunen, als ich fand, daß die kleine Hexe Briefe schrieb! Ich hatte keine Ahnung davon, daß sie wußte, was überhaupt ein Brief sei. Sie ist öfters mit mir nach der Post gegangen, wenn ich Briefe besorgte, und ich glaube, ich habe ihr manches aus dem Inhalt meiner Briefe an Sie mitgeteilt. Auch wußte sie, daß ich ab und zu »Briefe an blinde Mädchen« mit dem Braillestift schrieb, aber ich glaubte nicht, daß sie irgend eine klare Vorstellung davon habe, was ein Brief sei. Eines Tages brachte sie mir einen Bogen, den sie über und über mit Löchern bedeckt hatte, wollte ihn in einen Umschlag stecken und nach der Post tragen. Sie sagte: Frank—letter. Ich fragte sie, was sie denn an Frank geschrieben habe. Sie entgegnete: Much words. Puppy motherdog—five. Baby—cry. Hot. Helen walk—no. Sunfire—bad. Frank—come. Helen—kiss Frank. Strawberries—very good. —
Helen liest fast ebenso eifrig, wie sie spricht. Ich finde, sie versteht den Inhalt ganzer Sätze, indem sie die Bedeutung der ihr unbekannten Wörter aus dem Zusammenhang errät.
Als ich eines Abends zu Bette ging, fand ich Helen fest eingeschlafen, während sie ein großes Buch fest in ihren Armen hielt. Sie hatte offenbar gelesen und war dabei eingeschlafen. Als ich sie am nächsten Morgen danach fragte, antwortete sie: Book—cry und ergänzte dies durch Zittern und andere Zeichen von Furcht. Ich lehrte sie das Wort afraid, und sie sagte: Helen is not afraid. Book is afraid. Book will sleep with girl. Ich erklärte ihr, daß sich das Buch nicht fürchte und in seinem Schranke schlafen müsse und daß »girl« nicht im Bett lesen dürfe. Sie sah mich ganz verschmitzt an und begriff offenbar, daß ich ihre List durchschaut hatte.
Und nun zum Schluß noch eins, das nur für Ihre Ohren bestimmt ist. Eine innere Stimme sagt mir, daß mein Unternehmen über alles Wünschen und Träumen hinaus von Erfolg gekrönt sein wird. Wären nicht einige Umstände dabei, die einen solchen Gedanken im höchsten Grade unwahrscheinlich, ja widersinnig machen, so möchte ich glauben, Helens Erziehung werde an Interesse und Wunderbarkeit Dr. Howes Leistung übertreffen. Ich weiß, meine Schülerin besitzt bedeutende Anlagen, und ich glaube, daß ich imstande bin, sie zu entwickeln und auszubilden. Ich kann Ihnen nicht angeben, auf welche Weise ich zu dieser Ueberzeugung gelangt bin. Ich hatte kurz zuvor noch keine Ahnung, wie ich zu Werke gehen sollte; ich tappte vollständig im Dunkeln umher; aber nunmehr weiß ich es, und ich weiß, daß ich es weiß. Ich kann mir keine klare Rechenschaft darüber ablegen; wenn sich aber Schwierigkeiten erheben, so bin ich weder ratlos noch im Zweifel. Ich weiß, wie ich ihnen entgegenzutreten habe; ich scheine Helens individuelle Bedürfnisse zu ahnen. Es ist wunderbar.
Schon erregt Helen die allgemeine Aufmerksamkeit. Niemand kann sie sehen, ohne einen tiefen Eindruck von ihr zu erhalten. Sie ist ein außergewöhnliches Kind, und das Interesse der Oeffentlichkeit an ihrer Erziehung wird ebenfalls ein außergewöhnliches sein. Daher wollen wir recht vorsichtig in Bezug auf alles sein, was wir über sie sagen oder schreiben. Ich will Ihnen ohne jeden Rückhalt schreiben und Ihnen alles berichten, aber nur unter einer Bedingung, nämlich der, daß Sie mir versprechen, meine Briefe niemand zu zeigen. Meine herrliche Helen soll nicht zu einem Wunderkinde gemacht werden, sofern ich es verhüten kann.