3. Juli 1887.
Heute früh entstand ein großer Lärm unten im Erdgeschoß. Ich hörte Helen schreien und eilte hinunter, um zu sehen, was der Grund davon war. Ich fand sie in fürchterlicher Aufregung. Ich hatte gehofft, ein solcher Auftritt würde sich nie wieder ereignen. Sie war die letzten zwei Monate so artig und folgsam gewesen, daß ich glaubte, ich hätte den Leuen gebändigt, aber er schien nur geschlummert zu haben. Jedenfalls zauste, kratzte und biß sie jetzt Viney wie eine wilde Katze. Es scheint, als habe die Dienerin den Versuch gemacht, Helen ein Glas, das diese mit Steinen füllte, wegzunehmen, aus Furcht, sie könne es zerbrechen. Helen widersetzte sich; Viney versuchte, es ihr mit Gewalt aus der Hand zu reißen, und ich fürchte, sie hat das Kind geschlagen oder sonst etwas getan, was diesen außergewöhnlichen Wutausbruch veranlaßte. Als ich Helen bei der Hand nahm, begann sie zu weinen. Ich fragte sie, was geschehen sei, und sie buchstabierte: Viney—bad und begann sie mit erneuter Heftigkeit zu schlagen und mit den Füßen zu stoßen. Ich hielt ihr die Hände fest, bis sie sich beruhigt hatte.
Später kam Helen zu mir ins Zimmer; sie sah sehr traurig aus und wollte mich küssen. Ich antwortete: „I cannot kiss naughty girl,“ worauf sie buchstabierte: „Helen is good, Viney is bad.“ — Ich erwiderte: „Du hast Viney gestoßen und getreten und ihr weh getan. Du bist sehr unartig gewesen und ich kann unartiges Mädchen nicht küssen.“ — Sie stand einen Augenblick ganz still, und man sah es, daß in ihrem Innern ein Kampf vor sich ging. Dann versetzte sie: Helen did (does) not love teacher. Helen do love mother. Mother will whip Viney.“ Ich sagte ihr, sie täte besser, nicht mehr über den Vorfall zu sprechen oder an ihn zu denken. Sie erkannte, daß ich sehr betrübt war, und wollte sich an mich anschmiegen; ich hielt es aber für das beste, ihr einen besonderen Platz anzuweisen. Bei Tisch war sie sehr bekümmert, daß ich nicht aß, und machte den Vorschlag, die Köchin solle Tee für mich bereiten. Aber ich sagte ihr, mein Herz sei traurig, und ich hätte keine Lust zu essen. Sie begann zu weinen und zu schluchzen und klammerte sich an mich an.
Sie war sehr aufgeregt, als wir nach oben gingen, und ich versuchte daher, ihre Aufmerksamkeit auf ein sonderbares Tier, ein Gespensterkrebschen (stick-bug), zu lenken. Es ist dies das sonderbarste Geschöpf, das ich je gesehen habe — ein kleines Reisigbündel, das in der Mitte zusammengeschnürt ist. Ich wollte nicht glauben, daß es lebendig wäre, bis ich es sich bewegen sah. Und selbst dann glich es eher einem mechanischen Spielzeug als einem lebenden Wesen. Aber Helen, das arme, kleine Ding, konnte ihre Aufmerksamkeit nicht konzentrieren. Ihr Herzchen war voller Betrübnis und sie wollte darüber sprechen. Sie fragte: „Can bug know about naughty girl? Is bug verv happy?“ Dann schlang sie ihre Arme um meinen Hals und sagte: „I am good to-morrow. Helen is good all days.“ — „Willst du Viney sagen, daß es dir leid tut, daß du sie gekratzt und mit den Füßen gestoßen hast?“ — Sie lächelte und antwortete: „Viney not spell words.“ — „Ich will Viney sagen, daß es dir sehr leid tut. Willst du mit mir gehen und Viney suchen?“ — Sie war dazu bereit und ließ sich von Viney küssen, obgleich sie ihre Liebkosungen nicht erwiderte. Seitdem ist sie außergewöhnlich sanft, und über ihre Züge ist eine Lieblichkeit — eine Seelenschönheit ausgegossen, die ich bisher an ihr nicht wahrgenommen habe.
31. Juli 1887.
Helen schreibt mit Bleistift schon ganz vorzüglich. Ich lehre sie das Braille-Alphabet, und sie ist ganz entzückt darüber, daß sie imstande ist, Wörter herzustellen, die sie selbst fühlen kann.
Ihre Entwickelung ist jetzt soweit vorgeschritten, daß sie nach allem fragt. Was? warum? wann?, namentlich warum? — so geht es den ganzen Tag über, und je mehr ihre Intelligenz wächst, desto dringender werden ihre Fragen. Ich entsinne mich, wie lästig ich immer das ewige Fragen der Kinder meiner Bekannten fand, aber jetzt weiß ich, daß diese Fragen von dem zunehmenden Interesse des Kindes an den Ursachen der Dinge herrühren. Das »Warum« ist das Tor, durch das es die Welt des Denkens und der Ueberlegung betritt. How does carpenter know to build house? Who put chickens in eggs? Why is Viney black? Flies bite — why? Can flies know not to bite? Why did father kill sheep? Natürlich stellt sie viele Fragen, die nicht so verständig sind wie diese. Ihr Denken geht nicht logischer vor sich als das von Durchschnittskindern. Im ganzen gleichen ihre Fragen denen, die ein aufgewecktes Kind von drei Jahren stellt; aber ihre Wißbegierde ist äußerst groß, — ihre Fragen fallen nie lästig, obgleich sie mein geringes Maß von Kenntnissen und meinen Scharfsinn auf eine harte Probe stellen.
Vorigen Sonntag bekam ich einen Brief von Laura [Bridgman]. Sagen Sie ihr, bitte, meinen herzlichsten Dank dafür, und teilen Sie ihr mit, daß Helen ihr einen Kuß schickt. Ich las den Brief beim Abendessen, und Frau Keller rief aus: Sie sehen, Fräulein Annie, Helen schreibt schon jetzt beinahe ebensogut! — Es ist wahr.
21. August 1887.
Wir haben eine herrliche Zeit in Huntsville verlebt. Jedermann war über Helen entzückt und überschüttete sie mit Geschenken und Küssen. Am ersten Abend lernte sie die Namen aller Leute im Hotel, gegen zwanzig, glaube ich. Am nächsten Morgen waren wir erstaunt, zu finden, daß sie sich ihrer aller erinnerte und jeden einzelnen, mit dem sie am Abend zuvor zusammengetroffen war, wiedererkannte. Sie lehrte die Kinder das Alphabet, und mehrere von ihnen lernten mit ihr sprechen. Eines der Mädchen lehrte sie Polka tanzen, und ein kleiner Knabe zeigte ihr seine Kaninchen und buchstabierte ihr deren Namen in die Hand. Sie war ganz entzückt darüber und gab ihrer Freude dadurch Ausdruck, daß sie den kleinen Burschen herzte und küßte, was ihn in große Verlegenheit setzte.