Ich hielt nun die Zeit für gekommen, sie gedruckte Wörter lesen zu lehren. Ein Pappstreifen, auf dem in erhöhten Buchstaben das Wort box gedruckt war, wurde auf den betreffenden Gegenstand gelegt und derselbe Versuch bei einer großen Menge anderer Dinge wiederholt; aber Helen begriff nicht sofort, daß das auf den Gegenstand gelegte Wort diesen selbst bezeichne. Dann nahm ich einen Bogen mit dem Alphabet und legte ihren Finger auf den Buchstaben A, indem ich zugleich mit meinen Fingern ihr A in die Hand buchstabierte. Sie bewegte ihren Finger von einem gedruckten Buchstaben zum anderen, sowie ich ihr den einzelnen Buchstaben in die Hand buchstabierte. Sie lernte alle Buchstaben, große und kleine, an einem Tage. Dann nahm ich die erste Seite der Fibel vor und ließ sie das Wort cat befühlen, indem ich es ihr zu gleicher Zeit mit meinen Fingern zubuchstabierte. Sie verstand mich sofort und bat mich dog und viele andere Wörter aufzusuchen. Auch war sie sehr enttäuscht, weil ich ihren Namen in dem Buche nicht finden konnte. Damals hatte ich noch keine Sätze in Hochdruck, die sie hätte verstehen können; aber sie konnte stundenlang dasitzen und jedes Wort in ihrem Buche befühlen. Stieß sie auf eines, das ihr bekannt war, so nahm ihr Gesicht einen wahrhaft strahlenden Ausdruck an, und ihre Züge wurden von Tag zu Tag sanfter und ernster. Um diese Zeit sandte ich ein Verzeichnis der ihr bekannten Wörter an Herrn Anagnos, und er hatte die große Güte, sie für Helen in Hochdruck herzustellen. Frau Keller und ich schnitten mehrere Bogen mit gedruckten Wörtern auseinander, sodaß Helen die Wörter zu Sätzen aneinanderreihen konnte. Dies machte ihr mehr Vergnügen als alles, was sie bisher getan hatte, und die so gewonnene Uebung erleichterte ihr das Erlernen des Schreibens. Es hielt nicht schwer, ihr klarzumachen, daß sie dieselben Sätze, die sie jeden Tag mit Hilfe der Pappstreifen bildete, auch mit Bleistift auf Papier schreiben könne, und sie begriff sehr bald, daß sie sich nicht auf die schon erlernten Redewendungen zu beschränken brauche, sondern jeden Gedanken, der ihr durch den Kopf ging, damit ausdrücken könne. Ich legte ihr eine von den Schreibtafeln, wie sie von den Blinden benutzt werden, zwischen die Bogen Papier auf dem Tische und ließ sie ein Alphabet der quadratischen Buchstaben, wie sie sie schreiben konnte, befühlen. Dann führte ich ihr die Hand und half ihr den Satz bilden: Cat does drink milk. Als die damit fertig war, war sie überglücklich und brachte ihn freudestrahlend ihrer Mutter, die ihn ihr in die Hand buchstabierte.
Tag für Tag bewegte sie nun ihren Bleistift in denselben vorgezeichneten Linien auf dem Papier entlang, ohne auch nur einen Augenblick die geringste Ungeduld oder Ermüdung zu verraten.
Da sie nunmehr gelernt hatte, ihre Gedanken schriftlich auszudrücken, unterrichtete ich sie in der Brailleschrift. Das Erlernen des Systems machte ihr Freude, da sie bald entdeckte, sie könne jetzt selbst lesen, was sie geschrieben habe. Ganze Abende kann sie still am Tische sitzen und niederschreiben, was ihr in das lebhaft arbeitende Gehirn kommt, und es fällt mir selten schwer, zu lesen, was sie geschrieben hat.
Ihre Fortschritte im Rechnen sind gleichfalls bedeutend. Sie kann mit großer Schnelligkeit bis zur Summe von hundert addieren und subtrahieren, und in der Multiplikation kennt sie das Einmaleins bis zur Fünferreihe. Kürzlich beschäftigte sie sich mit der Zahl vierzig; als ich zu ihr sagte: Dividiere sie durch zwei, antwortete sie unverzüglich: zwanzigmal zwei ist vierzig. Später sagte ich: Nimm drei fünfzehnmal und zähle, was herauskommt. Ich wünschte, sie sollte Gruppen von je drei Steinen bilden und glaubte, sie würde sie dann zählen müssen, um herauszubekommen, wieviel fünfzehnmal drei ist. Aber sie buchstabierte mir sofort die Antwort zu: Fünfzehnmal drei ist fünfundvierzig.
Als ihr einmal gesagt wurde, sie sei weiß und eine der Dienerinnen schwarz, folgerte sie, daß alle, die eine ähnliche Lebensstellung innehätten, von derselben Farbe seien, und wenn sie nach der Farbe eines Dienstboten gefragt wurde, antwortete sie stets: schwarz. Als die einmal nach der Farbe jemandes gefragt wurde, dessen Stand ihr unbekannt war, schien sie nicht recht zu wissen, was sie sagen sollte, und entgegnete endlich: blau.
Obgleich ihr niemals etwas vom Tode oder vom Begräbnis gesagt worden war, so legte sie doch, als sie zum erstenmal in ihrem Leben mit ihrer Mutter und mir einen Kirchhof betrat, auf dem wir uns die Blumen ansehen wollten, ihre Hand auf unsere Augen und buchstabierte wiederholt: Cry—cry. Ihre Augen füllten sich in der Tat mit Tränen. Die Blumen schienen ihr keine Freude zu machen, und sie war ganz still, während wir dort blieben.
Als sie bei einer anderen Gelegenheit mit mir spazieren ging, schien sie sich der Anwesenheit ihres Bruders bewußt zu sein, obgleich wir noch weit von ihm entfernt waren. Sie buchstabierte mir wiederholt seinen Namen in die Hand und lief nach der Richtung, aus der er kam.
Beim Spazierengehen oder Reiten gibt sie oft die Namen der Personen, denen wir begegnen, sofort an, sobald wir sie bemerken.
13. November 1887.