5. Juni 1887.
Helen interessiert sich sehr für einige kleine Hühnchen, die sich heut morgen ihren Weg in die Welt pickten. Ich gab ihr ein Ei in die Hand und ließ sie fühlen, wie die Hühnchen tschip-tschip riefen. Ihr Erstaunen, als sie das zarte Geschöpf im Innern des Eies fühlte, läßt sich nicht in Worte fassen. Die Henne war sehr nett und erhob keinen Einspruch gegen unsere Untersuchungen. Außer den Hühnchen haben wir noch verschiedenen anderen Familienzuwachs erhalten — zwei Kälber, ein Füllen und eine Anzahl komischer kleiner Schweine. Sie würden lachen müssen, wenn Sie mich sähen, wie ich ein quiekendes Ferkel in meinen Armen halte, während Helen es am ganzen Leibe betastet und zahllose Fragen stellt — Fragen, die keineswegs leicht zu beantworten sind. Nachdem sie beobachtet hatte, wie die Hühnchen aus dem Ei kommen, fragte sie: Did baby pig grow in egg? Where are many shells? Helens Kopfumfang beträgt 21½ Zoll, der meinige 22½; Sie sehen, ich bin ihr nur um einen Zoll voraus!
12. Juni 1887.
Das Wetter ist nach wie vor heiß. Helen ist ungefähr dieselbe geblieben — bleich und hager. Doch dürfen Sie nicht glauben, daß sie wirklich krank ist. Ich bin überzeugt, die Hitze und nicht die natürliche, vielversprechende Regsamkeit ihres Geistes ist schuld an ihrem Zustande. Selbstverständlich werde ich ihr Gehirn nicht überbürden. Wir werden tagtäglich von Leuten überlaufen, die bereit sind, die Verantwortlichkeit für die Welt zu übernehmen, wenn sich der liebe Gott eine Versäumnis zuschulden kommen läßt. Sie erklären uns, Helen »strenge sich zu sehr an«, ihr Geist sei zu lebhaft (genau dieselben Leute glaubten noch vor ein paar Monaten, sie besäße überhaupt keinen), und erteilen uns allerhand unmögliche und widersinnige Ratschläge.
Augenblicklich unterweise ich Helen in der Quadratschrift. Die Beschäftigung lenkt sie etwas ab und nötigt sie zum Stillsitzen, was bei dieser erschlaffenden Hitze sehr wünschenswert ist. Sie hat eine völlige Manie für das Zählen. Sie hat alles im Hause gezählt und ist jetzt dabei, die Wörter in ihrer Fibel zu zählen. Hoffentlich wird es ihr nicht in den Sinn kommen, die Haare ihres Hauptes zählen zu wollen. Könnte sie sehen und hören, so würde sich ihre überschüssige Energie in einer Weise entladen, die vielleicht ihr Gehirn nicht so übermäßig belasten würde, obgleich ich andererseits glaube, daß auch das normale Kind sein Spiel ziemlich ernst nimmt.
15. Juni 1887.
In der vergangenen Nacht hatten wir ein prächtiges Gewitter, und es ist heut viel kühler. Wir fühlen uns alle erfrischt, als hätten wir eine Dusche genommen. Helen läuft herum wie ein Wiesel. Sie wollte wissen, ob im Himmel geschossen würde, wenn sie den Donner fühlte, und ob die Bäume und Blumen allen Regen auftränken.
Sie kennt jetzt vierhundert Wörter, abgesehen von zahlreichen Eigennamen. Sie kann rasch bis dreißig zählen, und sieben von den Buchstaben der Quadratschrift sowie die Wörter, die sie aus ihnen bilden kann, schreiben... Sie erkennt sofort jeden wieder, mit dem sie einmal zusammengetroffen ist. Im Gegensatze zu Laura Bridgman liebt sie Herrengesellschaft, und wir bemerken, daß sie sich leichter mit Herren befreundet als mit Damen.
Sie ist stets bereit, alles, was sie hat, mit ihrer Umgebung zu teilen, wobei oft nur sehr wenig für sie selbst übrig bleibt. Sie hält sehr auf ihre Kleidung, liebt sich zu putzen und ist ganz untröstlich, wenn sie ein Loch in einem Kleidungsstück entdeckt. Abends will sie durchaus ihre Haare zu Locken gedreht haben, selbst wenn sie so müde ist, daß sie kaum stehen kann.